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«Aschenputtel»-Geschichte aus Indien kommt ins Kino

Von der Kasten- zur Klassengesellschaft: Die Filmemacherin Rohena Gera erzählt in Form einer Liebesgeschichte subtil von institutionalisierter Ungerechtigkeit in Indien.
Regina Grüter
Ratna (Tillotama Shome) nutzt die wenigen Möglichkeiten, die sie hat, und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. (Bild: Xenix)

Ratna (Tillotama Shome) nutzt die wenigen Möglichkeiten, die sie hat, und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. (Bild: Xenix)

Kommen Ratna und Ashwin zusammen? Das ist die Frage, die das Kinopublikum am Ende der Vorführung des Liebesdramas «Sir» am diesjährigen Zurich Film Festival am meisten beschäftigte. Eine Frage, welche die indische Regisseurin Rohena Gera an die Zuschauer zurückgibt. Dass aber der Grossteil des Publikums sich einen glücklichen Ausgang für Ratna und Ashwin wünscht, zeigt, dass ihr Film funktioniert – zumindest in der westlichen Welt. Denn eigentlich geht es ihr um etwas ganz anderes.

Rohena Gera erzählt von einer leise aufkeimenden Liebe über Klassenschranken hinweg; eine Art «Aschenputtel»-Geschichte fast ohne märchenhafte Züge, ohne Bollywood-Kitsch. Ratna kümmert sich um den Haushalt von Unternehmersohn Ashwin. Als dessen Heirat kurzfristig platzt, ist ihre Anstellung in Gefahr. In seinen Kreisen sieht man es nicht gern, wenn ein Junggeselle mit der Hausangestellten allein unter einem Dach lebt. Doch Ashwin setzt sich gegen Mutter und Schwester durch, ­Ratna darf bleiben.

Diese bringt ihrem «Sir», wie sie ihn stets nennt, aus Empathie mehr Aufmerksamkeit entgegen und tritt damit ungewollt aus der Unsichtbarkeit. Langsam erwacht auch bei Ashwin das Interesse an dieser jungen Frau vom Land, die mit 19 Jahren Witwe wurde. In der Grossstadt Mumbai führt sie ein unabhängiges Leben. Den Grossteil ihres Lohns schickt sie für die Ausbildung der kleinen Schwester nach Hause, bewahrt sich aber auch den eigenen Traum, den Schneiderberuf zu erlernen. Auf gewisse Weise ist sie sogar freier als Ashwin, dessen Leben bereits vorgezeichnet scheint.

Regisseurin wurde von ­ einer Nanny grossgezogen

Ratna ist eine von Millionen. ­Anhand ihres Schicksals prangert Rohena Gera ein Übel an, das sie schon seit frühester Kindheit beschäftigt: «Wie viele Leute in Indien, wuchs ich mit Hausangestellten auf. Ich wurde von einer Nanny grossgezogen, die immer da war. Mir war schon damals voll bewusst, dass etwas mit der Art, wie wir lebten, nicht stimmte», sagte die Regisseurin im Gespräch in Zürich. 40 Millionen Hausangestellte soll es in Indien geben, informell und ohne Rechte. Begleitet wurde Gera von Tillomata Shome, die Ratna spielt. Auch sie sei mit Haushaltshilfe aufgewachsen:

«In Indien wird eine Haushaltshilfe kaum als Problem angesehen. Und solange das so ist, wird sich daran auch nichts ändern.»

Mit ihrem Spielfilmdebüt übt Rohena Gera sehr subtil Kritik an den Gesellschaftsstrukturen in ihrer Heimat, an der Stellung der Frau und von Witwen im Besonderen. Die räumlichen Schranken im Film – Ratnas Kammer befindet sich hinter der Küche – sind eine Metapher für die in den Köpfen. Erstere lassen sich leichter überwinden.

In der Form einer Liebesgeschichte, in der sich zwei Menschen trotz gesellschaftlicher Zwänge und kultureller Unterschiede im Privaten auf Augenhöhe begegnen, habe sie eine Möglichkeit gefunden, über diese Ungerechtigkeit zu sprechen, ohne zu moralisieren, sagt die ­Filmemacherin. «Eine Antwort habe ich immer noch keine.»

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