Sie durchbricht Sprachbarrieren: Übersetzerin Marion Graf erhält Spezialpreis

Marion Graf übersetzte neben den Werken von Markus Werner die Lyrik der russischen Dichterin Anna Achmatowa ins Französische. So gut, dass sie dafür einen Preis erhalten hat. Für sie ist Übersetzen wie Klavierspielen ab Blatt.

Alfred Wüger
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Marion Graf, preisgekrönte Übersetzerin. Schaffhausen. (16.1.2020)

Marion Graf, preisgekrönte Übersetzerin. Schaffhausen. (16.1.2020)

Bild: Michael Kessler

Könnte man plötzlich bloss noch Literatur lesen, die in der eigenen Muttersprache geschrieben ist, würde der ganze Rest der Welt wegbrechen. Nur schon dieser Umstand zeigt, wie wichtig die Tätigkeit der Übersetzerin, des Übersetzers ist. Allerdings stehen auch auf den aus einer fremden Sprache übersetzten Büchern der Name des Autors, der Titel und allenfalls der Verlag als Eyecatcher auf dem Umschlag. Den Namen der Übersetzerin, des Übersetzers findet man, wenn man danach sucht, im Kleingedruckten.

Marion Graf ist literarische Übersetzerin, lebt in Schaffhausen und ist nach jahrzehntelanger Tätigkeit und mehreren Auszeichnungen mit dem Spezialpreis Übersetzung 2020 geehrt worden. Sie sagt:

«Es ist schön, diesen Preis zu bekommen, vor allem, weil der Beruf dadurch an Sichtbarkeit gewinnt.»

Denn wenn man in Schaffhausen wohne und ins Französische übersetze, befinde man sich auf einer Insel.

Nach dem Studium in die Sowjetunion

Geboren ist Marion Graf als Tochter einer französischen Mutter und eines Schweizer Vaters in Neuenburg, und in La Chaux-de-Fonds ist sie aufgewachsen. Dort an der Kantonsschule wurden bereits die Weichen für ihre heutige Tätigkeit gestellt. «An der Kantonsschule hatten wir eine Wochenstunde russische Literatur gehabt, und im Kinoclub habe ich viele russische Filme gesehen, das hat mir sehr viel gegeben.»

Der Klang der Sprache und der Gehalt der Literatur zogen Marion Graf an, sodass sie nach der Matura in Basel Slawistik und Hispanistik zu studieren begann. «Das waren zwei Extreme in Europa, Spanien und Russland waren für mich mysteriös. Wahrscheinlich hat mich das motiviert.» Und am Schluss des Studiums kam Marion Graf in den Genuss eines Stipendiums und fuhr in die Sowjetunion nach Woronesch.

«Das war zur Zeit von Leonid Breschnew.» Es sei eine andere Welt gewesen als in der Schweiz. «Ich kam im Januar, um ein halbes Jahr zu bleiben. Und ich habe einen unglaublich intensiven Frühlingsausbruch erlebt. Das war sehr eindrücklich.» In Woronesch arbeitete Marion Graf über Dostojewski.

«Dostojewski war damals ein verpönter Autor, aber dann merkte ich plötzlich, wie dieser Klassiker bei den Menschen die Kraft zum Widerstand zu wecken vermochte, in einem Land, das erstarrt war in Dogmen und wo die Kultur sich in engen Bahnen bewegte.»

Das Kulturleben sei stark von der Zensur geprägt gewesen, aber sogar in der Provinz habe man damals Kenntnis gehabt von Poeten, die sich durch ihr Wirken in Gefahr gebracht hatten, wie die Liedermacher Wladimir Wissotski oder Bulat Okudschawa.

Zurück in der Schweiz, ging Marion Graf nach Lausanne, um französische Literatur zu studieren. «Ich musste mir meine Muttersprache zurückholen. Und wenn alles gut geht, dann lernt man im Studium, selbstkritisch zu sein und vorsichtig mit der Sprache umzugehen und hellsichtig die Texte zu ­lesen und zu empfangen.» Sie begann mit der Tätigkeit als Übersetzerin aus dem Rus­sischen ins Französische zu liebäugeln und meldete sich schliesslich bei einem Lausanner Verlag. «Dort drückte mir der Verleger ein Buch in die Hand und sagte: ‹Das wartet auf eine Übersetzung. Können Sie mir zwanzig Seiten machen?›» Dann habe sie erst einmal gar nichts mehr gehört, und als sie nachfragte, hiess es: «Ja, ja, das ist gut. Die Übersetzung liest sich wie ein franzö­sisches Buch.» Marion Graf lacht. «Da durfte ich weitermachen. So fing es an.»

Bald folgte die Übersiedlung nach Schaffhausen. «Wir hatten Kinder, mein Mann wollte lieber in Schaffhausen arbeiten, und ich fand, es sei eine gute Sache, in Schaffhausen zu leben, etwas abseits vom Literaturbetrieb.» Eine Zeit lang unterrichtete Marion Graf an der Pädagogischen Hochschule Französisch.

Als Übersetzerin ist sie hochgeschätzt. Sie hat das Werk Robert Walsers ins Französische übertragen:

«In Frankreich ist Robert Walser Kult.»

Gegenwärtig arbeitet sie an einer Neuübersetzung von Carl Seeligs «Wanderungen mit Robert Walser» ins Französische. Und sie hat Werke übersetzt von Zsuzsanna Gahse, Conrad Ferdinand Meyer, Erika Burkart, Klaus Merz und alle Bücher des unlängst verstorbenen Schaffhauser Autors Markus Werner. «Markus Werner hat sich nicht gross in meine Arbeit eingemischt. Er hat nie etwas beanstandet. Er schreibt ja auch so klar, und die Syntax und alles ist so durchdacht. Es gibt keine Stellen, die nicht eindeutig waren.»

Probleme machen Gedichte von Klaus Merz

Rein technisch gesehen gebe es im Übrigen keinen Unterschied zwischen dem Übertragen von Prosa und der Übertragung von Lyrik. Angesprochen auf die Problematik der «Unübersetzbarkeit», sagt Marion Graf, dass es für sie extrem schwierig werde, wenn ein kurzes Gedicht von Klaus Merz nur aus einem einzigen Wortspiel besteht, etwa: «Sein Vereinsamen / Folgte dem Vereins-Amen / auf dem Fuss.» Da frage sie den Autor dann schon mal: «Lohnt sich das?» In diesem Fall fand Marion Graf die Lösung: «Ayant remis / Sa demis-/sion il se vit sans amis.»

Beim Übersetzen von Prosa hat ­Marion Graf das Original neben sich, dann geht es los. Zügig. «Für einen ­Roman ist es mir ganz wichtig, dass ich in einem Ruck möglichst lange Aus­züge übersetze, um den Rhythmus herauszufinden. Man übersetzt ja nicht die Wörter, sondern die Zusammenhänge, und die bekommt man, wenn man die Sache ziemlich schnell durchgeht. Manchmal lese ich den Text vorgängig gar nicht oder analysiere ihn zumindest nicht.» Marion Graf vergleicht ihr Vorge­hen mit dem Klavierspiel ab Blatt. Sie merke jeweils erst während der ­Arbeit, worum es überhaupt geht und was für Emotionen im Spiel sind. «Habe ich die ersten zehn, zwanzig ­Seiten auf diese Weise beisammen, kann ich mich zurücklehnen und den Text modellieren. Er ist dann sozusagen eine Knetmasse.»

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