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SERIE: «Kunst ist Zeit mit mir»

Im Hause Peters in Frauenfeld ist die Kunst lebensnotwendig. Mutter Silvia ist ­Kunstvermittlerin, Tochter Judith Künstlerin.
Dieter Langhart
Kunst gehört zum Leben: Judith und Silvia Peters in der Stube des Elternhauses. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Kunst gehört zum Leben: Judith und Silvia Peters in der Stube des Elternhauses. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Voller Blumen ist das Haus zuhinterst im Mühletobel, am Rande Frauenfelds – zehn Schritte und man taucht in den Wald ein. Voller Bilder und voller Kunstbände sind die Wände des Wohnzimmers, Silvia Peters und ihr Mann Matthias können nicht ohne. Seit vierzig Jahren leben sie hier. Hier haben sie ihre drei Kinder grossgezogen, hier liegt stets ein Zeichenblock bereit für die Enkelkinder. Kunst ist allgegenwärtig, ist selbstverständlich in dieser Familie, ist Teil der Familie. Und eine Wand im Nebenraum ist für spontanes Malen reserviert.

Silvia Peters war die erste Kunstvermittlerin im Thurgau. Der älteste Sohn Lucas ist freischaffender Fotograf, der jüngste, Michael, doktoriert an der HSG über Kreativität im Arbeitsprozess und ist Dauergast in Museen, dazwischen ist Judith, 37. Sie ist Künstlerin, und sie ist zu unserem Mutter-Tochter-Treffen gekommen.

Die tägliche Zeichnung als visueller Lebenslauf

«Seit mehr als zwei Jahren zeichne ich jeden Tag ein Tagesbild im Format A4. Es gehört zu einem jeden Tag und kommt einer Tagesnotiz nah», sagt die Künstlerin. «Die Wege sind wichtig»: Sie lebt im sechsten Stock eines Hochhauses in Zürich, fährt mit dem Velo in ihr Atelier oder zur Arbeit im Cabaret Voltaire. Zahlen, Worte und Symbole sind auf den Zeichnungen, und manchmal verschwimme die Erinnerung an das Gefühl, das Auslöser war. «Das ist dein Leben, dein visueller Lebenslauf», sagt ihre Mutter beim Blättern durch die Tagesbilderschachtel – sie sieht den Inhalt zum ersten Mal. «Ich will die Zeit festhalten», sagt Judith Peters, «weil ich nicht täglich in meinem Atelier bin.» Die Idee zum visuellen Tagebuch kam ihr, als ihre Bilder abstrakter wurden.

Früher hat Judith Peters viel geschrieben; seit sie zeichnet, ist ihr das weniger wichtig. Was wäre, wenn sie die Schachtel verlöre? «Ganz schlimm! Sie ist meine Schatztruhe, da drin ist mein Leben.» Sie öffnet die Farbstiftschachtel, greift sich einen roten Stummel, zeichnet am heutigen Bild weiter. «Manchmal weiss ich genau, was ich mache, und manchmal macht es mit mir.»

Judith Peters besuchte das Liceo artistico, bestand die Aufnahme zu den Kunsthochschulen in Zürich und Luzern. Die neuen Medien interessierten sie nicht – wenn Kunst, dann «etwas mit den Händen». Leben bedeutet ihr: dem näher zu kommen, was man will. Jetzt hält sie die Zeit in ihren Zeichnungen fest, also das Leben. Schon als Mädchen hat sie gezeichnet, gemalt, modelliert.

Zeit zu haben, ist auch für Silvia Peters essenziell. Tags zuvor leitete sie eine Sitzung im Vorstand des Vereins Bildschule Frauenfeld, den sie vor kurzem gegründet hat. Er beansprucht ihre Kraft, die geliebten Berge müssen warten. Am nächsten Tag trifft sie die Grafikerin Susanna Entress, dann kommen die Grosskinder. «Ich bin ganz präsent.» Sie hat eine grosse Achtung vor dem Leben, bewusst hat sie die Arbeit mit Menschen gewählt. Vor allem mit Schulkindern, denen sie Kunst und kreatives Schaffen vermittelt.

«Kinder sollen etwas ­erleben, nicht etwas lernen»

Silvia Peters hat ihre Wurzeln in der Val Lumnezia und das Sursilvan nie beiseite gelegt. «Unsere Kinder haben einen romanisch-italienischen Einschlag», sagt sie. Judith Peters muss lachen. Eigentlich ist sie Rechtshänderin, aber manchmal zeichnet sie mit der linken Hand. Ihr Partner Filib ist ebenfalls Künstler. Konkurrenz? «Nein», sagt Judith Peters, «es gibt nichts Schöneres als diese tiefe Verbundenheit.» Gewiss, das Geld sei ein Thema, sie verdiene wenig mit ihrer Kunst. Aber der Kunstbetrieb ist ihr zuwider. Hat sie Zweifel? «Ich kann gar nichts anders, die Kunst ist in mir drin.» Kunstvermittlerin wie ihre Mutter wollte sie nicht werden, der Lehrerberuf widerstrebte ihr. So ergab es sich, dass sie Künstlerin wurde. «Ich brauche viel Zeit für mich. Die Kunst ist Zeit mit mir.»

Die Tochter ist ruhig, ganz bei sich; die Mutter sprüht vor Elan, reisst mit. Ob sie auch Künstlerin sei, werde sie von den Kindern oft gefragt. Dann antwortet sie: «Ich mache Kunst mit und für euch.»

Wie tauschen sich Mutter und Tochter aus? Judith: «Ich rede wenig über meine Arbeit, und dann vor allem mit Filib.» Sie hat bei einigen Kunstvermittlungsprojekten ihrer Mutter mitgearbeitet. «Ich war beeindruckt. Aber da wir beide genaue Vorstellungen haben, wäre es schwierig, den Kurs gemeinsam zu leiten. Kinder brauchen einen Rahmen, innerhalb viel Freiheit.» Die drei Geschwister gingen oft in Museen – «weil wir durften, nicht weil wir mussten». Wieder diese Selbstverständlichkeit, mit der die Kunst zum Leben gehört.

Wo sehen sich Mutter und Tochter in fünf Jahren? Judith ­Peters: «Ich mache weiter, ich schaue, was das Leben bringt.» Silvia Peters: «Als Leiterin der Bildschule will ich Kindern im gestalterischen Bereich fördern. Kinder sollen etwas erleben, nicht etwas lernen.» Sie spricht aus Erfahrung.

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