Sie ist stärker, als es scheint

Die Regisseurin Micah Magee hat ein erstaunlich luftiges Drama über eine 17-Jährige inszeniert, deren Leben sich nach einer ungewollten Schwangerschaft verändert. Dabei entpuppt sich die junge Frau als überraschend selbstbewusst.

Andreas Stock
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Devon Keller spielt die schwangere Layla stets leicht entrückt. (Bild: pd)

Devon Keller spielt die schwangere Layla stets leicht entrückt. (Bild: pd)

Es sind giftige Ingredienzien, die Regisseurin Micah Magee in ihrem ersten Langspielfilm zusammenführt: Teenagerschwangerschaft, religiös-konservative Eltern, ein trostloser Wohnwagenpark – «Petting Zoo» enthält also all das, was es so für ein sozialkritisches oder bitteres White-Trash-Drama brauchen würde. Aber die junge Filmemacherin schlägt eine stillere, empathische Tonart an. Und stellt mit der 17jährigen Layla eine Protagonistin ins Zentrum, deren innere Stärke der schlanke Körper und ihr zurückhaltendes, ruhiges Wesen zunächst gar nicht erwarten lassen.

Pragmatische 17-Jährige

Dass sie bei ihrem herumhängenden Freund Danny und dessen Bruder wohnt, erweist sich dann auch eher als erste Abnabelung vom strengen Elternhaus. Mit einem Nebenjob in einem Callcenter hat sich das Mädchen gar eine kleine finanzielle Unabhängigkeit gesichert. Und als Klassenbeste erhält sie dann zu ihrer grossen Freude ein Stipendium ans College.

Als Layla erfährt, dass sie ungewollt schwanger geworden ist, wirft sie das nicht gleich völlig aus der Bahn. Selbst als der Vater ihr in scharfen, lauten Vorhaltungen die nötige Unterschrift für eine Abtreibung verweigert, reagiert die 17-Jährige pragmatisch. Sie akzeptiert das Nein, weigert sich aber, zurück ins Elternhaus zu kommen und zieht bei ihrer Grossmutter ein. Die lebt in einem Wohnwagen, daneben einer ihrer Söhne mit Frau und Kindern.

Beeindruckende Newcomerin

Es gibt kaum eine Szene, in der Micah Magee nicht Layla im Bild zeigt; ganz auf sie fokussiert ist die Kamera. Als der Vater sie wegen der Abtreibung verbal anfährt, ist dieser gerade mal knapp am Bildrand zu sehen – und verschwindet danach konsequent aus der Geschichte. Trotz der visuellen Nähe bleibt für uns Layla kaum greifbar. Sie scheint äusserlich oft ungerührt und die Newcomerin Devon Keller spielt die junge Frau beeindruckend in dieser leicht entrückten, in sich ruhenden Präsenz.

Die Unschärfe dieser Charakterzeichnung verleiht der schwebenden Geschichte eine stimulierende Offenheit. Unterstrichen wird das durch eine fragmentarische, luftige Inszenierung, die auf laute Töne und schrille Dramatik verzichtet – oder bewusst ausklammert. Oft erst in einer nachfolgenden Szene erschliesst sich eine vorangegangene, unvollständige Impression. Das schafft genug Raum für eigene Gedanken des Zuschauers.

Autobiographisch inspiriert

Trotz dieser offenen Erzählweise und einer eher freundlichen Optik auf das Teenagerschicksal – das doch Gefahr zu laufen droht, in einer existenziellen Sackgasse zu versumpfen – idealisiert oder romantisiert Micah Magee die Realität keineswegs. Die Regisseurin, die selbst eine Teenagerschwangerschaft erlebt hat, weiss sehr genau, wovon sie erzählt. Und sie kennt das Milieu, dass sie hier beschreibt. Ihr Schauplatz, San Antonio im US-Bundesstaat Texas, ist der Ort der eigenen Kindheit. So verwundert der genaue Blick nicht, mit dem sie die Menschen und Schauplätze betrachtet. Im Presseheft wird Magee folgend zitiert: «High Schools, die von Gefängnisarchitekten erbaut wurden, Wohnwagen, Rockbars, verlassene, halbfertige Wohnsiedlungen und Gewerbegebiete inmitten von Feldern. Ich wollte diese Art von Menschen ins Licht rücken, und auch San Antonio selbst.» Sie erwähnt, dass die texanische Stadt 2013, trotz landesweit sinkender Zahlen, in einigen Stadtteilen viermal so viele minderjährige Schwangere zu verzeichnen hatte wie der Landesdurchschnitt der USA.

Trotz seiner unaufgeregten Inszenierung und des Verzichts auf einen moralisierenden Kommentar kann man «Petting Zoo» darum sehr wohl als einen politischen Film bezeichnen. Es ist Kino mit einer Haltung, die einem nicht aufs Auge gedrückt wird. Sie erschliesst sich über das Interesse und das Mitgefühl an der Geschichte von Layla.

Jetzt im Kinok St. Gallen; weitere Kinos in der Region werden folgen.

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