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Sich gern haben ist kein Kunststück

Ist es in jedem Fall ein Glücksfall, wenn Geschwister in einem künstlerischen Beruf tätig sind? Die Schwestern Cornelia und Anita Hohengasser sind beide seit frühester Jugend mit Kunst in ihrer vielfältigen Ausprägung beschäftigt – und sie verstehen sich glänzend.
Brigitte Schmid-Gugler
Viel Loyalität zwischen Schwestern: Anita und Cornelia Hohengasser kennen keine Rivalität. (Bild: Hanspeter Schiess)

Viel Loyalität zwischen Schwestern: Anita und Cornelia Hohengasser kennen keine Rivalität. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Fenster bei Conni Hohengasser an der Felsenstrasse stehen genauso weit offen wie alle Zimmertüren in dem Mehrfamilienhaus. Auf dem Esstisch liegen Hefte und Bücher, darunter auch der Band «Blütenweiss bis Rabenschwarz» aus dem Jahr 2003, für welchen ihre Schwester mehrere Schwarz-Weiss-Bilderserien geschaffen hatte. Über das Gesicht der ein Jahr jüngeren Anita huscht das Lächeln, welches auch zwei Stunden später noch verblüfft, weil es die holzschnittartigen Konturen aufweicht und dieses sonst eher kantige Profil in Weiblichkeit verwandelt – für eine Fotokünstlerin mit einer Vorliebe fürs Porträt die ideale (Selbst-)vorlage. Es ist bisweilen auch das Lächeln des Kindes, das diese heute 51-Jährige gedanklich zurück nach Widnau versetzt, wo sie mit ihren drei Geschwistern aufgewachsen ist. Conni, die älteste, hat äusserlich kaum Ähnlichkeiten mit ihrer Schwester. Auch sie ist eine schöne Frau mit einer sinnlichen Ausstrahlung.

Behütete Kindheit

Wir setzen uns um den Tisch herum, und gleich kommt die Rede auf «Vätterli». So nannten sie ihren Grossvater, er war so etwas wie der Ersatz für den Vater, der seine Frau und die Kinder früh verlassen hatte. Die Mutter, man siehts auf den Schwarz-Weiss-Fotos des jetzt aufgeschlagenen Familienalbums, war ebenfalls eine aussergewöhnliche Frau. Anita hat sie später, als sie bereits als freie Fotografin arbeitete, oft fotografiert. Auf die Weise, die Anita heute «das Beiläufige» nennt. Kaum jemals habe ihre Schwester, die damals noch mit einer Minolta fotografierte, jemanden bewusst vor die Linse geholt, darum gebeten, so oder so hinzustehen, den Blick hier- oder dorthin zu wenden. Und kaum einmal habe sie wahrgenommen, dass ihre Schwester Bilder knipste. Erst als es schon geschehen sei, der Klack noch eben gerade hörbar, habe man sie oft bemerkt, wie sie, an einen Türrahmen gelehnt oder eben noch in ein Buch vertieft gewesen, abgedrückt habe. Das alles liegt lange zurück; «Vätterli», ausgestattet mit Güte und Sanftmut, aber auch mit einer gesunden Portion natürlicher Autorität, wohnte im gleichen Haus, er war Kleinbauer wie viele Leute im Dorf, und er besass eine grosse Werkstatt voller Werkzeuge – Dinge, welche die Kinder nicht nur anschauen, sondern auch benützen durften. Es gab eine Sattlerei, wo man ab und zu mit einem «Lederrestli» beschenkt wurde, und es gab die «Uhremächerlis», ein Familienbetrieb, dessen tragisches Ende einem Trivialroman in nichts nachsteht.

