Sie arbeiten im Thurgau als Künstlerinnen wie auch als Kuratoren

Judit Villiger, Richard Tisserand, Almira Medaric und Mirjam Wanner sprechen über die Vor- und Nachteile dieser Doppelrolle.

Dieter Langhart
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Doppelleben für die Kunst: Judit Villiger (Haus zur Glocke Steckborn), Richard Tisserand (Kunstraum Kreuzlingen), Almira Medaric und Mirjam Wanner (Shed im Eisenwerk Frauenfeld).

Doppelleben für die Kunst: Judit Villiger (Haus zur Glocke Steckborn), Richard Tisserand (Kunstraum Kreuzlingen), Almira Medaric und Mirjam Wanner (Shed im Eisenwerk Frauenfeld).

Bild: Dieter Langhart

Beisst sich das: zugleich Künstlerin und Ausstellungskuratorin zu sein? Kein Zielkonflikt bestehe, betonen drei Thurgauerinnen und ein Thurgauer, «aber wir müssen die Objektivität wahren», sagt Richard Tisserand vom Kunstraum Kreuzlingen. Befruchten sich die beiden Tätigkeiten? «Unbedingt», sagt Judit Villiger. Sie lädt Künstler in ihr Haus zur Glocke in Steckborn ein, lässt sie mitreden, vergibt aber keine Carte Blanche, behält stets die Führung.

Almira Medaric und Mirjam Wanner leiten die Shedhalle im Eisenwerk Frauenfeld. «Ich treffe auf unterschiedliche Künstler und ihre Arbeit – sie verändern auch meine eigene Rolle und Position in der Kunstwelt», sagt Wanner. Sie sieht das Kuratieren als Dienst am Publikum: «Ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben.» Medaric sagt:

«Wenn wir Freude daran haben, überträgt sich das aufs Publikum.»

Ähnlich denkt Judit Villiger: Sie will die Steckborner einbinden und hört auf ihren Rat – sie will nicht Kunst erklären. Sie hat einen hohen Anspruch mit vier Ausstellungen pro Jahr, zu denen geselliges Beisammensein und besondere Aktionen für das Städtchen gehören. «Es muss für die Besucher klar sein, was sie erwartet.»

«Autorität entsteht durch gegenseitige Achtung»

Richard Tisserand sagt: «Richtige Kunst ist anspruchsvoll.» Er verfolge eine klare Linie, will den Kunstraum Kreuzlingen eindeutig positionieren. «Wenn wir der Kunst dienen, wenn wir die Künstler ernst nehmen, dann kommt das Publikum.»

«Ich brauche beides», sagt Tisserand, «das Kuratieren ist befruchtend und stets Teil meines Tages – aber ich muss beides zeitlich auf die Reihe bringen.» Ist es nicht heikel, sich ein Urteil über andere Künstler zu bilden? «Autorität entsteht durch gegenseitige Achtung», sagt Tisserand. Judit Villiger denkt stets als Künstlerin und findet im Haus zur Glocke einen Ausgleich zu ihrer eigenen Arbeit, auch wenn sie an den Ausstellungen nichts verdient; ihr ist das gesellschaftliche Miteinander wichtiger. Die vier sind sich einig: Kunst muss nicht rentieren. Dafür könne man unterschiedliche Aspekte des Lebens zusammenbringen.

Auf der Suche nach Geld und nach der freien Zeit

Allen ist der Diskurs wichtig: Villiger sieht sich als Mentorin, Wanner als Prozessbegleiterin. Doch was tun die vier, wenn sich Kuratorin und Künstler uneinig sind? Tisserand nervt sich, wenn ein Künstler bis zum letzten Moment Einfluss auf die Einladungskarte nehmen will, Villiger regt sich höchstens beim Organisatorischen auf, etwa wenn einer auf dem letzten Drücker arbeitet. Und sie staune bisweilen, wenn Künstler null Ahnung vom Kunstbetrieb haben, keine Website eingerichtet und ihren Lebenslauf schludrig aufgesetzt haben. Judit Villiger sagt:

«Künstler zu entdecken und zu fördern ist wichtig – aber aufwendig.»

Mehr Fundraising wäre wichtig, sagt Judit Villiger, koste aber zusätzlich Zeit. Sie wird von der Kulturstiftung unterstützt und von freiwilligen Helfern; der Kunstraum Kreuzlingen hat die Thurgauische Kunstgesellschaft hinter sich, das Eisenwerk Leistungsvereinbarungen mit Stadt und Kanton.

Wann ist Zeit für die eigene Kunst? Richard Tisserand: «In der Freizeit – aber ich muss auch lernen, nichts zu tun.» Judit Villiger: «Einen Monat verbringe ich auf der Insel.» Mirjam Wanner: «Ich brauche auch Leerzeit.» Almira Medaric: «Sobald ich Zeit habe, investiere ich sie in meine Kunst.»