Der Engländer Steve Coogan schlüpft in die Rolle eines der grössten Komiker aller Zeiten: Stan Laurel

Im Interview erzählt er, wieso das nicht nur lustig war, und sagt, worüber er nie Witze reissen würde.

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Der Brite Steve Coogan (links) und der Amerikaner John C. Reilly (eben in «The Sisters Brothers» im Kino) als britisch-amerikanisches Komikerduo Laurel und Hardy, bei uns besser bekannt als Dick und Doof.Bild: AP Sony Pictures Classics

Der Brite Steve Coogan (links) und der Amerikaner John C. Reilly (eben in «The Sisters Brothers» im Kino) als britisch-amerikanisches Komikerduo Laurel und Hardy, bei uns besser bekannt als Dick und Doof.Bild: AP Sony Pictures Classics

Wie stellt man es an, einen der grössten Komiker aller Zeiten porträtieren zu wollen?

Steve Coogan: Ich habe damit angefangen, alles über Stan Laurel zu lesen, was ich in die Finger bekommen konnte. Das war wie ein grosses Forschungsprojekt für mich. Ich habe jedes Detail untersucht, um herauszufinden, wer dieser Mann war. Das war auf­regend, fordernd und auch beängstigend.

Warum beängstigend?

Coogan: Weil es im Film vor allem um den Zeitabschnitt im Leben von Stan Laurel und Oliver Hardy geht, in der ihr Stern nach einer sehr erfolgreichen 20-jährigen Zusammenarbeit zu sinken drohte. Sie hatten also einen grossen Kampf auszufechten. Deshalb gibt es im Film nicht nur komische Szenen, sondern auch viele sehr traurige.

War es auch eine körperliche Herausforderung?

Coogan: Absolut! Denn viele ihrer Gags waren sehr physisch, und sie mussten sich aufeinander einspielen. Ich liebe im Film die Szene mit den beiden Türen, die ohne Worte funktioniert. Wir beiden verpassen uns ständig, wenn John C. Reilly alias Oliver Hardy aus der einen Tür herauskommt, verschwinde ich gerade in der zweiten, und wieder haben wir uns verpasst. John und ich haben hart daran gearbeitet, die Choreografie der beiden einzustudieren.

Stimmt es, dass Sie die Rolle nur spielen wollten, wenn John C. Reilly Ihr Partner wird?

Coogan: Das erste Mal hörte ich von dem Projekt durch den Drehbuchautor Jeff Pope, mit dem ich selbst schon oft zusammengearbeitet habe, unter anderem bei «Philomena». Als er mich fragte, ob ich mir vorstellen könnte, Stan Laurel zu spielen, hatte ich bereits gehört, dass John schon für die Rolle von Oliver Hardy angefragt worden war. Also sagte ich, wenn er unterschreibt, bin ich auch dabei.

Was muss gewährleistet sein, damit Sie sich für eine Rolle interessieren?

Coogan: Die besten Voraussetzungen sind natürlich immer, wenn man den Regisseur bewundert, mit Schauspielkollegen zusammenarbeiten kann, die an der Spitze ihres Schaffens stehen, und man dazu noch eine Rolle bekommt, die einen beansprucht. Natürlich sucht man als Schauspieler immer wieder nach neuen Rollen, die einen herausfordern und einem das Gefühl geben, dass man noch am Leben ist. Dafür muss man auch Risiken auf sich nehmen, selbst wenn man daran scheitern könnte. All das war hier gegeben.

Sie haben selbst als Komiker begonnen. Was war ausschlag­gebend für Sie?

Coogan: Kreativität ist etwas sehr Wichtiges, weil man damit etwas bewirken kann. Egal ob durch Filme oder Bücher, man erzählt Geschichten und kommuniziert dadurch mit anderen und bewirkt etwas bei ihnen. Ich glaube also an die Macht der Kunst, um damit Menschen zu erreichen und sie zu berühren. Ob komisch oder ernsthaft ist dabei völlig zweitrangig.

Sie sind Brite wie Stan Laurel. Wie unterscheidet sich der britische vom amerikanischen Humor?

Coogan: Briten sind oft zynisch. Das Glas ist für sie eher halb leer als halb voll wie für Amerikaner, die lieber behaupten, das schaffen wir schon. In England hört man oft «Das ist Scheisse», «Der ist furchtbar» und «Das ist grausig». Da fehlt oft der Optimismus. Auf der anderen Seite sind die Briten gut darin, kompletten Blödsinn aufzudecken. Sie sind nicht so naiv wie Amerikaner, man kann ihnen nichts vormachen.

Worüber würden Sie nie Witze reissen?

Coogan: Es gibt Dinge, die mich persönlich zwar zum Lachen bringen können, die ich aber niemals für meine Arbeit als Komiker nutzen würde. Etwa Schadenfreude, wie man sie gegenüber einem Freund hat, würde für mich nicht in Frage kommen. Ich halte mich generell an die Regel, meine Komik gegen mächtige Institutionen oder Einzelpersonen zu richten. Man muss es aber schaffen, das auf kluge und zugleich unterhaltsame Weise zu tun.

Würden Sie das auch Stan & Ollie zugestehen?

Coogan: Natürlich! Als ihre Figuren agierten sie stets auf der anderen Seite des Establishments. Das hat was mit Haltung zu tun, besonders in schwierigen Zeiten, wie wir sie momentan auch wieder durchleben. Die Welt wirkt bedrohlich und unsicher. Allein wenn ich die Zeitung aufschlage und schon wieder Schreckliches lese, möchte ich am liebsten zur nächsten Seite blättern. Manchmal muss man das auch, um sich selbst nicht runterzuziehen. In solchen Zeiten kann uns aber die Kunst Hoffnung geben. Mit Geschichten, die erzählt, gemalt, geschrieben oder verfilmt werden, damit wir wieder unsere Menschlichkeit spüren. Ich denke, genau das ist uns mit «Stan & Ollie» gelungen.Markus Tschiedert/Ricore

Der Deutschschweizer Start von «Stan & Ollie» wurde vom 25. April auf den 9. Mai verschoben. Eine Filmbesprechung folgt vor dem Kinostart.

Steve Coogan: Komiker und vielseitiger Charakterdarsteller

Seine Karriere beginnt Steve Coogan, 53, als Stand-up-Komiker, bis ihn das britische Fernsehen entdeckt. Für die BBC entwickelt er die Figur des überforderten Moderators Alan Patridge. Internationale Anerkennung als Schauspieler erarbeitet sich der aus Manchester stammende Brite mit Rollen in Jim Jarmuschs «Coffee And Cigarettes», «Nachts im Museum», Stephen Frears’ Drama «Philomena» – an der Seite von Judi Dench –, der Jules- Verne-Verfilmung «In 80 Tagen um die Welt» aus dem Jahr 2004 und nicht zuletzt als Thom Payne in der Showtime-Serie «Hap­pyish». Für Michael Winterbottom steht er für «24 Hour Party People» (2002) als Tony Wilson vor der Kamera, britischer Musikmanager, Nachtklubbetreiber und Fernsehjournalist. Und 2013 spielt er in dessen «The Look Of Love» den «König von Soho», Paul Raymond. Nun überrascht das Allround- Talent in der Rolle eines anderen Komikers. In «Stan & Ollie» spielt Coogan Stan Laurel (1890–1965), der zusammen mit Oliver Hardy (1892–1957) bereits in der Stummfilmzeit das bis heute berühmteste Komikerpaar bildet. Im deutschen Sprachraum kennt man sie als Dick und Doof. (Ricore/reg)