«Cittadini del mondo» - Sie wollen raus aus Rom, oder doch nicht

Der neue Film von Gianni Di Gregorio (71) handelt von auswanderungswilligen Rentnern. Der Regisseur musste wegen des Corona-Virus’ die Schweizer Vorpremieren-Tournee absagen. Aber das ist nicht so schlimm.

Regina Grüter
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Die drei Möchtegern-Auswanderer, gespielt von Gianni di Gregorio, Giorgio Colangeli und Ennio Fantastichini (von links).

Die drei Möchtegern-Auswanderer, gespielt von Gianni di Gregorio, Giorgio Colangeli und Ennio Fantastichini (von links).

Bild: Xenix Film

Das Quartier und die Stammbar sind das erweiterte Wohnzimmer für die beiden Rentner Giorgetto (Giorgio Colangeli) und den «Professore» (Gianni Di Gregorio). Aber dann ist auch Schluss. Er sei ja noch nie auf der anderen Seite der Porta Septimiana gewesen; die jungen Barkumpel machen sich über Giorgetto lustig, als dieser erzählt, er wolle auswandern. Doch genau das haben Giorgetto und der Professore vor. Mit der bescheidenen Rente lässt sich woanders weit besser leben, denken sie.

Es steckt schon eine gewisse Ironie darin, dass Regisseur und Drehbuchautor Gianni Di Gregorio die Vorpremieren-Tournee zu seinem neuen Film «Cittadini del mondo», Weltenbürger, aufgrund des Corona-Virus absagen musste. Er könnte theoretisch schon reisen, will aber das Schicksal nicht herausfordern, heisst es von Seiten des Filmverleihs Xenix. Aber ganz lässt sich Di Gregorio den Kontakt mit dem Publikum nicht nehmen: Per Skype wird er jeweils in den Kinosaal zugeschaltet.

Und dieser Gianni Di Gregorio ist genau so sympathisch und humorvoll wie die Figur, die er spielt. Eigentlich ist er ja dieser Professore. Natürlich hat er nicht Latein und Griechisch unterrichtet, aber wie dieser lebt Di Gregorio im Römer Quartier Trastevere. Und auf Rosen gebettet ist er auch nicht. Der Mann ist 71 und hat keine grosse Pension. Alle drei Jahre etwa muss ein neuer Film her, um für sich und seine Familie das Leben zu finanzieren. In der Wohnung, die er von der Mutter geerbt hat, hatte der Filmemacher damals seinen ersten und bisher erfolgreichsten Film «Pranzo di ferragosto» gedreht. Auch «Cittadini del mondo» ist wieder ein durch und durch römischer Film, wie auch Di Gregorio durch und durch Römer ist. Wenn man Rom liebt, liebt man auch ihn und seine Filme.

Eigentlich geht es ihnen doch gar nicht so schlecht

Tief verwurzelt in ihrem Viertel sind der Professore und Giorgetto. Nur schon die Busfahrt zu Attilio (Ennio Fantastichini), der dritte im Bunde, löst ein mulmiges Gefühl in der Magengrube aus. Fortan schmieden die drei an ihrem Auswanderungsplan – auf die Azoren soll’s gehen –, erstellen eine To-do-Liste, einen Grundstock an Geld für gemeinsame Ausgaben und lernen Portugiesisch. Sie sind solidarisch im Lamentieren, merken aber schon bald, dass es ihnen im Vergleich zu anderen gar nicht so schlecht geht. Sie haben ein Dach über dem Kopf, immer was Frisches zum Anziehen und genug Geld für ein feines Essen und einen Wein. Sie sind zwar Lebenskünstler, aber es geht nicht ums Überleben. Da geht es dem jungen Malier Abu wesentlich schlechter. Er darf bei Giorgetto duschen, und sie laden ihn auch zum Essen ein. Was er aber wirklich bräuchte, ist Geld für den Flug nach Kanada zu seinem Bruder.

Hier erinnert der Film an Aki Kaurismäkis «Le Havre», wo sich ein Schuhputzer eines geflüchteten afrikanischen Jungen annimmt und ihm zur Überfahrt nach London zu seiner Familie verhilft. Formal sind die Filme von Di Gregorio nicht besonders, aber es durchzieht sie die gleiche Liebe zu den Underdogs, sie stehen für Bescheidenheit und Menschlichkeit und lassen den Humor und die Lebensfreude dabei nicht zu kurz kommen.

Die beiden Schauspieler, die Gianni Di Gregorio im Film zur Seite stehen, hat er vorher nicht gekannt. Den Vorpremiere-Gästen erzählt er dazu jeweils eine Anekdote: Um sich kennenzulernen, hätten sie sich zum Mittagessen getroffen. Aber anstatt über den Film zu reden, hätten sie sich über andere Dinge unterhalten und sich einen kleinen Schwips angetrunken. Da habe er gewusst, dass Giorgio Colangeli und Ennio Fantastichini (er ist kurz nach den Dreharbeiten unerwartet verstorben) die Richtigen seien. Wie im Film, so im Leben. Das Glas Weisswein in der Quartierbar wird sich Di Gregorio sicher weiterhin gönnen. Die Bars müssen ja – vorerst noch – erst um 18 Uhr schliessen.

«Cittadini del mondo» (I/F 2019, 92 Min.), R: Gianni Di Gregorio, ab heute im Kino.