Appenzeller Kuratorin lebt in Meran zwischen «Hoi» und «Ciao»

Seit zwei Jahren wohnt Christiane Rekade im Südtirol. Dort organisiert sie als Leiterin von Kunst Meran jährlich drei Ausstellungen. Die in Speicher aufgewachsene Kunsthistorikerin hat für die Zukunft nur einen Wunsch offen.

Christina Genova, Meran
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Christiane Rekade hat als Kuratorin zweimal den Swiss Art Award gewonnen. (Bild: Elisabeth Hölzl)

Christiane Rekade hat als Kuratorin zweimal den Swiss Art Award gewonnen. (Bild: Elisabeth Hölzl)

«Hoi», «Hooi». So begrüssen sich die Meraner. Zumindest die Hälfte davon, die anderen 20000 sprechen Italienisch und sagen «Ciao». Alles in Meran ist konsequent zweisprachig beschriftet – vom Strassenschild bis zur Werbetafel. Es ist eine Umgebung, die der in Speicher aufgewachsenen Kunsthistorikerin Christiane Rekade nicht allzu fremd vorkommt. Mit einer Italienischmatura der Kantonsschule Trogen im Sack studierte sie erst in Basel, dann in Berlin, wo sie blieb und für eine Galerie und als freie Kuratorin arbeitete.

In Berlin lernte sie auch ihren italienischen Ehemann, den Künstler Riccardo Previdi kennen, mit dem sie eine fünfjährige Tochter hat. Vor zwei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach über 15 Berliner Jahren nach Meran. Sie hatte sich gegenüber 43 Mitbewerbern durchgesetzt, und war zur neuen künstlerischen Leiterin von Kunst Meran gewählt worden – eine ideale Umgebung für die binationale Familie: «Für uns war es die Quadratur des Kreises», sagt die 44-Jährige, die sich in Meran sehr wohl fühlt.

Ostschweizer Künstler nach Meran holen

Italien, Schweiz, Österreich: Christiane Rekade streckt ihre Fühler in alle drei Länder aus, welche an das Südtirol grenzen. «Es ist eine sehr privilegierte Lage, man kann auf alle Seiten hin vermitteln», sagt die Kunsthistorikerin. Seit Januar 2017 ist sie für die Programmgestaltung von Kunst Meran zuständig. Drei Ausstellungen kuratiert Christiane Rekade jährlich im traditionellen Laubenhaus in der Altstadt. Aufstrebende internationale Künstler bilden den Schwerpunkt, doch auch der regionale Kontext wird einbezogen. «Ich ermuntere die Künstler zu ortsspezifischen Arbeiten», sagt Rekade. Dem kommt entgegen, dass die Kunstinstitution zwar über keine eigene Sammlung verfügt, dafür aber über eine Atelierwohnung.

Dass die Künstler nun auch vor Ort Werke produzieren, ist eine Neuerung, die Rekade eingeführt hat. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger bevorzugt sie ausserdem jüngere Positionen. Auch die ersten Ostschweizer Künstler werden wohl bald in Meran zu sehen sein, verspricht sie: «Ich studiere daran herum», mehr will sie nicht verraten. Christiane Rekade ist gerade mitten im Aufbau der nächsten Ausstellung. Bei einer kleinen Führung durchs Haus ist die zurückhaltende Kuratorin ganz in ihrem Element.

Traumata unter der Oberfläche

In der aktuellen Ausstellung sind einerseits Arbeiten von Yorgos Sapountzis, einem in Berlin lebenden Griechen, zu sehen. Andererseits Zeichnungen der 84-jährigen Meranerin Marilù Eustachio, die in Rom lebt. Stolz präsentiert Christiane Rekade die hauseigene Terrasse. Zwar ist Meran von Bergen umgeben, aber draussen ist es drückend heiss. Die Stadt liegt auf nur 300 Metern über Meer. Es schneie fast nie, erzählt Rekade.

Werkgruppe des griechischen Künstlers Yorgos Sapountzis. (Bild: Kunst Meran)

Werkgruppe des griechischen Künstlers Yorgos Sapountzis. (Bild: Kunst Meran)

In Meran hat sie auch in künstlerischer Hinsicht gute Bedingungen angetroffen. Das Inter­esse und das Engagement für zeitgenössische Kunst sei vorhanden; das Kunsthaus steht im Vergleich zu italienischen Kunstinstitutionen weiter südlich finanziell recht gut da: «Ich muss nicht für alles Geld zusammenkratzen.» Auch die Künstlerförderung lässt sich die reiche Region etwas kosten.

Zeichnung der Meraner Künstlerin Marilù Eustachio. (Bild: Kunst Meran)

Zeichnung der Meraner Künstlerin Marilù Eustachio. (Bild: Kunst Meran)

Obwohl im Südtirol die beiden Sprachgemeinschaften scheinbar problemlos zusammenleben, treten immer wieder Konflikte hervor. Bei den Deutschsprachigen seien noch Traumata aus der Zeit Mussolinis vorhanden, der die Region italienisieren wollte, erzählt Christiane Rekade. Die italienischsprachige Gemeinschaft hingegen fühle sich manchmal übergangen, weil heute die Deutschsprachigen mehr politische Macht besässen. Es sei deshalb ein Vorteil für sie, dass sie von ausserhalb komme. Für die Zukunft hat Rekade nur einen Wunsch: «Ich möchte erreichen, dass Kunst Meran noch mehr wahrgenommen wird in der zeitgenössischen Kunstlandschaft.»