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Sie sind Musiker und Alpinisten: Drei Ostschweizer erzählen

Schlagzeuger Ernst Brunner, Cembalist Andreas Schweizer und Pianistin Roxana Ionesco-Beck betreiben das Bergsteigen und das Musikmachen auf hohem Niveau und sehen darin viele Gemeinsamkeiten.
Martin Preisser
Von links nach rechts: Andreas Schweizer, Roxana Ionesco-Beck und Ernst Brunner. (Bild: Hanspeter Schiess)

Von links nach rechts: Andreas Schweizer, Roxana Ionesco-Beck und Ernst Brunner. (Bild: Hanspeter Schiess)

Beide haben sie alle Viertausender der Schweiz geschafft, der Schlagzeuger Ernst Brunner und der Cembalist Andreas Schweizer. Pianistin Roxana Ionescu-Beck ist auf noch höheren Bergen unterwegs, weltweit, etwa in Peru oder Tadschikistan, dort wo keine Rega mehr hinfliegt, wenn etwas passieren sollte. Bergsteigen heisse «pure Schönheit erleben», sagt sie, genauso wie wenn man ein wunderschönes Musikstück spiele:

«Bergsteigen stärkt den Charakter und die Persönlichkeit, gute Voraussetzungen, um auch auf der musikalischen Bühne wirklich zu überzeugen.»

Einen erfolgreichen Auftritt mit anspruchsvollen Werken, das Erlebnis des musikalischen Flow-Gefühls, vergleichen alle drei Ostschweizer Alpinisten auch mit dem Glücksgefühl, immer wieder Herausforderungen in den Bergen zu meistern.

Alpinistische Höhepunkte

Roxana Ionescu-Beck arbeitet als Pianistin und Korrepetitorin am Theater St. Gallen. Die aus Rumänien stammende Musikerin ist in den Bergen auch ausserhalb Europas vor allem mit ihrem Mann unterwegs. Ihr schönstes und höchstes Bergerlebnis war bisher der Pisco Oeste in Peru (5752 m).
Ernst Brunner war 35 Jahre lang Solo-Schlagzeuger im Sinfonieorchester St. Gallen und ist neben dem klassischen Schlagzeug immer auch innovativ mit eigenen Projekten unterwegs. Auf der CD «Tethys» hat er Steinklänge vom Säntis eingefangen. Sein Berg-Highlight: der Arbengrat am Obergabelhorn.
Andreas Schweizer ist Cembalist, Leiter der Musikschule Weinfelden und seit vielen Jahren kulturpolitisch für das Musikschulwesen in der Schweiz aktiv. Dazu ist er beim Schweizer Alpen-Club SAC Kommissionspräsident Bergsport und Jugend. Er erinnert sich besonders gerne an die Kinflanke am Täschhorn als Höhepunkt seiner bergsteigerischen Erlebnisse. (map)

Alpinistische HöhepunkteIst die Lust am Klettern in Fels und Eis, in gefährlichen und ausgesetzten Partien, eine Sucht? Ja, finden die drei, und Ernst Brunner sagt: «Der bessere Ausdruck ist aber vielleicht ‹Sogwirkung›. Man will dieses Gefühl, diesen speziellen Glücksmoment zwischen Druck und Entspannung immer wieder erleben.» Alpinistische Höhepunkte

Sich dem Druck aussetzen, um diesen Moment zu erreichen, das tun auch Musiker. Auch wenn die Gefahren da viel berechenbarer sind. Eine Art Lampenfieber gibt es auch am Berg. Eine Grundspannung. Angst darf es nicht sein. «Angst ist am Berg wie im Orchestergraben ein schlechter Begleiter, sie resultiert meist aus der Überschätzung», sagt Ernst Brunner.

Schlagzeuger Ernst Brunner (Sustenhorn-Ostgrat, 3503 m).Schlagzeuger Ernst Brunner (Sustenhorn-Ostgrat, 3503 m).
Schlagzeuger Ernst Brunner (Sustenhorn-Ostgrat, 3503 m).Schlagzeuger Ernst Brunner (Sustenhorn-Ostgrat, 3503 m).
Schlagzeuger Ernst Brunner (Sustenhorn-Ostgrat, 3503 m).Schlagzeuger Ernst Brunner (Sustenhorn-Ostgrat, 3503 m).
3 Bilder

Jeder Fels hat seinen Klang

Musizieren und Bergsteigen haben etwas Ganzheitliches

Grenzen ausloten und sich dabei die richtigen, dem eigenen Können und der Erfahrung entsprechenden Ziele setzen, das machen Musiker wie Bergsteiger. Und beide bereiten sich lange und genau auf den entscheidenden Moment vor. Dabei gilt es auch, Durststrecken auszuhalten. Andreas Schweizer findet die Herausforderung am Berg wie am Instrument ähnlich ganzheitlich. «Der Intellekt und das Bauchgefühl müssen in Balance sein. Wissen, Spüren und Technik müssen zusammenspielen.» Als Leiter der Musikschule Weinfelden sagt er:

«Führen lernt man am Berg, nicht in Kursen in der warmen Stube. Führen am Berg ist unmittelbar und kann einschneidende Konsequenzen haben.»

