Selfie vor dem Psychotrip

Am Zurich Film Festival locken Preise die Stars an, und Stars die Autogrammjäger. Der grüne Teppich geleitet zur Gala. Zum Beispiel, wenn eine neue Martin-Suter-Verfilmung Premiere feiert.

Andreas Stock
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Abends wird vor dem Festivalzelt beim Sechseläutenplatz jeweils der grüne Teppich ausgerollt, und die Scheinwerfer gehen an. Dann nimmt die Anzahl der dunklen Anzüge und Abendkleider deutlich zu. Die Galapremieren sind ein Aushängeschild des Zurich Film Festivals. Sie bekommen grosse Medienaufmerksamkeit und ziehen viele Schaulustige an. Selbst wer zufällig vorbeispaziert, erblickt so mal einen Prominenten: «War das nicht der Haribo-Mann?», fragt eine Frau erstaunt ihren Begleiter. Thomas Gottschalk wird gerade über die Strasse zum Kino geleitet, wo er sich Zeit für ein weiteres Selfie mit einem Fan nimmt. Wenn grosse Namen wie Kiefer Sutherland oder der Teeniestar Liam Hemsworth paradieren, ist die Aufregung an den Abschrankungen zwar einiges lauter und heftiger, aber die Begeisterung äussert sich – in gut schweizerischer Art – anständig. Und weil dem so ist, haben Autogrammjäger während des ZFF mit Geduld und Glück gute Chancen, den Stars recht nahe zu kommen.

Moritz Bleibtreu auf dem Trip

Thomas Gottschalk besuchte am Sonntagabend die Premiere von «Die dunkle Seite des Mondes», der neusten Verfilmung eines Romans von Martin Suter. Das Buch, vor 15 Jahren erschienen, hat so lange wie kein anderes des Bestsellerautors gebraucht, bis es verfilmt war. Die Geschichte um Wirtschaftsanwalt Urs Blank, spezialisiert auf Fusionen, brauchte zwei Anläufe. «Meine Bücher sind nicht immer so leicht zu adaptieren, wie es auf den ersten Blick scheint», sagte der Autor an der Medienkonferenz. Und entgegnete auf die Frage, ob er nun mit der Umsetzung zufrieden sei, trocken: «Sonst wäre ich wohl nicht hier.» Für Regisseur Stephan Rick ist die deutsche Produktion das Kinodébut. Die grösste Herausforderung sei es gewesen, «dass die eigentlich negative Hauptfigur dem Publikum nicht verloren geht», sagte Rick. Moritz Bleibtreu spielt den abgebrühten Geschäftsmann, der völlig aus der Bahn gerät. Nachdem er halluzinogene Pilze konsumiert hat, neigt Urs Blank zu ungeahnter Aggression. Es dauert nicht lange, bis er in einem der Gewaltschübe einen Mord begeht. Die finstere «Dr. Jekyll & Mr. Hyde»-Variante ist spannend und atmosphärisch inszeniert. Und dank Moritz Bleibtreu interessiert man sich lange für diese Figur auf dem Psychotrip.

Viele Preise

Wie jedes Filmfestival verteilt das Zurich Film Festival mehrere Preise: Golden Eye, Golden Icon, Lifetime Achievement und Career Achievement Award heissen sie. Nach dem Preis für Kiefer Sutherland und der morgen folgenden Auszeichnung für Arnold Schwarzenegger wurden gestern gleich zwei Preise verliehen. An Schauspieler Armin Müller-Stahl (vor zwei Jahren auch am Filmfestival Locarno geehrt) und an den US-Produzenten Steve Golin, der seine neuste Produktion mitgebracht hat: den sehr sehenswerten «Spotlight» um investigative Journalisten, welche die Kindsmissbräuche von Priestern aufdeckten.