Weiter gab es in der unmittelbaren Nachbarschaft ein Nest von Kunstschaffenden – Eleisa Rohner, Josef Heule, Anna Boxler, deren Werke etwa in der Sammlung des Museums im Lagerhaus vertreten sind. Und auch der heute 86jährige Maler und Bildhauer Josef Alge wohnt bis heute in Widnau. Ihm durften die Mädels unten am Kanal beim Fischen zuschauen; auch das Ried war ein Ort, wo sie sich oft und gern aufhielten, wo sie herumstrolchten, Dinge sammelten, Geschichten erfanden. Man liess sie machen; im Dorf schaute jeder für jeden, «es gab kaum eine Ecke im und ausserhalb des Dorfes, wo man sich von niemandem beobachtet aufhalten konnte, was aber, im Rückblick gesehen, als soziale Kontrolle auch Geborgenheit vermittelte, schildert Conni.

Sie verliess das Dorf als erste, absolvierte in St. Gallen die Textilfachschule und lernte danach Textildesign. Immer wieder verbrachte sie Jahre im Ausland, sie belegte in Wien und Perugia Kurse in Malerei und besass noch vor dem Umzug nach Porto mit ihrem damaligen Mann und den zwei Kindern ein eigenes Atelier für Malerei und Textiles. Heute arbeitet Conni als ausgebildete Sozialpädagogin kunsttherapeutisch in einem Werkheim für Erwachsene in Trogen. Das eigene Kunstschaffen ist in ihrem Fall der neuen Aufgabe untergeordnet – nicht aus Mangel an Ideen, eher mit der befreienden Abwesenheit von Druck. Die Abhängigkeit von Galerien und einem sehr willkürlich agierenden Kunstmarkt, der ein paar wenige aus einer bestimmten Region zu Helden und Heldinnen einer angesagten Szene mache, während zahlreiche ebenfalls begabte Kunstschaffende mit wenig bis gar keiner Anerkennung arbeiteten, das habe sie nie gewollt.

«Reiche Päckli»

Die ausgebildete Fotografin Anita, die nun zum Fototermin steif neben ihrer Schwester auf dem Sofa sitzt, bringt's lakonisch auf den Punkt, wenn sie sagt: «Ich habe als Künstlerin jahrelang aus dem letzten Loch gepfiffen.» Längst jedoch wird ihr weit herum viel Anerkennung zuteil. Sie erhielt mehrere Förder- und Anerkennungspreise, die Liste ihrer Ausstellungen ist lang. Bekannt sind vor allem auch ihre Fotoreportagen aus osteuropäischen Ländern. Gemeinsam haben Conni und Anita in St. Gallen ihr künstlerisch ausgerichtetes Erwachsenenleben initiiert. Die um ein Jahr jüngere Anita durfte bei der älteren Schwester wohnen, man verkehrte – es waren die frühen 80er-Jahre – in einem aktiven Kreis von Kunstaufwieglern. «Darunter gab es auch immer wieder solche, die sich gegenseitig halfen, die einander unter die Arme griffen, Kontakte vermittelten», sagen beide, und sie betonen die Wichtigkeit, des Sich-umeinander-Kümmern. «Wir arbeiteten immer beide viel, und es geht bis heute eher darum, das eigene Schaffen zu reflektieren, in Frage zu stellen, als hinauszutreten und Aufmerksamkeit einzufordern. Die gemeinsamen Gespräche seien im Laufe der Jahre mit der Fülle des Erlebten «reiche Päckli», auch wichtiger geworden. Beim Wort Rivalität müssen sie beide lachen, da seien sie wohl beide zu sehr Rheintalerinnen geblieben, bodenständig, über den Neid erhaben. Die gegenseitige Anteilnahme sei ohne Zweifel auch die Folge einer stark zusammengeschweissten Familie, einer verbündeten Geschwisterschaft, die es gar zustande gebracht habe, der beachtlichen Anzahl Anwärter um die Hand der Mutter den Garaus zu machen. Auch ein Kunststück.

Jung und schön: Die Schwestern in Anita Hohengassers Archiv. (Bild: Anita Hohengasser)

Jung und schön: Die Schwestern in Anita Hohengassers Archiv. (Bild: Anita Hohengasser)

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