Sie desinfizieren sich zu Tode: Das Schauspielensemble St.Gallen zeigt «Romeo und Julia» in Coronazeiten

Die erste Premiere nach dem Lockdown wird eine sommerlich-leichte Farce. Der Shakespeare-Klassiker verknüpft mit Lockdown-Persiflagen: ein knallig-bunter Abend im St.Galler Stadtpark.

Julia Nehmiz
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Kein Degen zur Hand? Macht nichts, die Desinfektionsmittelsprühflaschen taugen auch als Waffe.

Kein Degen zur Hand? Macht nichts, die Desinfektionsmittelsprühflaschen taugen auch als Waffe.

Bild: Michel Canonica

Es ist das alte Spiel von Hass und Liebe, Montagues gegen Capulets, und trotzdem verlieben sich Romeo und Julia in Corona, äh nein, Verona. Spätestens bei diesem Versprecher ist klar: Das hier wird keine Drama, sondern eine sommerlich-leichte Farce mit launigen Gags. Das Schauspielensemble des Theaters St.Gallen feierte mit «2-Meter-Theater – ausgespu(c)kt» am 1.Juli im Stadtpark die erste Nach-Lockdown-Premiere.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler wollen Shake­speares Klassiker aufführen, doch jetzt gelten ja andere Regeln: Alle hinter Mundschutz, nur eine oder einer darf den berühmten Balkon betreten, alle Viertelstunde mahnt das Signal zum kollektiven Händewaschen. Zögerlich tasten sich die Spieler auf die Bühne nach dem monatelangen Spielverbot. Und sowieso: Abstand! Die vier Romeos und vier Julias tanzen Menuett mit Zollstock.

Abstand! Mundschutz! Getanzt werden darf, aber ohne anfassen.

Abstand! Mundschutz! Getanzt werden darf, aber ohne anfassen.

Bild. Michel Canonica

Wer hustet, muss hinter Plexiglas

Das Stück sei eine wahres Ensembleprojekt, sagt Dramaturg Stefan Späti zur Begrüssung. In nur vier Wochen haben Ensemble, Schauspieldirektor Jonas Knecht und Regisseurin Barbara-David Brüesch den knallbunten Abend erschaffen. Ein Sommerabendvergnügen, in dem sich die Schauspieler gegenseitig auf die Schippe nehmen, die Theaterregeln in Zeiten von Corona genüsslich breitwalzen und das Leben im Lockdown persiflieren. Und wenn Opernsänger David Maze ein Liebeslied von Cantautore Luigi Teno singt, ist es zum Dahinschmelzen.

Sänger David Maze muss natürlich auch mehrfach seine Hände waschen – aber wenn er «Happy Birthday» dazu singt, wird eine Nummer draus.

Sänger David Maze muss natürlich auch mehrfach seine Hände waschen – aber wenn er «Happy Birthday» dazu singt, wird eine Nummer draus.

Michel Canonica

Munter switcht man hin und her zwischen «Romeo und Julia» unter Corona (Mercutio stirbt am Virus) und heutigen Lockdown-Miniaturen. Kurz meint man, Montagues gegen Capulets, das ist wie Coronaleugner gegen Wissenschaftsanhänger, doch da ruft der Skype-Klingelton, fast schon eine Art Coronahymne, zur Zoomkonferenz der Nachbarschaft. Die versucht verkrampft, einen Spielplan für ihre Kinder auszumachen, zwischendurch klatschen alle kurz fürs Spitalpersonal. Und wenn sie sich gegenseitig übertrumpfen wollen, wer am intensivsten die letzten Wochen genutzt hat, lassen Regisseure Jonas Knecht und Barbara-David Brüesch über Lautsprecher die am schlimmsten von Corona betroffenen Orte dagegen ausrufen: ein plötzlich einschneidender Moment.

Romeo (Fabian Müller) und Julia (Anna Blumer) wollen sich küssen? Nur hinter Plexiglas – und das noch schnell desinfizieren.

Romeo (Fabian Müller) und Julia (Anna Blumer) wollen sich küssen? Nur hinter Plexiglas – und das noch schnell desinfizieren.

Bild: Michel Canonica

Doch schnell wird es wieder absurd, intensiv werden Textbücher und Kollegen desinfiziert, dazwischen immer wieder Hände gewaschen und wer hustet, muss hinter die Plexiglasscheiben. Das Ensemble erobert die Parkbühne mit Spielfreude, singt und tanzt und sprayt, bis am Ende Romeo und Julia sterben, aber diesmal an Desinfektionsmittel.

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