«Seit Corona ist alles hinfällig, was ich bisher gemacht habe»: Schriftstellerin Marlene Streeruwitz zu Gast im Kunsthaus Bregenz

Die österreichische Autorin Marlene Streeruwitz las im Kunsthaus Bregenz aus ihrem Covid-19-Netzroman «So ist die Welt geworden».

Bettina Kugler
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Keine Scheu vor Zeitgenossenschaft: Marlene Streeruwitz.

Keine Scheu vor Zeitgenossenschaft: Marlene Streeruwitz.

Bild: pd

Noch nie vorher hat Marlene Streeruwitz in einem ihrer Texte ein Fragezeichen gesetzt. «Das gab es für mich nicht. Nur Punkte.» Die Pandemie freilich hat alles auf den Kopf gestellt, erzählt sie dem distanziert in der Eingangshalle des Kunsthauses Bregenz verteilten Lesungspublikum. «Homeoffice» galt plötzlich für alle an der Coronafront Entbehrlichen. Nicht nur für isolationsgewohnte Autorinnen. Es fehlten ihr wochen- und monatelang die öffentlichen Kontakte. Lesungen wurden abgesagt; den bei Autoren begehrten Preis der Literaturhäuser konnte sie nicht entgegennehmen.

Stattdessen schrieb sie Anträge für Gelder aus dem Härtefallfonds, sass in ihrer Wohnung und erfand sich gleich nach Beginn des Lockdowns ein literarisches Alter Ego: die Schriftstellerin Betty Andover. Von ihr erzählte sie fortan in aktuellen wöchentlichen Episoden. Gekürzt erschienen diese ab dem 20. März als Fortsetzungsroman in der Wiener Tageszeitung «Der Standard», vollständig auf der Website der Autorin. «Dabei hatte ich schon öfter beschlossen, überhaupt nichts mehr zu schreiben.» Die Langeweile des Lockdowns aber machte sie nervös und trieb sie zurück an den Schreibtisch.

Kontemplation mit möglichst wenig Aussenwirkung

Angefragt wurde sie für ein persönliches Coronatagebuch; dazu hatte sie keine Lust. Es hätte, so Streeruwitz, in den sehr schmalen Kulturbegriff gepasst, der Künstler gern als kontemplative Eigenbrötler sieht. Sie dürfen gern ihren Befindlichkeiten nachspüren – aber lieber nicht kollektiven Erfahrungen, gesellschaftlichen Verwerfungen und Umbrüchen eine Form geben. «Das ist gleich links, wird abwertend eingestuft als Revolutionskunst.»

Trotzdem: Sie begann zu schreiben, und es entstand zu ihrer eigenen Überraschung ein (immerhin bitterböser) Unterhaltungsroma. Im Herbst soll er als Buch erscheinen, in einem Kleinverlag, nicht ihrem Stammverlag S. Fischer. «Dann habe ich etwas zum Blättern und Erinnern», sagt sie, «eine Art Poesiealbum».

Vereinzelung, Heimarbeit und neue Autoritäten

Schon jetzt sei alles anders – und alles hinfällig, was sie bisher gemacht habe. «Ich lese meine eigenen Sachen wie die einer fremden Person.» Revolutionär und ein aufregender Spezialfall ist ihr Covid-19-Roman tatsächlich so wie die Kunst, die derzeit in der spontan entstandenen Ausstellung «Unvergessliche Zeiten» im Kunsthaus Bregenz gezeigt wird: So unmittelbar gegenwärtig und zeitnah, aus einer alle betreffenden Situation heraus erreichen Werke die Öffentlichkeit sonst nicht.

Das könnte das Bewusstsein für eine über Kultur kommunizierende Gemeinschaft nähren und stärken – stattdessen aber drohen wir zu vereinzeln, fallen zurück in Verordnungsgeist, alte Abhängigkeitsverhältnisse. Das «Homeoffice» etwa: Streeruwitz sieht darin eine «Einfallschneise für die grösste Arbeitsplatzbereinigung». In Heimarbeit gedeiht die Selbstausbeutung; bezahlt wird lediglich das fertige Produkt, das weiss die Stickerin und Näherin so gut wie die Textschaffende. Ob sie Betty Andover heisst oder Marlene Streeruwitz.

Kritisch-klarer Blick im Nebel der Gegenwart

Man könnte an vielen gelesenen Passagen lachen und mag doch nicht: Zu nah ist das frei Erfundene an der Wirklichkeit, von der noch keiner weiss, was sie bedeutet, jetzt und in Zukunft. Also verfolgt man Bettys Coronaalltag und das nie oberflächliche Gespräch zwischen der Autorin und Moderator Jürgen Thaler mit Spannung – und mit dem Unbehagen persönlicher Betroffenheit. «Der Nebel ist noch ganz dicht», sagt Streeruwitz, obwohl sie sonst Metaphern meidet. Den klaren, kritischen Blick wird sie sich nicht vernebeln lassen.

Die Ausstellung «Unvergessliche Zeiten» im Kunsthaus Bregenz ist noch bis 31.8. zu sehen. Der Roman ist online auf der Website marlenestreeruwitz.at.

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