Sie hat ihr eigenes Genre erfunden

Kate Mortons Romane werden von Fans jeweils sehnsüchtig erwartet. Die Australierin lässt die Figuren ihrer vielschichtigen Unterhaltungsliteratur immer Geheimnisse aus vergangenen Zeiten aufklären.

Mirjam Bächtold
Merken
Drucken
Teilen
Kate Morton (Bild: Fernando Alvardo/EPA)

Kate Morton (Bild: Fernando Alvardo/EPA)

«Wann erscheint die polnische Version? Wann die spanische? Wann die italienische?» Wie Süchtige verlangen Kate Mortons Fans auf Facebook nach dem neusten Buch in ihrer jeweiligen Sprache. In 34 Sprachen wurden Mortons Bücher in 42 Ländern veröffentlicht. Sie stehen regelmässig auf den Bestsellerlisten der «New York Times» sowie der «Sunday Times» und sind weltweit preisgekrönte Nr.-1-Bestseller. Die 42-jährige Australierin, die mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen abwechselnd in Australien und London lebt, ist mittlerweile Millionärin.

Doch ihr Weg dahin war nicht einfach. Nach ihrem Schauspielstudium und ihrem Abschluss in Englischer Literatur schrieb sie zwei Manuskripte, die aber überall abgelehnt wurden. Sie arbeitete in einem All-you-can-eat-Fisch­restaurant, wo sie eimerweise Krabben schleppte, und später kellnerte sie auf Hochzeiten. «Als ich mit ‹The House at Riverton› begann, hatte ich eine Veröffentlichung aufgegeben. Ich kümmerte mich nicht mehr darum, was der Markt verlangte, sondern schrieb aus der Freude am Erzählen und am Entfliehen in meine imaginäre Welt», schreibt sie auf ihrer Website. Als das Buch halb fertig war, erhielt sie einen Anruf eines interessierten Verlegers. Innerhalb eines Monats, mit einem neugeborenen Baby auf dem Schoss, beendete Kate Morton «The House at Riverton», auf Deutsch «Das geheime Spiel», das 2007 erschien und ein Riesenerfolg wurde.

«Haben Sie etwas im Stil von Kate Morton?»

Mortons Bücher folgen alle dem gleichen Stil. Ihr Genre passt in keine Schublade, sie hat es selbst kreiert. Mittlerweile werden Agenten von Verlegern oft gefragt: «Haben sie etwas im Stil von Kate Morton?» In jedem Buch gibt es ein Geheimnis, meist ein tragisches Ereignis in der Vergangenheit. Die heutige Generation findet Hinweise aus der damaligen Zeit und versucht, den Geschehnissen von damals auf die Spur zu kommen. Dabei springt die Autorin in jedem Buch in eine andere Epoche. In ihrem nach wie vor besten Roman «The Lakehouse» (dt. «Das Seehaus») etwa entdeckt die Polizistin Sadie 2003 ein verlassenes Haus an einem See in Cornwall. Sie erfährt, dass ein kleiner Junge spurlos von dort verschwand und geht dem ungelösten Fall nach. In Rückblenden nimmt die Autorin den Leser ins Jahr 1933 mit, in den Sommer, in dem die vermeintliche Entführung stattfand. Die Leserin weiss dadurch oft schon mehr als die Hauptfigur der heutigen Zeit. Dennoch ist das Geheimnis so unvorhersehbar, dass sie es erst kurz vor Schluss herausfindet. Kate Mortons Geschichten sind vielschichtig und bestehen aus meist drei Erzählsträngen, die sie Schritt für Schritt und auf überraschende Weise miteinander verwebt. Ihre Bücher sind spannend wie Krimis, nur dass es keine Polizei und keine Verbrecher gibt, denn das Geheimnis, das gelöst werden muss, ist meist kein Verbrechen, sondern ein tragisches Unglück.

Mittlerweile gibt es viele Autorinnen, die Kate Mortons Stil kopieren, die bekannteste ist wohl die Irin Lucinda Riley. Doch keine beherrscht das Genre so wie Kate Morton. Man merkt, dass sie ihre Geschichten monatelang plant, nicht umsonst wartet man zwei bis drei Jahre auf ein neues Buch.

Eine Leidenschaft für Häuser

In jedem von Kate Mortons Romanen spielt ein Haus eine zentrale Rolle. «Ich habe eine Leidenschaft für Häuser. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind so oft umziehen musste. Solange ich denken kann, waren Häuser für mich Orte, die Erinnerungen sammeln», schreibt sie auf ihrer Website. Umso authentischer beschreibt sie die verschiedenen Häuser in ihren Romanen. Man könnte fast denken, sie hauche ihnen Persönlichkeit ein.

Genauso authentisch und realistisch beschreibt Morton ihre Figuren. Etwa die Journalistin Juliet in «Die Tochter des Uhrmachers», die während des zweiten Weltkriegs mit ihren drei Kindern von London aufs Land zieht. Oder Vivien aus «The Secret Keeper» (dt. «Die verlorenen Spuren»), die sich in ihrem schönen Haus wie im goldenen Käfig fühlt und versucht, ihrem gewalttätigen Ehemann zu entfliehen. Die Autorin schreibt zwar in der dritten Person über die Figuren. Da sie aber konsequent in der jeweiligen Perspektive bleibt, schafft sie Nähe zu ihren Protagonisten. Kate Morton hat die Gabe, ihre Figuren so real zu beschreiben, dass man sich als Leser mit ihnen identifiziert und sie einen in Gedanken auch begleiten, wenn man längst zu lesen aufgehört hat.

Kate Morton: Die Tochter des Uhrmachers. Diana Verlag, 608 S., Fr. 34.–