Roman über Atomgefahr
Annette Hug schreibt über moderne Aussteiger, die gerne Schutzengel der Atomabfälle gewesen wären

Sie ist eine der interessantesten Schriftstellerinnen der Schweiz. In ihrem kühnen wie melancholischen Roman «Tiefenlager» erfindet Annette Hug einen Klosterorden mit modernen Aussteigern, die vergeblich versuchen, den Atommüll für die Ewigkeit zu sichern.

Hansruedi Kugler
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Annette Hug, Schriftstellerin, zu Hause in Zürich.

Annette Hug, Schriftstellerin, zu Hause in Zürich.

Gaetan Bally / KEYSTONE

Wie verbuddelt man den strahlenden Müll des 20. Jahrhunderts sicher vor Erdbeben und Grabräubern, vor Mafia und Sickerwasser, vor allem aber vor dem Vergessen und der Nachlässigkeit der kommenden Generationen? Und das alles für Zehntausende von Jahren? Man möchte diesen Albtraum Atommüll ja gerne ignorieren, weil das Megaproblem unlösbar scheint, vor allem aber die Vorstellungskraft der meisten deutlich überfordert.

Die 50-jährige Schweizer Autorin Annette Hug (für ihren letzten Roman «Wilhelm Tell in Manila» erhielt sie 2017 einen eidgenössischen Literaturpreis) drückt es uns mit ihrem neuen Roman «Tiefenlager» subtil ins Gewissen: mit einer visionären, originellen Geschichte, im Stil poetisch, melancholisch und erschreckend kenntnisreich.

Gedankenexperiment statt pseudorealistische Dystopie

Ihre fünf Hauptfiguren sind zivilisationsmüde Aussteiger und Idealisten: Petra, die deutsche Finanzberaterin; Betty, Krankenpflegerin aus Manila; Anatol, Nuklearphysiker aus Russland; Kurt, Techniker in einem AKW; Céline, die Linguistin aus Frankreich. Sie bilden den Kern des stetig wachsenden Ordens, der von einem Konsortium als «Arbeitsgruppe Transtemporaler Kompetenzerhalt» beauftragt wird, die Sicherstellung der Atommülllager zu gewährleisten. Diesen Orden stattet Hug mit klösterlichen Prinzipien aus: Opferbereitschaft und Askese, Selbstversorgung und fernöstliche Kampfkunst. Dass eine solche Aussteigertruppe die Kontrolle der Endlager übernimmt, scheint unrealistisch. Hingegen leuchtet ein, dass Hug diese Aufgabe mit den Prinzipien der klösterlichen Wissenstradierung anpackt. Wo anders als in Klöstern wurde Wissen über Jahrhunderte gesichert?

Annette Hug: Tiefenlager. Roman. Wunderhorn Verlag, 220 Seiten.

Annette Hug: Tiefenlager. Roman. Wunderhorn Verlag, 220 Seiten.

Die Geschichte ist also als faszinierendes Gedankenexperiment und nicht nach Realismusprinzipien zu beurteilen. Das erlaubt Hug eine Gratwanderung: Einerseits erzählt sie plastisch von den technischen, finanziellen und politischen Herausforderungen einer kontinuierlichen Endlagerkontrolle in einer global vernetzten Atomindustrie. Anderseits sind ihre Figuren ja keine bürokratischen Technokraten, sondern Idealisten mit Vorgeschichten und Träumen. Wenn sie von Bettys bitterer Kindheit in Manila oder Anatols früher Heiligenverehrung erzählt, sprüht der Roman vor Lebendigkeit, Humor und Engagement.

Mit ihrem Roman kratzt Annette Hug an unseren Ängsten

Annette Hug hätte eine reisserische Dystopie schreiben können: Verseuchte Umwelt, zerfallende oder diktatorische Superstaaten, Chaos, Gewalt, Endzeit – und ein paar handgestrickte Helden mit rührseligen Familienkonflikten aus Filmen wie «Mad Max» oder «Terminator» wären sofort zur Hand gewesen. Aber Hug macht es sich nicht so leicht, bleibt dafür konsequent in der Gegenwart und lässt die zwangsläufig dystopische Zukunft klugerweise lediglich in albtraumhaften Ahnungen ihrer Figuren aufscheinen. Zudem meidet sie die nahe liegende Versuchung, ihr Buch als Thriller mit Action, aufgeblasenen Utopien und Kindertränen ins Genre der Science-Fiction abgleiten zu lassen.

Sie behauptet also keinen dystopischen Pseudorealismus, sondern ist ganz nahe an uns Zeitgenossen und gräbt schlummernde Ängste aus. Dass sie die Zukunft offen hält, erweist sich dem Thema angemessen. Fazit: Es bleibt beunruhigend.