Künstlerin Marion Baruch schafft Räume frei für Reflexion

Das Kunstmuseum Luzern bietet die erste umfassende Retrospektive auf Marion Baruch. Deren aktuelle Arbeiten sind so modern wie stets.

Susanne Holz
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Was ist das plötzlich für ein Hype um Marion Baruch, 91 Jahre alt, Künstlerin, Kosmopolitin, Freigeist? Das Kunstmuseum Luzern widmet dieser feinen Erscheinung, geboren 1929 in Rumänien (siehe Box), eine erste umfassende Retrospektive, obwohl die Künstlerin selbst stets lieber nach vorne blickt als zurück. Und die Galerie Meile in Luzern schliesst sich begeistert an: Hier bekommt man Baruch ab dem 28. Mai zu sehen, bis in den Sommer hinein – kleiner, aber rein konzeptuell der Ausstellung im grösseren Kunstmuseum durchaus verwandt.

«Baruchs Offenheit liegt begründet in ihrer Freiheit.»

Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum

Marion Baruch malt keine Gemälde, keine Landschaften, sie spielt vielmehr: mit Räumen, mit der Leere, mit der Wahrnehmung von Raum und Leere. Als die Künstlerin ab 1966 erste Skulpturen aus Stahl erschafft, sind das filigrane und begehbare Zeichnungen im Aussenraum. Diese Skulpturen dürfen berührt und benutzt werden. Sie bieten ein Innen und Aussen zugleich, genauso wie die textilen Installationen und neuesten Arbeiten von Baruch, die nun unter vielen anderen Werken im Kunstmuseum zu sehen sind.

Die italienische Künstlerin Marion Baruch im Kunstmuseum Luzern bei einem ihrer Werke.

Die italienische Künstlerin Marion Baruch im Kunstmuseum Luzern bei einem ihrer Werke.

Bilder: Jakob Ineichen
(Luzern, 26. Februar 2020)

Ein besonderes Gespür für den Zeitgeist

«Innenausseninnen», den Titel der Retrospektive hat Marion Baruch so bestimmt. Er macht die Verspieltheit und den Esprit dieser Künstlerin deutlich. Fanni Fetzer, Kuratorin der Ausstellung und Direktorin des Kunstmuseums Luzern, weist im Katalogtext auf die «Eigenwilligkeit» hin, dass das «Aussen im Innern dieser Wortschöpfung steckt». Und fragt: «Ist Innen darum doppelt so wichtig?» Wichtig sind Baruch die Sprache, der Mensch, das Experiment. Ihr ganzes Leben hat Marion Baruch ein besonderes Gespür für den Zeitgeist, für Politik und Gesellschaft. «Sie ist eine faszinierende Person, die Dinge schafft, die man so noch nie gesehen hat», sagt Galerist Urs Meile.

Mit dem Blick nach vorn

Marion Baruch kommt 1929 als Tochter ungarischstämmiger Eltern in Timisoara/Temeswar in Rumänien zur Welt. Ihre jüdischen Eltern engagieren ein deutsches Kindermädchen. So lernt Baruch Ungarisch, Deutsch und Rumänisch. In Bukarest studiert sie ein Jahr lang Kunst, danach in Jerusalem. Dort belegt sie auch Kurse bei einem Bauhaus-Künstler. Mit 24 Jahren stellt sie erstmals aus, in Tel Aviv. Ab 1955 studiert Baruch in Rom. In Italien heiratet sie zweimal und bekommt zwei Söhne. Mit Designer Dino Gavina entwickelt sie zwei radikale Designobjekte für die Serie «Ultramobile», für die auch Meret Oppenheim und Man Ray Entwürfe beisteuern. In den Neunzigern entschliesst sich Baruch, ihre Werke mit «Name Diffusion» zu signieren. «Name Diffusion» wird zur Firma, die als Künstlerkollektiv arbeitet. Von 1993 bis 2010 realisiert Baruch in Paris kollektive, gesellschaftskritische Projekte. 2010 kehrt sie nach Italien zurück und stellt wieder unter eigenem Namen aus. Aktuell schafft sie mit Abfällen aus der Textilindustrie raumfassende Installationen. (sh)

Fanni Fetzer betont die «einladende Offenheit» in Baruchs Kunst: Marion Baruchs Offenheit für Menschen, Themen und Dinge liege vermutlich in ihrer Freiheit begründet, «die darin besteht, dass sie nirgendwo ganz dazugehört». Als Jüdin in Rumänien, als Intellektuelle, als Frau, als Europäerin – Baruch sei immer auch fremd geblieben. Fetzer erkennt hierin eine «Emanzipation in ihrer umfassendsten Bedeutung».

Verspielt, emanzipiert. Beide Begrifflichkeiten passen auch zu den textilen Objekten «Ron Ron» und «Lorenz» (1972, aus der Serie «Ultramobile», in Zusammenarbeit mit Designer Dino Gavina), die als Nicht-Objekt-Objekte Hybrid zwischen Möbel und Spielzeug sind: ein flauschiger Katzenpo das eine Objekt, ein Teppichtiger mit kugelrunden Augen das andere.

Eines der poetischsten Projekte Baruchs, «une chambre vide» (2009), greift die Retrospektive in abgewandelter Form auf: Während die Künstlerin damals Fremde in ihr leer geräumtes, sonnengeflutetes Pariser Zimmer zum Gespräch einlud, bleibt nun ein Raum im Museum leer: für Begegnungen, Diskussionen und Referate.

Hinweis: Marion Baruch Retrospektive – Innenausseninnen. Kunstmuseum Luzern, 29. Februar bis 21. Juni 2020. Gespräch in der Ausstellung: Heute, Samstag, 13 Uhr, Marion Baruch und die zwei Kuratoren Fanni Fetzer und Noah Stolz. Unterwegs mit der Kuratorin: Mittwoch, 11. März, 18 Uhr, Rundgang mit Fanni Fetzer. Katalogvernissage: am 3. Juni, mit Fanni Fetzer und mit Noah Stolz. Weiteres Programm: www.kunstmuseumluzern.ch