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Roman über die Uiguren: Autorin kämpft für ein diskriminiertes Volk

Alice Grünfelder ist Sinologin, interessiert sich aber vor allem für die nichtchinesischen Völker in China. Ihren ersten Roman widmet sie den in Xinjiang lebenden Uiguren.
Mirjam Bächtold
Alice Grünfelder erlebte auch gefährliche Situationen. Bild: Mine Dal

Alice Grünfelder erlebte auch gefährliche Situationen. Bild: Mine Dal

Es waren schon immer die Ränder Chinas, die Alice Grünfelder faszinierten. Die Gebiete in denen andere Nationalitäten leben als Chinesen, wie etwa Tibet. Die 53-jährige hat mehrere Bücher mit Erzählungen von tibetischen Autoren publiziert und ihre Magisterarbeit über die Region geschrieben. Im Unionsverlag gab sie mehrere Bücher über Asien heraus. Seit 2016 arbeitet sie auch an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.

Ihr nun erschienenes Buch «Die Wüstengängerin» begann sie bereits 2004 zu schreiben. «Es irritierte mich zunehmend, dass der Westen über Tibet so gut Bescheid weiss, aber über die Uiguren in Xin­jiang, wo die Situation schlimmer ist, praktisch nicht informiert ist.»

50 Jahre Geschichte in einem Roman

Die Ereignisse haben sie während des Schreibens übergeholt: Im Jahr 2009 starben bei einer Demonstration in Xinjiangs Hauptstadt Ürümqi knapp 200 Uiguren, mehr als 1700 wurden verletzt. Seit diesem Zwischenfall spitzte sich die Lage in Xinjiang zu. Dass ihr Buch ein Roman werden sollte, war für sie schnell klar. «Die Faktenlage ist sehr widersprüchlich. Chinesen sagen natürlich etwas anderes als die Uiguren.» Aus diesen sich widersprechenden Fakten ein Sachbuch zu schreiben, wäre schwierig geworden.

Im Roman hingegen kann Alice Grünfelder mit der Verwirrtheit bewusst spielen. In «Die Wüstengängerin» reist die deutsche Sinologiestudentin Roxana Anfang der 1990er-Jahre durch China und will in Xinjiang alte Höhlenmalereien suchen, um zu beweisen, dass die Uiguren nicht immer muslimisch, sondern ursprünglich buddhistisch waren. Unterwegs trifft sie den Schweizer Alex, der als Journalist den Westen über die Missstände aufklären will. Roxana kehrt von einem ihrer Ausflüge in die Wüste nicht mehr zurück. 20 Jahre später reist Linda nach Xinjiang, um Entwicklungshilfe zu leisten. Die Regierung vor Ort boykottiert jedoch das Projekt. Während des Wartens findet sie Roxanas Aufzeichnungen und beginnt, sich in deren Arbeit zu vertiefen.

Atomraketentests und das Verbot, Bärte zu tragen

Alice Grünfelder hat die Geschichte Xinjiangs im Roman nacherzählt. «Meine grösste Befürchtung war, dass er zu moralisierend würde.» Doch es ist ihr gelungen, die Schicksale Roxanas und Lindas packend zu erzählen und wie nebenbei über die Lage in Xinjiang zu informieren. Über die Atomraketentests, über die Baumwollplantagen, die das Wasser für die Landwirtschaft verknappten, über die verschiedenen Aufstände der Uiguren, über das Scannen ganzer Busse an mehreren Stationen, über das Verbot, Bärte zu tragen, über Unruhen und Attentate. Dabei beschreibt sie die Wüstenlandschaft, die Städte, die Menschen, den Bazar, den Tumult einer öffentlichen Hinrichtung sehr authentisch, mit einer knappen und doch bildhaften Sprache.

Wie Roxana hat Alice Grünfelder Sinologie in Deutschland und China studiert. Einige Situationen hat sie fast genauso wie ihre Protagonistin erlebt, etwa den Diebstahl im Hotelzimmer, während sie abwesend war. In Indien wurde sie einmal überfallen und lebensgefährlich bedroht. Ein anderes Mal landete sie wegen eines falschen Verdachts in einem indischen Gefängnis.

Im Tibet war sie als Dolmetscherin mit einer Geologin unterwegs. «Wir standen unter Hausarrest, büxten aus und gelangten durch Autostopp an den gewünschten Ort.» In der Folge wurde die Zusammenarbeit gänzlich verweigert. Seit Mitte der 1990er-Jahre war Alice Grünfelder nicht mehr in Xinjiang. «Wenn ich könnte, würde ich sofort nach China ziehen.»

Alice Grünfelder: Die Wüstengängerin. Edition 8, 220 S., Fr. 27.–

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