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Sibylle Berg erhält 12. Schweizer Buchpreis für «GRM. Brainfuck.»

Nun hat es geklappt: Sibylle Berg wird mit dem Schweizer Buchpreis 2019 geehrt, nachdem sie 2012 leer ausgegangen war. «GRM. Brainfuck.» heisst der Roman, für den sie ausgezeichnet wird - ein ausgesprochen düsterer Blick auf die Gesellschaft.
Sibylle Berg (zweite von rechts) hat den Schweizer Buchpreis gewonnen. Neben ihr nominiert waren Tabea Steiner, Simone Lappert, Ivna Žic und Alain Claude Sulzer (von links nach rechts). Der Hauptpreis ist mit 30'000 Franken dotiert; die Nominierten erhalten je 3000 Franken. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

Sibylle Berg (zweite von rechts) hat den Schweizer Buchpreis gewonnen. Neben ihr nominiert waren Tabea Steiner, Simone Lappert, Ivna Žic und Alain Claude Sulzer (von links nach rechts). Der Hauptpreis ist mit 30'000 Franken dotiert; die Nominierten erhalten je 3000 Franken. (Bild: Keystone/GEORGIOS KEFALAS)

(sda)

Offensichtlich hat sich Sibylle Berg noch nicht darauf eingestellt, dass sie den Schweizer Buchpreis bekommen hat. «Im Moment bin ich noch ein bisschen am Mitleiden mit den Anderen, die ihn nicht bekommen haben», sagt sie in einer ersten Reaktion gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.

Die Situation, den Preis nicht bekommen zu haben, hat sie 2012 erlebt. Einige Wochen vor der Preisverleihung räumte sie denn auch ein: «Ich finde den Vorgang, den Nominierten ins Gesicht zu filmen, um eine authentische Reaktion der Enttäuschung einzufangen, wenn sie nicht gewinnen, etwas entwürdigend.»

Diese Haltung mach deutlich, wie schwer sich Sibylle Berg mit öffentlichen Auftritten tut. Jubeln werde sie später. Der Preis bedeute ihr viel: «Ich finde es grossartig, den Preis zu Hause zu bekommen.»

Berg, die in der DDR geboren ist und seit Jahren in Zürich lebt, freut sich, in der Schweiz und nicht in Deutschland ausgezeichnet zu werden. «Kitschigerweise ist es, als ob ich jetzt hier, nach zwanzig Jahren akzeptiert werde», lächelt sie. Überhaupt gibt sie freimütig zu, dass es ihr viel bedeutet, von Menschen umgeben zu sein, die ihr Sympathie entgegen bringen.

Ein Höllentrip

Diese Haltung steht in einem eigentümlichen Verhältnis zu ihrem Werk, für das sie jetzt ausgezeichnet wurde. «GRM. Brainfuck.» - die Leserin, der Leser sei gewarnt - ist kein Roman, mit dem man sich gemütlich in die Sofaecke kuscheln kann. Der Roman ist ein Höllentrip, eine «Mind Bomb von emotionaler Wucht», wie es die Jury ausdrückte.

Die Erzählerin begleitet vier Jugendliche irgendwann nach dem Brexit durch eine verwahrloste Jugend im Norden Englands und dann in die Randbezirke Londons. Dort wollen sich die Jugendlichen rächen an denen, die ihnen Gewalt angetan haben. Die Metropole unterliegt der totalen Überwachung. Die Zahl der sozial «Abgehängten» nimmt laufend zu, seit Roboter und Software die zentralen Funktionen im System übernehmen.

Grundiert ist die Handlung von gesellschaftlicher Apathie, Gewalt, Misanthropie und sexueller Perversion; den Soundtrack liefert, wie es der Titel verspricht, der Grime, eine Hip-Hop-Spielart aus dem Londoner Eastend. Formal changiert der Roman zwischen Science Fiction, Gesellschafts- und Entwicklungsroman.

Furor bricht sich Bahn

Der Furor, der sich hier Bahn bricht, zielt auf autokratische Herrschaftssysteme, auf den weissen älteren Mann, auf den Neoliberalismus und den Klimawandel. Das Beunruhigende daran: Die Leserin kann sich nicht auf eine beobachtende Aussenseiterposition zurückziehen, im Sinn von: das ist gesellschaftlich und zeitlich weit weg. Nein, wie ein Schlag in die Magengrube trifft die Erkenntnis, dass wir mit unseren heutigen Zuständen nur einen halben Schritt weg sind von dem, was «GRM. Brainfuck.» erzählt.

Auch sprachlich lässt die Autorin die Leserschaft nicht von der Leine. Berg hat für ihren Roman eine Sprache gefunden, fragmentarisch mit unerwarteten Überleitungen, die sich an der Programmiersprache «Brainfuck» des Schweizers Urban Müller von 1993 orientiert, wie Jurorin Christine Richard in ihrer Laudatio am Sonntag ausführte.

Doch will Sibylle Berg ihren Roman nicht als Weckruf verstanden wissen. «Wenn ich schreibe, dann möchte ich etwas für mich begreifen», sagt sie. Da sei ein Gefühl von «absurder Ohnmacht», und sie habe für sich versucht Ordnung schaffen, indem sie beschreibt: «Wie könnte sich alles entwickeln, wenn wir nicht Obacht geben?».

Gesellschaftliche Fragen

Damit hat die diesjährige Trägerin des Schweizer Buchpreises einen Nerv der Zeit getroffen. Bemerkenswert ist indes, dass auch die anderen vier Nominierten mit ihren Werken gesellschaftliche Fragen ins Zentrum stellen. So beschäftigt sich Simone Lappert mit «Der Sprung» mit der Frage nach individueller und gesellschaftlicher Empathie. Tabea Steiner lotet mit «Balg» die Situation von alleinerziehenden Müttern aus, mithin die Frage nach Verantwortung, ebenfalls gerichtet an das Individuum wie an die Gesellschaft.

Alain Claude Sulzer siedelt seinen Roman «Unhaltbare Zustände» 1968 an, in einer Zeit, die prototypisch für gesellschaftlichen Umbruch steht, und gibt den Verlierern eine Stimme. Ivna Žic nimmt in «Die Nachkommende» die Perspektive einer Seconda ein und lässt in ihrem Familienporträt europäische Zeitgeschichte anklingen.

Jurysprecher Manfred Papst lobte bei der Preisverleihung denn auch den literarischen Jahrgang 2019 als reich. Die Schweizer Literatur sei jünger geworden, Secondas und Secondos hätten neue Stimmen eingebracht, die Texte seien professioneller geworden.

Der Schweizer Buchpreis wird seit 2008 vergeben vom Verein Literatur Basel und dem Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV). 2019 hat die Jury 71 Romane und Essays von 45 Verlagen bewertet.

Der Schweizer Buchpreis gilt neben dem Grand Prix Literatur, der vom Bundesamt für Kultur (BAK) vergeben wird, als die bedeutendste literarische Auszeichnung der Schweiz - wobei für den Grand Prix alle Sprachregionen der Schweiz berücksichtigt werden, während mit dem Buchpreis nur deutschsprachige Werke ausgezeichnet werden.

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