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Sgt. Pepper’s einsame Herzen schlagen in Boswil weiter

Am vorletzten Konzertabend des «Boswiler Sommers 2018» wurde das erfolgreichste und folgenreichste aller Beatles-Alben neu aufgeführt. Dem Publikum fuhr die Vorstellung in Glieder, Hirn und Gemüt.
Dorotea Bitterli
Das Publikum wird in der alten Kirche bestens unterhalten. (Bild: PD)

Das Publikum wird in der alten Kirche bestens unterhalten. (Bild: PD)

Daniel Rohr ist einer der kreativsten Theatermacher der Schweiz. Seit 14 Jahren leitet er das Theater Rigiblick in Zürich, und seine temperamentvolle Bühnen-Spürnase lässt ihn Programme gestalten und Künstler-Allianzen schmieden, in deren Zentrum immer wieder der Brückenschlag zwischen Text und Musik steht. So auch im Jahr 2017: Zum 50-Jahr-Jubiläum des berühmten Beatles-Album «Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band» brachte er zusammen mit dem Texter und Schlagzeuger Oliver Kaiser eine Live-Aufführung im Originalsound ins Theater. Ein spektakuläres Vorhaben mit 30 Musikerinnen und Musikern aus Rock und Klassik – ergänzt durch Texteinlagen.

Das ursprüngliche Album der Fabulous Four war eine reine Studioproduktion und galt als unaufführbar. Der Musiker und Komponist Tobias Schwab aber nahm die Herausforderung an, die charakteristischen Klangmalereien der Beatles-Songs dieser Ära mit den originalen orchester- und kammermusikalischen Instrumentierungen neu zu arrangieren.

Am vergangenen Samstag, am vorletzten Abend des jährlich stattfindenden «Boswiler Sommers» füllte das Publikum die alte Kirche neben dem Künstlerhaus vollständig. Niemand wusste so genau, was da kommen würde – die weltberühmte Musik und bekannte Interpreten-Namen versprachen indes Hochkarätiges.

Eine Zeitreise für die Zuschauer

Drei Männer und eine Frau in farbigen rüschenverzierten Blusen reihten sich vor dem Orchester nebeneinander auf; sie wurden sofort mit den vier Beatles Paul McCartney, John Lennon, George Harrison und Ringo Starr assoziiert. Der im hellblauen Hemd – Daniel Rohr selbst – ergriff das Mikrofon und führte die Zuhörenden stracks ins Jahr 1967: Die Beatles haben ihre letzte Tournee hinter sich, sie sind erschöpft, ausgebrannt, der Ruhm droht ihre Kunst zu verschlingen. In einer dreimonatigen Pause versuchen sie frei zu werden für neue, kreative Ideen.

Sie beschliessen eine reine Studioproduktion, mit neuen technischen Möglichkeiten, und werden zu Klangforschern. Die progressiven musikalischen Fantasien des daraus entstandenen Albums, kurz «Sergeant Pepper» genannt, werden die Musikwelt für immer verändern.

Zwei ebenso berühmte ­Singles, «Strawberry Fields» und «Penny Lane», gingen dem eigentlichen Album voraus, und so auch im Boswiler Konzert: Nach Rohrs Einführung begannen die beiden jungen Leadsänger Lukas Langenegger und Levin Deger – im rosa beziehungsweise roten Rüschenhemd – unter psychedelischen Harfenklängen den musikalischen Teil.

Dann ergriff Stefan Gubser – dem breiten TV-Publikum als Tatort-Inspektor bestens bekannt – das Mikrofon, stand auf und stellte sich vor: «Sie gestatten: Brian Epstein» Bis zum Ende des Abends würde er nun als Ich-­Erzähler in der Rolle des Beatles-Managers den Fortgang des Konzertes begleiten. Ergänzt durch historische Erläuterungen von Daniel Rohr, entfaltete sich so eine Art Tagebuch der Zusammenarbeit des homosexuellen Ep­steins mit der britischen Band – vom ersten Kennenlernen 1961 im Liverpooler Cavern Club bis zum eigenen Suizid im August 1967.

Zahlreiche Musikstile

Die von Oliver Kaiser verfassten humorvollen, gut dokumentierten Texte liessen zurückblicken auf die spannungsvolle Epoche Mitte der 60er-Jahre, in der Vietnamkrieg, Friedensbewegung und Flower Power die Welt bewegten. Die Beatles verstanden sich speziell mit diesem Album als Sprecher des damaligen gesellschaftlichen Aufbruchs. Diese Musik erklang nun Stück um Stück.

Ein bunter Stilmix von Rock ’n’ Roll, Vaudeville, Big Band, Piano Jazz, Blues, Kammermusik, Zirkus, Musical Hall, Avantgarde bis hin zu indisch-klassischer Musik entfaltete ­einen Konzertabend, der musikalisch und textlich frischer und überraschender nicht sein könnte. Speise für Herz und Kopf.

Das Innen- und Aussenleben der ­damaligen Protagonisten im Spiegel ihrer Musik: Freundschaft («With a little help from my friends»), Auflehnung gegen ­Autorität («She’s leaving home»), Anti-Vietnam-Protest («Getting better»), unglückliche Ehe («Good morning»), kindlich-surreale Fantasie («Lucy in the sky with diamonds») bis hin zu spiritueller Suche («Within you, with­out you»).

In Boswil war einer der vier «Beatles» eine Frau – die Sängerin Sabina Deutsch. Dazu befragt, hatte Rohr in der Konzerteinführung gesagt: «Eine andere Farbe! Wir tun nicht so, als ob wir die Beatles wären.» Künstlerischer Geschmack also auch hier. Das Publikum dankte mit stehendem Applaus und erklatschte sich sozusagen zwei Zugaben.

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