Selbstbefreiung mit Tarantino

Über einen Zeitraum von fünf Jahren filmte Crystal Moselle für «The Wolfpack» sechs Brüder, die praktisch in Isolation in New York aufwuchsen und deren Leben stark von Kinofilmen geprägt wurde.

Andreas Stock
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Ganz wie im Kino: Die sechs Angulo-Brüder und ihre «Tarantino»-Anzüge. (Bild: pd)

Ganz wie im Kino: Die sechs Angulo-Brüder und ihre «Tarantino»-Anzüge. (Bild: pd)

Einer der Jugendlichen kann sich erinnern, dass sie ein Jahr lang gar nie draussen waren. Auch im Winter durften sie kaum vors Haus; im Sommer konnte es ein- bis neunmal sein, dass sie in den Park durften. Die sechs Brüder, ihre Schwester und die Mutter werden von Vater Oscar Angulo zu Hause gehalten, weil er die Welt vor den Türen in ihrer Sozialwohnung in der Lower East Side von New York für viel zu gefährlich hält. Die Nachbarschaft und die öffentliche Schule seien nicht gut für ihre Kinder, befinden die Eltern. «Es geht nicht darum, dass wir uns für besser halten, aber wir wollen sie etwas davon fernhalten», beschönigt es Mutter Susanne.

Tausende Filme gesehen

Filmemacherin Crystal Moselle stiess zufällig auf die sechs Angulo-Brüder, die ihr wie ein Wolfsrudel vorkamen, was dem Film den Titel gibt. Die Isolation liess die Brüder zwar sehr schüchtern und ängstlich werden, sie sind aber nicht verwahrlost, sondern gut erzogen und versorgt. Und sie haben eine grosse Leidenschaft: Filme. «Unser Vater füllte uns den Kopf mit Filmen.» Sie haben Tausende gesehen, Arthouse-Filme ebenso wie das alte und junge Hollywoodkino. Besonders haben es ihnen der Batman-Film «The Dark Knight» von Christopher Nolan sowie «Pulp Fiction» und «Reservoir Dogs» von Quentin Tarantino angetan. Und weil das Kino die einzige Welt ist, die sie kennen, haben sie diese aufgesogen; sie spielen zusammen viele der Streifen nach. Sie tippen die Dialoge ab, basteln und schneidern sich aus Karton, alten Kleidern und Lebensmittelverpackungen Kostüme und filmen ihre liebevollen, detailverliebten Nachstellungen der Filme. Und wenn sie mal aus dem Haus gehen, dann im Outfit der Gangster von «Reservoir Dogs»: in schwarzen Anzügen mit Krawatten und Sonnenbrillen.

Langsam Vertrauen gewonnen

«The Wolfpack» erzählt faszinierend, wie die Buben nach der Pubertät beginnen, gegen das isolationistische Regime des Vaters aufzubegehren. Es ist eine erstaunliche Selbstbefreiung und Sozialisierung, bei der die Erfahrung durch und mit Filmen eine Rolle spielte.

Es habe sehr lange gebraucht, bis sie ihr Vertrauen gewonnen habe, schreibt Moselle im Presseheft. Über einen Zeitraum von fünf Jahren habe sie sich der Familie angenähert. Doch weder ihre Geduld noch die lange Dauer dieses Vertrautwerdens sind im Film erkennbar. Im Gegenteil, die Mischung zwischen den zahlreichen privaten Videobildern aus dem Familienarchiv, den nachgestellten Kinofilmen und den Dokumentaraufnahmen von Crystal Moselle machen eine zeitliche Orientierung fast nicht möglich. Die Dramaturgie dieser Selbstbestimmung bleibt diffus. Spannend ist es dennoch zu sehen, wie hier trotz einer brutalen Isolation sechs Brüder gross geworden sind; deren Kreativität sucht nun Erfüllung in einer Welt, an die sie sich erst gewöhnen müssen.

Jetzt im Kinok St. Gallen und im Luna Frauenfeld; weitere Kinos in der Region werden folgen.