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Siebter Sinn für Kippmomente

Der St. Galler Jiří Makovec fängt mit der Film- und Fotokamera auf der ganzen Welt besondere Alltagsszenen ein. Sein Talent ist auch der «New York Times» aufgefallen.
Christina Genova
Jiří Makovec ist lieber hinter als vor der Kamera. (Bild: Michel Canonica)

Jiří Makovec ist lieber hinter als vor der Kamera. (Bild: Michel Canonica)

Die Filmkamera hat Jiří Makovec immer mit dabei. Auch beim Treffen in der Lokremise St. Gallen trägt er sie über die Schulter gehängt. Er muss sein wichtigstes Arbeitsinstrument immer zur Hand haben, um im entscheidenden Augenblick auf den Auslöser zu drücken. Denn nichts an den Bildern des 42-Jährigen ist gestellt oder inszeniert. Der Künstler fängt mit Film- und Fotokamera besondere Alltagsmomente ein. Häufig sind sie so flüchtig, dass sie, kaum hat man sie wahrgenommen, wieder vorbei sind.

Jiří Makovec scheint einen siebten Sinn dafür zu haben. Das sieht man etwa im Video «The Places You’ve Left And The Place You Come To (I)», das am diesjährigen Heimspiel zu sehen war und in dessen Rahmen er im Dezember den Kunstpreis der Ortsbürgergemeinde St. Gallen erhalten hat: Ein Asiate mit zwei Tragtaschen läuft eilig und macht plötzlich rechtsumkehrt oder eine junge Frau beginnt am Strassenrand selbstvergessen zu tanzen. Es sind surreale, poetische und manchmal auch komische Szenen, die oft wenige Sekunden dauern. Diese komponiert der Künstler zu kurzen Filmen.

Jiří Makovec hat beim Filmen den ethnografischen Blick. Häufig hält er seltsame, manchmal ­bizarre menschliche Verhaltensweisen fest. Im Kurzfilm aus der Serie «from...to...» von 2015 sieht man einen älteren Herrn sein Hündchen an der Leine durch den Park schleifen oder ein Appenzeller Trachtenmädchen an der Viehschau eine Zigarette rauchen. Jiří Makovec staunt und wir staunen mit ihm. Er lässt uns an seiner Neugierde an den Menschen, an dieser Welt, teilhaben. Das Verblüffende, Kuriose interessiert ihn, auch Momente, in welchen eine scheinbare Idylle kippt. Wenn etwa zwischen tief verschneiten Tannen dichter Rauch aufsteigt oder ein Rettungshelikopter zwischen herrschaftlichen Villen landet.

Die Liebe führte ihn nach St. Gallen

Jiří Makovec ist auf der Durchreise. Noch bis im Juni verbringt er mit seiner Partnerin Jiajia Zhang einen Atelieraufenthalt in Zürich. Das passt zum Eindruck, den man beim Betrachten seiner Arbeiten erhält: Sie erzählen von einem modernen Nomaden, der scheinbar immer unterwegs ist und seine Aufnahmen in allen Weltgegenden macht – von Japan, über Island bis Russland. Entspricht dies der Realität? Jiří, der von allen Jirka genannt wird, winkt ab: «Ich wünschte, es wäre so.» 2018 sei er insgesamt nur vier Monate auf Reisen gewesen, was ihm wenig erscheint. Er war in Sizilien, in Tschechien, wo er aufgewachsen ist und Fotografie studierte, und in New York, wo er fast zehn Jahre lebte. Dort lernte er die Künstlerin Jiajia Zhang kennen und folgte ihr 2009 nach St. Gallen. Von der Kunstgiesserei St. Gallen bekam er erste Aufträge, die ihm halfen, beruflich Fuss zu fassen. Er fotografierte aber auch schon Uhren für einen Auktionskatalog oder drehte eine Dokumentation zur Produktion von Schweizer Zigaretten. «Ich mache fast alles, was kommt», sagt der Künstler. Alle Einnahmen investiert er in die teure Produktion seiner Filme.

2019 erscheint sein erste Buch

Jiří Makovecs Schaffen, über das auch schon der britische «Guardian» und die «New York Times» berichteten, wird in seiner neuen Heimat von der Kulturförderung wohlwollend begleitet: In den letzten vier Jahren erhielt er drei Werkbeiträge vom Kanton St. Gallen. Auch in der Ostschweizer Kunstszene ist der sympathische, zurückhaltende Tscheche gut vernetzt und regelmässig an Ausstellungen beteiligt. So wird er am Osterwochenende bei den dritten St. Galler Stadtprojektionen in den Quartieren Lachen und St. Otmar vertreten sein. Nur mit der deutschen Sprache hat er sich noch nicht so richtig angefreundet. Er erzählt noch kurz, dass er bald schon beim jungen Ostschweizer Verlag Jungle-Books sein erstes Künstlerbuch veröffentlicht. Und dann muss er auch schon wieder weg, zum nächsten Termin.

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