Am World Band Festival blasen sie auch den Rock’ n’ Roll

Mit dem traditionellen Open Air auf dem Europaplatz, dem nationalen Brass-Contest und ersten Konzerten im KKL wurde gestern das World Band Festival Luzern eröffnet. Volle Säle und die Vielfalt der Darbietungen sorgten für einen erfolgreichen Auftakt.

Urs Mattenberger
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Marschtauglich: Die Stadtmusik Willisau bei der gestrigen Open-Air-Eröffnung des World Band Festival vor dem KKL Luzern. (Bild: Eveline Beerkircher)

Marschtauglich: Die Stadtmusik Willisau bei der gestrigen Open-Air-Eröffnung des World Band Festival vor dem KKL Luzern. (Bild: Eveline Beerkircher)

Waldbrand in Deutschland wegen eines Raketentests, stundenlanger Stau am Gotthard: Zunächst war man etwas irritiert, als gestern um 15 Uhr auf dem Europaplatz solche Meldungen über die Lautsprecher gingen. Und das zwischen einem zirkusfröhlichen Stück der Stadtmusik Willisau und der Polka «Einfach nur Spass», mit Drive vorgetragen durch die Dorfspatzen Oberägeri.

Aber man konnte es auch als Zeichen dafür nehmen, wie fest Blasmusik nicht abgehoben, sondern fest im Alltag verankert ist. Möglich machte es auch dieses Jahr die Übertragung der Open-Air-Eröffnung des World Band Festival Luzern durch die SRF-«Musikwelle». Damit waren die Auftritte der Formationen auf drei Bühnen nicht nur von den rund 1500 Besuchern vor Ort, sondern am Radio im ganzen Land zu hören. Und flossen umgekehrt Nachrichten aus aller Welt in die aufgeräumte Open-Air-Stimmung hinein.

Die Frau am Kontrabass

Attraktiv für das Radio war das wiederum hohe Niveau der Darbietungen, angeführt durch die Black Dyke Band aus England, für Festivaldirektor Werner Obrecht die Berliner Philharmoniker unter den Brassbands (vgl. letzte Ausgabe des «APERO»). Man konnte das sogar durch die akustischen Verwehungen unter dem KKL-Dach hindurch erahnen – an der Beweglichkeit ihres Rock ’n’ Roll, aber auch am geradezu sinfonisch ausgreifenden Sound, mit dem die Band abends auch den Konzertsaal des KKL bis auf den letzten Platz füllte.

Der Vorteil der Radioübertragung für das Publikum liegt in den Kurzinterviews mit einzelnen Musikern. Gleichermassen sympathisch und aufschlussreich waren da die Antworten von Ursi Achermann, die in der Stadtmusik Willisau den Kontrabass spielt. Ob der eine Chance habe gegen die Bläser, wollte Moderator Christian Klemm wissen. Und Achermann machte auf den nächsten Auftritt gwundrig mit der Bemerkung, dass sie am Kontrabass eher für die feineren Töne und Emotionen zuständig sei und die tiefen Töne der Blasinstrumente mit ihrem grossen Resonanzkörper weitertrage. Vor allem aber begründete sie ihre Mitwirkung als Streicherin in einem Blasorchester mit der Vielfalt des Repertoires bis hin zu Musical oder Filmmusik. Und das Programm des Open Airs war darauf angelegt, genau diese Vielfalt zu präsentieren.

Weit über flotte Dixie-Klischees hinaus ging die Verbindung von Lässigkeit, Groove und Schwermut, die die Allotria Jazz Band auf der kleinen Bühne vor dem Hauptfoyer bot – ebenfalls ein Vorkonzert zum abendlichen Auftritt im Luzerner Saal.

Vom Marsch zur Stilvielfalt

Die Stadtmusik Willisau ihrerseits berücksichtigte auf der Hauptbühne vor dem Konzertsaal-Foyer mit dem «Regierungsrat-Robert-Küng-Marsch» jene Gattung, die am Anfang der Blasorchestergeschichte steht, aber im aktuellen WBF-Programm kaum noch vertreten ist.

Traditionell geblieben ist auch auf dem Europaplatz die gesellige Stimmung bei Bier und Bratwurst. Welche neuen Wege die Blasorchesterszene aber musikalisch geht, zeigte hier der Auftritt der Brass Band Berner Oberland Junior. Sie ist eine von mehreren Junior-Formationen, die im 20. Jubiläumsprogramm ein Zeichen für die Zukunft setzen sollen. Die jungen Berner taten es mit einer ausgefeilten Version von Mani Matters «De Sidi Abdel Assar vo El Hama». Sie begann wie ein fremd schimmernder Geisterchor und steigerte sich über spektakuläre Brüche hinweg zur virtuos hinreissenden Tempo-Nummer: alles in allem eine attraktive Visitenkarte für das Festival, das in der kommenden Woche eine solche Vielfalt bietet.

Da World Band Festival dauert bis nächsten Sonntag: www.worldbandfestival.ch

Brassband-Wettbewerb: Luzerner auf dem Podest

Am praktisch ausverkauften 29. Besson Swiss Open Contest massen sich am gestrigen Eröffnungstag des World Band Festival zehn der besten Brassbands der Schweiz. Den ersten Platz errang die Brass Band Berner Oberland. Die Brassband Bürgermusik Luzern, die 2017 den ersten Preis gewann, schaffte es auf den dritten Podestplatz hinter der Brass Band 13 Etoiles. Die Brass Band Luzern Land, die zweite Formation aus der Zentralschweiz, landete auf Platz sechs.

Zum 20-Jahr-Jubiläum hatte das Festival beim Luzerner Stephan Hodel das Pflichtteststück «Phoenicia» in Auftrag gegeben. In einer der zehn Uraufführungen – jener des viertplatzierten Ensemble de Cuivres Valaisan – hörte man im Konzertsaal des KKL ein attraktives, originell schillerndes Werk. Dessen erster Satz wird mit einer rückwärts laufenden Fanfare eröffnet und verdichtet sich über Schlängelbewegungen zu dissonant zischenden Akkorden, die hohe Ansprüche an die Klangkultur stellen. Ganz anders galt dies auch für den mystisch schimmernden Mittelsatz, während der aggressiv tänzelnde dritte den Bands Gelegenheit bot, alle Register zu ziehen. (mat)

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