Wenn man mit anderen zusammen musiziert, kommt es auf das gemeinsame Gestalten an, auch auf eine oft gar nicht bewusste Grundchemie. Am Berg werden Qualitäten wie Vertrauen, Verlässlichkeit, Spüren und Wahrnehmen noch viel wichtiger für einen gemeinsamen Erfolg. «Um weiterzukommen, sollte man in der Musik viel mit sehr guten Mitmusikern spielen», sagt Andreas Schweizer. Das gelte auch bei der Zusammensetzung von Seilschaften.

Andreas Schweizer ist Leiter der Musikschule Weinfelden. (Bild: Donato Caspari)

Andreas Schweizer ist Leiter der Musikschule Weinfelden. (Bild: Donato Caspari)

Viele Komponisten haben Berge musikalisch verklärt. Das Glücksgefühl in dieser speziellen Natur findet man etwa in Opern. Das Theater St.Gallen hat das Matterhorn als Musical auf die Bühne gebracht. Vom Rausch einer grandiosen Aussicht fern vom Alltag hat vielleicht am eindrucksvollsten Richard Strauss mit seiner «Alpensinfonie» romantisch satt und klangreich erzählt. Auch in dieser Tondichtung lauern die Gefahren aber beim Abstieg.

«Es ist wunderbar, einen fantastischen Gipfel über eine spannende Route erreicht zu haben, aber man muss sich die Spannung für den sicheren Abstieg bewahren», sagt Andreas Schweizer und zitiert den berühmten, in den Bergen tödlich verunglückten Alpinisten Reinhard Karl: «Bergsteigen ist, wenn du froh bist, wieder unten zu sein.» Nach einer herausfordernden Bergtour sei es wie in der Musik: «Bei der Zugabe kommt die Entspannung», sagt Roxana Ionescu-Beck. «Wenn ich danach eine einfache Trekkingtour anhänge, dann ist da die Freude, keine Angst mehr haben zu müssen.»

Schwere Stellen in einem Musikstück, schwere Passagen in einer Fels- oder Eiswand, da kommen auch Automatismen zum Tragen. Der Profi atmet dann automatisch richtig, greift fast instinktmässig und als Resultat von viel Übung richtig, macht wichtige Handgriffe, ohne gross nachzudenken.

Schlagzeuger Ernst Brunner (Bild: Benjamin Manser, 2016)

Schlagzeuger Ernst Brunner (Bild: Benjamin Manser, 2016)

Den Gletscherschwund mit Musikerohren hören

Berge können, ganz besonders für Musikerohren, aber auch selbst zu Musik werden. Schlagzeuger Ernst Brunner hat vor zwanzig Jahren bereits experimentiert und in der Wand Klänge des Felses aufgenommen und gesampelt. «Schon 1999 habe ich den Gletscherschwund als Musiker gehört, den Ton des sterbenden Gletschers wahrgenommen, lange bevor der Klimawandel ein Thema wurde.»

Gespür für Klang helfe in der Wand, sagen die drei. Wie hört sich ein Fels an, wie stabil tönt er? «Berge haben Klänge», sagt Roxana Ionescu-Beck. Bergsteigen bedeute Hinhören, sich dem Klang des Felses hingeben können. «Bergsteigen heisst, ein waches Ohr zu haben», unterstreicht Andreas Schweizer die Parallele zum genauen Hören in der Musik. Wer die Einsamkeit der Berge sucht, der sucht oft auch nach Stille. Sie gehört zur Natur wie zur Musik. Aber in vielen Kletterrouten und Aufstiegen geht Stille langsam verloren. Andreas Schweizer sagt:

«Viele Schweizer Berge sind laut geworden, und auch auf den einsamsten Gipfeln fliegen immer mehr Drohnen.»

Dass sie alle drei auch Getriebene sind, immer wieder den Kick des Risikos suchen, das beherrscht sein will, geben sie offen zu. Und bei jedem Satz, den sie übers Bergsteigen sagen, spürt man ihr enormes Glücksgefühl, das lange nach einem Erlebnis anhält, genau wie nach einer gelungenen Performance auf der musikalischen Bühne.

Roxana Ionescu-Beck, Ernst Brunner und Andreas Schweizer haben sich erst beim Gespräch mit unserer Zeitung kennen gelernt. Über das gemeinsame Nachdenken, was Bergsteigen und Musikmachen miteinander verbinde, ist auch ein gemeinsames Projekt entstanden: Die drei wollen im Winter zusammen eine Skihochtour machen.

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