Luzerner Theater huldigt einem grossen Grenzgänger

Das Luzerner Theater bringt ein Stück über Frank Zappa auf den Sonnenberg. Mit dabei sind auch der Zürcher Sänger Faber und seine Band, die zum Exzess neigen. Ein Probenbesuch im Südpol.

Michael Graber
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Julian Pollina und Sarah Alexandra Hudarew bei der Probe zum Stück «Zappa on the Hill». (Bild: Boris Bürgisser, Kriens, 15. Mai 2019)

Julian Pollina und Sarah Alexandra Hudarew bei der Probe zum Stück «Zappa on the Hill». (Bild: Boris Bürgisser, Kriens, 15. Mai 2019)

«Ewigi Liebi» geht nahtlos in eine Stöhnorgie über. Julian Pollina und Sarah Alexandra Hudarew hauchen, stöhnen, schreien in die Mikrofone. Für Till Ostendarp allerdings noch etwas «zu wenig grusig». Sie sollen nicht so stöhnen, als würden sie Liebe machen, sondern so, als würden sie mit gebotener Ironie einen Porno nachträglich vertonen. So stöhnen sie noch einmal. Und noch einmal. Mittlerweile stöhnt auch die Band mit und Ostendarp gibt dazu recht plastische Anweisungen. Es solle klingen, wie wenn drei Finger ..., ach, lassen wir das.

Am Schluss ist Ostendarp zufrieden. «Super, Fubu. Genau so!», ruft er zu Pollina. Fubu beziehungsweise Pollina ist Faber. Als Faber füllt er mittlerweile in der Schweiz und Deutschland grosse Hallen, seine Texte öffnen allerlei Abgründe und werden mit einer vermeintlich runtergerauchten und runtergesoffenen Stimme dargeboten, dass man ab Platte leicht vergessen kann, dass da ein 26-jähriger Zürcher singt. Faber, Fubu oder Pollina und seine Band sind derzeit in Luzern, um für das Stück «Zappa on the Hill» des Luzerner Theaters zu proben. Es ist eine theatrale und konzertante Huldigung für ein musikalisches Genie mit einem Hang zur Exzentrik: Frank Zappa.

Alle in denselben Groove kommen

An diesem Probennachmittag verabschieden sich die Schauspieler. Zurück bleiben die Band, Faber und Opernsängerin Hudarew. Es ist erst Hudarews dritte Probe, die ursprüngliche Besetzung ihrer Rolle (Marina Viotti) liegt flach mit einer Lungenentzündung – bis zur Premiere dauert es noch zwei Wochen. Für Regisseur Max Merker noch kein Grund zur Panik. Die einzelnen Teile stünden schon im Grossen und Ganzen, sagt er, jetzt gehe es darum, diese zusammenzusetzen und vielleicht da und dort noch etwas zu feilen und zu schleifen. Etwas kürzen müsse man wohl auch noch, sagt Merker, obwohl «das wahnsinnig schade wäre».

Vor allem geht es darum, dass alle in denselben Groove kommen. In «Zappa on the Hill» prallen ganz unterschiedliche Welten aufeinander. Da die durchstrukturiere Opernsängerin, die sich recht starre Vorgaben gewöhnt ist. Da die Band, die schon wahnsinnig eingespielt ist und etwas zum Exzess neigt. Da die Schauspieler, die irgendwie ihren Platz finden müssen. Dort die Leute vom Theater, die dem Ganzen einen Rahmen geben müssen, ohne dabei die Kreativität der einzelnen Pole zu fest einzuschränken.

Sie solle doch einfach, ruft Ostendarp Hudarew zu, Befehle geben, was für Stile die Band spielen solle. Es geht gerade um eine Szene, in der Zappa (hier: Hudarew) eine Band castet. Und die Band spielt «Ich han es Zündhölzli azündt». Hudarew ruft «Gimme a Rock Tune» und aus dem Chanson wird eine Rocknummer, auch Reggae geht problemlos. Erst als Zappa «And now gimme a classical one» sagt, herrscht auf den Gesichter der Musiker eine gewisse Ratlosigkeit. «Wie macht man das, klassisch?», fragt einer aus der Band. Ostendarp winkt ab und bindet sich zum zehnten Mal seine wilde Haarpracht neu zusammen.

Herrlich schräg und wild

Man hört aus all den Anweisungen Ostendarps, dass er sich voll in die Zappa-Welt reingekniet hat. «Zappa hätte das nie so dirigiert. Kein Viervierteltakt. Mehr so etwas perverses Ungerades», instruiert er Hudarew und Band. Es ist eine derbe Sprache, es ist aber auch eine voller Leidenschaft und Hingabe für die Musik. Und natürlich: Das sind Könner an ihren Instrumenten. Das Saxsolo tanzt rund um die Grundmelodie, das Jauchzen geht direkt in eine kleine Arie über und ab und zu grunzt Ostendarp noch mit der Posaune rein.

Es gehe darum, den Geist Zappas zu beschwören, schreibt das Theater. Zappa ist 1993 mit 53 Jahren gestorben. Zuvor hatte er noch mit allerlei Grenzgängen den Musikkosmos um einige Tonarten und Spielformen erweitert. Sein Werk hat bis heute nichts von seinem Reiz verloren.

So zieht sich ein Faber-Song ein Zappa-Gewand an. Viel Wah-Wah-Pedal, viel schräge Harmonien, viel von vielem. Und vor «Call Any Vegetable» erfinden Pollina und Hudarew spontan noch allerlei Erfahrungen mit ­Gemüsen (Pollina: «Wir müssen hier aufpassen, dass wir nicht zu plump werden. Also nicht einfach: ‹Haha, ich war intim mit einer Gurke›»). Es ist alles herrlich schräg, wild und verrückt. Frank Zappa hätte ganz sicher seine Freude daran. Auch weil bei allem Spass am Absurden stets sehr ernsthaft gearbeitet wird.

Je länger die Probe dauert, desto besser funktioniert alles. Vor allem Hudarew fühlt sich offensichtlich immer wohler. Max Merker greift nur dann und wann kurz korrigierend ins Gesamte ein, Leader of the Gang ist in diesem musikalischen Teil klar Till Ostendarp, der an diesem Nachmittag auch hinter dem Schlagzeug sitzt. Er fordert, treibt an, lebt und leidet mit.

Ab auf den Sonnenhill

Bald macht er das draussen. «Zappa on the Hill» findet auf dem Sonnenhill, äh Sonnenberg statt. Fünf Mal nur. Auf dem Gelände des B-Sides Festival. Die Bühne steht bereits. Bald probt man dort. Das Publikum sitzt in der Mitte und muss sich wohl während des Stücks auch etwas bewegen, damit es alles mitbekommt. Was es genau wird, war an dieser Probe nicht zu sehen. Nur zu erahnen. Anfühlen und anhören tut es sich aber bereits ziemlich grossartig.

Aufführungen: 29. Mai bis 2. Juni. Infos: www.luzernertheater.ch