SELBSTFINDUNG: Am Ende mit dem Vater versöhnt

Bernhard Brack erkundet im autobiografischen Erzählband den zwiespältigen Werdegang eines eigenbrötlerisch-zwanghaften Idealisten: Dicht gewoben mit gelungener Poesie – und ein Generationenporträt.

Hansruedi Kugler
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Hat immer ein Notizbuch dabei: Bernhard Brack auf dem Gallusplatz in St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Hat immer ein Notizbuch dabei: Bernhard Brack auf dem Gallusplatz in St. Gallen. (Bild: Benjamin Manser)

Hansruedi Kugler

hansruedi.kugler

@tagblatt.ch

Genau in der Mitte des Buches denkt der Erzähler diesen starken Satz: «Und sie marschiert kraftvoll durch meine Lebenslüge.» Der junge Mann ist Praktikant im Alterszentrum, sie, Frau Haller, liegt nach mehreren Hirnschlägen festgebunden ans Bett. Die Einsicht ist bitter, die behauptete Selbstlosigkeit ist ein eitles Konstrukt: Denn sein Idealismus, seine Arbeit in Behinderten- und Altenheimen ist im Grunde genommen eine trotzige, pubertäre Ersatzhandlung, mit der er sich vom übermächtigen Vater lossagt. Dieser hatte ihn zum Nachfolger seines Unternehmens bestimmt und zeigt nun ungeniert seine Verachtung für den Weg, den sein Sohn gewählt hat. Bernhard Brack nennt es den doppelten Schatten der Eltern. Keine Anerkennung durch den Vater und Verrat der Mutter, die seinen sozialen, den sozusagen weiblichen Weg, ebenfalls nicht unterstützt. «Aber ich wollte kein psychologisch erklärendes, sondern ein erzählendes Buch schreiben», sagt Brack. Das ist ihm gut gelungen: Vom jugendlichen Aufbruch über die Praktika in Heimen bis zum zarten Abschiedskapitel, wo er seinen todkranken Vater im Spital besucht, und wo er sich mit ihm versöhnt. Brack schreibt szenisch dicht und sinnlich sowie erzählerisch mehrschichtig. Zudem gelingen ihm viele poetische Passagen.

Bordellbesuch als Befreiung starrer Beziehungsmuster

Bernhard Bracks neues Buch ist zwar in der Reihe Orte Erzählung erschienen. An Fiktion denkt man aber bei der Lektüre nicht. Denn der Lebenslauf des Autors legt es nahe: Alles autobiografisch, Herr Brack? «Weitgehend ja», sagt er. «Nicht jedes Detail musste stimmen, einiges habe ich gestrafft, vieles weggelassen.» Die Freimütigkeit, mit der er erzählt, ist beeindruckend ungeschönt. Dass er wie der Erzähler im Buch als junger Mann einmal ins Bordell ging, bestätigt er: «Für mich war der Bordellbesuch eine enorm wichtige Befreiung von starren Beziehungsmustern.» Und er relativiert sogleich: «Das war nicht mal das Peinlichste.» Viel mehr Überwindung habe es gebraucht, sich an den Kleinmut und die Selbstzweifel, an die Selbstgerechtigkeit und an den eitlen Moralismus zu erinnern, die ihn als junger Mann prägten: «Beim Schreiben ging ich oft durch die Hölle der eigenen Peinlichkeiten.»

Mühsame Suche nach emotionaler Identität

Da trifft er selbst einen heiklen Punkt seines Buches. Als Leser legt man nämlich zwischendurch das Buch verärgert zur Seite und ruft dem Autor zu: Komm mal aus Deiner narzisstischen Ecke hervor. Dass man etwa über seine frühen Freundinnen kaum etwas erfährt, sondern nur immer seine eigenen seelischen Nöte. «Das verstehe ich gut, gehört aber zur Wahrhaftigkeit der Erinnerung», sagt Brack. «Ich hatte ein idealisiertes Frauenbild und konnte mich nicht in sie versetzen, konnte also auch nicht über sie schreiben.» Was für ein Kontrast zum heutigen Bernhard Brack: Ein fröhlicher, offenherziger Mann, der als Sozialarbeiter viel Empathie zeigt, dem man auch ein lustiges Buch zutrauen würde. Brack lacht: «Ja, aber hier wollte ich ein Lebensskript beschreiben. Wenn man die Wendepunkte seines Lebens untersucht, kommt halt das Krisenhafte zum Vorschein.»

Bracks Krisen sind aber nicht nur familiär und privat, sondern auch zeitgeschichtlich aufschlussreich: Sie zeigen den zwiespältigen Idealismus vieler in den 60er- und 70er-Jahren Aufgewachsenen im subjektiven Licht und dokumentieren die mühsame Selbstfindung einer emotionalen Identität. Zu einer solchen gelangte Brack durch eine Therapie, durchs Schreiben und durch Aufrichtigkeit der Erinnerung. Die mutet er auch seinen Kindern zu. Seine beiden erwachsenen Kinder fänden sein Buch toll: «Ich finde es wichtig, dass ich ihnen nichts verheimliche.»