Senioren – sehenswert

Werkschau Betagte Protagonisten und volle Säle: Die 48. Solothurner Filmtage waren ein erfreulicher Jahrgang.

Hans Jürg Zinsli
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«Spitex? Die sind nett, wirklich», sagt Anny Fröhlich und grinst verschmitzt in die Kamera: «Die machen genau, was ich will.» Die Seniorin aus dem Dokumentarfilm «Von heute auf morgen» hat die Lacher des Filmtage-Publikums auf ihrer Seite. Als die 95-Jährige ins Altersheim muss, bleibt einem jedoch das Lachen im Hals stecken. «Früher», sagt Fröhlich, «haben sie solche Leute wie mich geschlachtet. Ein Pülverchen und fertig.»

Sensible Annäherung

Verzweifelt. Listig. Rebellisch. Urkomisch. Regisseur Frank Matter lotet in «Von heute auf morgen» die ganze Gefühlspalette aus. Mit dem sensiblen Porträt von vier Senioren und ihrem mitunter anstrengenden Betreuungsumfeld gelingt Matter die sensible Annäherung an ein Thema, das im Schweizer Film bislang zwar nicht verdrängt, aber auch nicht wirklich ausgeschöpft wurde.

Die sehenswerte Betagten-Schau begann bereits bei der Eröffnung: Marcel Gisler erzählt in «Rosie» ungeschminkt und virtuos von einer alkoholsüchtigen Mutter, die zunehmend zum Pflegefall wird. Der Oberaargauer Hannes Hug holt im Dokumentarfilm «Generation Teleboy» vier ehemalige Mitglieder der DRS-Big-Band zurück vor die Kamera. Und die Bernerin Sophie Huber entlockt in «Harry Dean Stanton – Partly Fiction» dem gleichnamigen 86jährigen Hollywood-Kauz («Paris, Texas») ungewohnte musikalische Töne.

Fragen zur Vergänglichkeit

Mag sein, dass die Häufung ergrauter Filmprotagonisten bloss Zufall ist. Dagegen spricht jedoch, dass Altersfragen im internationalen Kino längst mehrheitsfähig geworden sind. Im Fall von Michael Hanekes «Amour» dürfte es diesen Monat Oscars regnen. Entsprechend gut steht es dem heimischen Filmschaffen an, sich mit Fragen zu Gebresten und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. Verdienter Lohn ist im besten Fall ein Publikum, das solche heiklen Themen nicht nur goutiert, sondern – wie bei Frank Matters «Von heute auf morgen» – frenetisch beklatscht.

Mehr Radikalität

Neben Altersfragen war an den diesjährigen Filmtagen Radikalität das zweite grosse Thema. Direktorin Seraina Rohrer präsentierte ein mit internationalen Gästen (Ulrich Seidl, Carlos Reygadas) bestücktes Sonderprogramm. Sie plädierte – im Gegensatz zu ihrem Vorgänger und jetzigen BAK-Filmchef Ivo Kummer – auch beim Schweizer Film für Werke, «die die Gemüter teilen und nicht alle ansprechen, nicht einmal teilweise».

Dass dies zu erhöhtem Diskussionsbedarf des Publikums führen würde, war Rohrer bewusst. Sie trug dem Bedürfnis mit einer Vielzahl von Podien und Begegnungsmöglichkeiten Rechnung. Nach einem eher «unsichtbaren» ersten Amtsjahr hat Seraina Rohrer ein Gespür für packende Themen entwickelt und ihr Profil als Direktorin geschärft.