Sie sehen sich neu durch die Kunst

Die Schüler der Timeout-Klasse Frauenfeld stellen sich ihren Problemen, jeden Tag. Dabei hilft es ihnen, sich mit Kunst auseinanderzusetzen und selber Kunstwerke zu schaffen und auszustellen. Fünf von ihnen haben erzählt.

Dieter Langhart
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Chiara, Linda, Joël, Timo, Mirza von der Time-out-Klasse Frauenfeld haben Kerzenhalter aus Beton gegossen. (Bild: Dieter Langhart)

Chiara, Linda, Joël, Timo, Mirza von der Time-out-Klasse Frauenfeld haben Kerzenhalter aus Beton gegossen. (Bild: Dieter Langhart)

FRAUENFELD. «Viel Geduld hat es gebraucht», sagt Timo, das Gesicht voller Zufriedenheit. Er und einige seiner Klassenkameraden haben sechzehn schlanke Blumenständer hergestellt, haben zuerst Holzgerüste gezimmert und dann Blei darüber gehämmert, dieses schwere und giftige Metall. Timo ist stolz auf sich, stolz auch, dass die Klasse zeigen kann, was sie Kunstvolles gemacht hat. Öffentlich im Schloss Frauenfeld.

Neues, ungewohntes Erleben

Timo ist einer von acht Schülern in der Frauenfelder Timout-Klasse. Sie machen «Kunst statt Krawall», angeleitet von ihrer Klassenlehrerin Franziska Stöckli, unterstützt von Künstlern wie der Floristikdesignerin Angelika Kuttruff oder dem Maler Xaver Dahinden. Und «erleben sich selbst auf neue, ungewohnte Weise», sagt Franziska Stöckli.

Wir sitzen zu siebt um den Tisch: Chiara und Linda, Joël, Mirza und Timo, die Lehrerin und der Mann von der Zeitung. Die fünf sind ganz offen und erzählen, warum sie hier sind, wie es ihnen geht, was sie gelernt und sich vorgenommen haben. Fünf Geschichten – eine gemeinsame Zuversicht. Sechs weitere haben ihre Auszeit bereits beendet (sie dauert maximal sechs Monate) und sind in ihre Klasse zurückgekehrt.

«Ich habe viel gelernt hier», sagen alle fünf. Sie meinen sich selbst und die Kunstwerke, die sie geschaffen haben. «Ich hatte Probleme mit meiner Lehrerin», sagt Chiara (16), «dann ist es eskaliert.» Sie war in der Gruppe, die Kerzenschalen aus Beton gegossen hat. «Im Keller sah es aus wie auf einer Baustelle – und wir sahen auch aus wie Bauarbeiter.»

Mirza (16) ist in der gleichen Klasse wie Chiara. Er redet leise, zurückhaltend. Irgendwann hat er gar nicht mehr geredet. «Ich habe mein Potenzial vor dem Timeout nicht ausgeschöpft», sagt er. Bewerbungen, Absagen, Frust. Jetzt hat er eine Zusage, wird eine Lehre als Logistiker machen. Chiara sagt: «Mirza will es packen!». Und Mirza lächelt ganz fein.

«Wir haben Graffiti gemalt bei Tom Schildknecht», sagt Joël. Der 14-Jährige war ausgerastet, immer wieder, hat schlimme Geschichten erfunden und herumerzählt. Und musste Abstand von seiner Familie nehmen auf einem Bauernhof. «Als ich allen die Wahrheit gesagt hatte, fühlte ich mich wie neu geboren. Ich liebe meine Familie.»

«Ich habe viel gelernt hier»

Die fünf sind stolz, wie sie Vergangenes bewältigt und wie sie Neues gelernt und ausprobiert haben bei den Projekten für «Kunst statt Krawall». Auch Timo hatte «Probleme mit der Lehrerin und viel Stress mit den Eltern» und dachte, er schaffe es nicht. Nach den Sommerferien kehrt er in seine Regelklasse zurück. Die Zeit in der Timeout-Klasse sei zu Anfang recht hart gewesen. «Ich habe viel gelernt hier», sagt auch er, und es klingt überzeugt, nicht auswendig gelernt. Gelernt hat er auch, die Schuld nicht bei andern zu suchen. «Du bist heute ein anderer», sagt Franziska Stöckli zu Timo. «Die Kinder wissen, alles muss auf den Tisch. Sie stehen hin und sagen: Da muss ich an mir arbeiten.»

«Ich hatte den falschen Freundeskreis», sagt Linda (14). «Wir machten dumme Sachen, ich schwänzte die Schule und hielt mich nicht an Abmachungen.» Sie wurde in die Timeout-Klasse geschickt, seither geht es ihr gut, sie versteht sich wieder mit ihren Eltern, lernt wieder. Linda hat wieder Tritt gefasst, alle haben wieder Tritt gefasst.

Öffentliche Ausstellung

«Das Timeout verändert Menschen», sagt Linda. «Ebenso die Eltern», ergänzt Franziska Stöckli. Jeden Montag sitzen Kinder, Eltern und Lehrerinnen zusammen und reden und lernen voneinander. Und kommenden Freitag werden alle da sein zur Vernissage im Schloss. Auch manche ehemalige Schüler der Frauenfelder Timeout-Klasse, auch die Künstler, die die Projekte begleitet haben mit ihrem Können, ihrer Zeit, ihrer Geduld. Sie haben den Kindern ermöglicht, in eine andere, eine neue Welt zu tauchen – und sich dabei selbst neu zu sehen.

Sonderschau im Schloss Frauenfeld Vernissage: Fr, 26.6., 17–20 Uhr; Sa/So, 27./28.6., 14–17 Uhr www.kunst-statt-krawall.ch

Franziska Stöckli vor Graffiti. (Bild: Chiara)

Franziska Stöckli vor Graffiti. (Bild: Chiara)