Porträt

Sie dachte erst an ein Spam-Mail, jetzt trommelt sie auf Netflix: Lara Obradovic aus Basel spielt in der Jazz-Serie «The Eddy» mit

Lada Obradovic hat an der Musikhochschule Bern studiert. Jetzt glänzt sie in der TV-Serie «The Eddy» des Regisseurs Damien Chazelle. Wir haben mit der 33-jährigen Kroatin gesprochen.

Stefan Künzli
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Die 33-jährige kroatische Schlagzeugerin Lada Obradovic hat entscheidende Starthilfe in der Schweiz erhalten.

Die 33-jährige kroatische Schlagzeugerin Lada Obradovic hat entscheidende Starthilfe in der Schweiz erhalten.

Bild: Flo&Jacques Beaud

Die Netflix-Serie «The Eddy» ist eine Milieu-Geschichte des preisgekrönten amerikanischen Regisseurs Damien Chazelle («Whiplash», 2014, und «La La Land», 2016) um einen Pariser Jazz-Club und seine Hausband. Das Spezielle an der Serie ist, dass die Musik (der hochkarätigen Komponisten Glen Ballard und Randy Kerber) eine tragende Rolle spielt und dass die Hauptdarsteller musizieren und schauspielern. So spielt Co-­Komponist Randy Kerber den Pianisten Randy, Ludovic Louis den Trompeter Ludo und Jowee Omicil den Saxofonisten Jowee. Alles fantastische Musiker, die man sich unbedingt merken muss.

Auffällig ist aber vor allem Drummerin Lada Obradovic als Katarina, die Frau mit den langen Rastazöpfen. In der Serie legt sie sich mit einer mafiösen Organisation an. Aber auch ihr richtiges Leben ist filmreif. Wir haben die Schlagzeugerin in Folgensbourg, 5 Kilometer jenseits der Schweizer Grenze, in der Nähe von Basel aufgestöbert. Sie hat einen starken Bezug zur Schweiz.

Mitten im Krieg aufgewachsen und geflohen

Geboren ist Lada Obradovic 1987 in Sisak, in Zentralkroatien, in der Nähe der Grenze zum heutigen Bosnien. Also dort, wo der Krieg in den 1990er-Jahren besonders heftig tobte. Sie war vier Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Sie sagt:

«Ich war zu jung, um zu verstehen, was genau passierte. Aber auch alt genug, um mich daran zu erinnern.»

Und weiter: «Ich höre immer noch Sirenengeheul, Explosionen und Luftangriffe. Ich und meine Familie versteckten uns die meiste Zeit im Keller unseres Hauses. Wenn die Angriffe intensiver wurden, rannten wir über die Strasse in die Keller von verlassenen Häusern, weil diese tiefer und sicherer waren».

Lada flüchtete schliesslich mit ihrer Familie nach Slowenien, wo sie in einer Familie aufgenommen wurde. Doch ihr Vater, ein Arzt, konnte nicht mitkommen.

Die Narben, die der Krieg hinterlassen hat

«Ich selbst brauchte Zeit, um zu verstehen, was damals passierte. Der Krieg hat bei mir Narben hinterlassen. Gewisse Ängste verfolgen mich immer noch. Ich kann sie nicht abschütteln. Insofern hatte der Krieg einen grossen Einfluss auf die Person, die ich heute bin». Das äussert sich auch in den wohltätigen Projekten, die sie lancierte.

«Die Idee, jenen zu helfen, die es am nötigsten haben, hat mich von Anfang an begleitet. Es ist meine Richtlinie, macht mich stärker und hilft mir, wenn ich an mir zweifle.»

Lada Obradovic studierte zuerst in Graz, wechselte dann nach Bern, wo sie bei Dejan Terzic den Master machte. «In Graz vermisste ich das zeitgenössische Schlagzeugspiel. Dejan zeigte mir moderne Aspekte, die wichtig waren für meine Entwicklung», begründet sie den Wechsel. «Die Berner Professoren waren viel relaxter als in Graz und ermunterten mich bei all meinen Konzerten und Tourneen», ergänzt sie.

Dazu wurde sie finanziell auch von Schweizer Stiftungen unterstützt. «Heute kann ich sagen, dass sie mir im entscheidenden Moment meiner Karriere wichtige Starthilfe gaben», sagt sie. Mit der Genfer Stiftung Terrévent ist sie durch ihre Wohltätigkeitsprojekte immer noch verbunden.

Karriereschritt dank Netflix?

Die Schlagzeugerin spielt oft mit dem französischen Pianisten David Tixier, mit dem sie viele internationale Preise gewann. Soeben wurde auch das vielschichtige Duo-Album «The Boiling Stories Of A Smoking Kettle» veröffentlicht. Die Einladung zum Casting für «The Eddy» kam für sie aber «sehr überraschend», denn Schauspielerfahrung hatte sie nicht. «Zuerst dachte ich an ein Spam-Mail und liess es unbeantwortet. Doch dann realisierte ich, dass es seriös war», sagt sie.

Regisseur Damien Chazelle (links) mit Hauptdarsteller Andre Holland am Set von «The Eddy».

Regisseur Damien Chazelle (links) mit Hauptdarsteller Andre Holland am Set von «The Eddy».

Bild: Lou Faulon/AP

Sieben Monate war sie auf dem Set und bewundert die Vision von Regisseur Damien Chazelle. «Ich habe viel gelernt und profitiert», sagt sie. Das Resultat ist überzeugend. Die Schauspielerei reizt sie, trotzdem will sie sich aber in erster Linie auf ihre Musik konzentrieren. Einer allfälligen zweiten Staffel von «The Eddy» wäre sie nicht abgeneigt. Ob es sie geben wird, ist aber offen. Und was ist mit der «The Eddy»-Band?

«Es ist ein Traum von Glen Ballard, mit der Band auf Tour zu gehen. Wenn die Pandemie vorüber ist, werden wir uns auch live präsentieren.»