«Thomas Mann hätte eine strengere Lektorin gebraucht»: Martin Suter im grossen Interview
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«Thomas Mann hätte eine strengere Lektorin gebraucht»: Martin Suter im grossen Interview

Bild: Claudio Thoma (Zürich, 6. Juli 2020)

Er ist der erfolgreichste Schweizer Schriftsteller. Nun will Martin Suter das Internet erobern. Ein Gespräch über dramaturgische Rezepte, Netflix – und arrogante Kollegen.

Raffael Schuppisser
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Am Morgen in einer verschlafenen Siedlung aus den 50er-Jahren in Zürich Oerlikon. Ein Mann, gekleidet in Anzug und mit Krawatte, spaziert die Strasse herunter. Es ist der Bestseller-Autor Martin Suter. Er bleibt kurz stehen, schaut zum Fenster des Wohnblocks hin­auf, in dem ein Mann mit einer Bierflasche verharrt. Er geht weiter und hält nach ein paar Schritten erneut inne.

Bild: Keystone

«Cut», unterbricht eine Stimme die Ruhe. Martin Suter verbeugt sich charmant und sagt unüberhörbar selbstironisch: «War ich nicht grossartig?» Es ist einer der ersten Drehtage für einen Film über Martin Suter, in dem sich der Schriftsteller selber spielt und auf seine Romanhelden trifft. Für das Interview begeben wir uns in die Wohnung von Peter Taler, dem Helden aus Suters Buch «Die Zeit, die Zeit», und nehmen auf alten Polstersesseln Platz.

Sie kommen direkt vom Filmdreh. Wie fühlt sich das an, durch die eigenen Bücher zu spazieren?

Martin Suter: Das vollständige Bild entsteht ja erst, wenn der Film geschnitten ist. Während des Drehs wirkt alles sehr abstrakt. Meine Gefühlswelt ist eher beeinflusst durch den Ort. In dieser Gegend habe ich meine ersten fünf Lebensjahre verbracht.

Was haben Sie für Erinnerungen an diese Zeit?

Einige. Auf dieser Wiese da vorn hat ein Gärtner einen Wassersprinkler auf­gestellt. Der Mann hat mich animiert, mit den Kleidern auf den Sprinkler zu sitzen. Dann kam meine Mutter
und schimpfte mit dem Gärtner. Das war ja auch eine Dummheit von ihm! Und dann gab es den unheimlichen ­Abwart, Herr Rahm, der Kinder nicht mochte.

Entstehen aus solchen Erinnerungen literarische Figuren?

Fast nie. Ich komme in meinen Büchern so gut wie nicht vor. Ich lese auch nicht gern Bücher, in denen jemand seine Vergangenheit aufarbeitet oder seine Probleme zu bewältigen versucht. Nichts gegen solche Literatur, ich persönlich mag sie einfach nicht. Ich erzähle lieber Geschichten, die man gern liest.

Anders im Film. Hier haben Sie die Hauptrolle inne.

Das ist eine sehr neue Erfahrung. Normalerweise bleibe ich den Drehorten fern. Ich finde, ein Autor hat auf dem Filmset nichts verloren. Aber diesmal kann ich mich nicht drücken und muss das Ganze durchstehen. Manchmal komme ich mir vor wie früher, in der Rekrutenschule. Oder überhaupt im Militär. Dort lautet das Motto bekanntlich: Warten – pressieren, warten – pressieren.

Vom Werber zum Bestseller-Autor

Martin Suter – Schriftsteller
Bild: Keystone

Martin Suter – Schriftsteller

Martin Suter (Jahrgang 1948) ist der meistgelesene zeitgenössische Schweizer Schriftsteller. Seine Romane sind allesamt Bestseller und werden in 32 Sprachen übersetzt. Nach der Matura begann er Germanistik zu studieren, fühlte sich an der Uni aber nicht wohl und wurde Werbetexter. Daneben schrieb er Reportagen und später auch Drehbücher.

Schweizweit bekannt wurde Suter mit der Kolumne «Business Class», die ab 1992 in der «Weltwoche», später im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» erschien. Sein Romandebüt, «Small World», gab er erst mit 49 Jahren. Als 58-Jähriger adoptierte er mit seiner Frau zwei Kinder. Sein Sohn verunfallte mit drei Jahren tödlich. Suter lebt mit seiner Familie in Zürich, Guatemala und Marrakesch. Seine Kolumnen und weitere neue Texte erscheinen regelmässig auf der Website www.martin-suter.com.

Der Film über und mit Martin Suter besteht aus dokumentarischen Sequenzen mit Weggefährten und inszenierten Szenen mit Schauspielern. Regie führt André Schäfer. In die Kinos kommt er nächstes Jahr. (ras)

Sie drehen zehn Tage am Stück. Das klingt anstrengend.

Es ist sehr anstrengend. Ich hoffe, man sieht im Film nicht, dass ich manchmal stehend eingeschlafen bin.

Sie haben mehrere Drehbücher geschrieben. Haben Sie Einfluss auf das Drehbuch zu «Martin Suter» genommen?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe gelernt, auf Drehbücher von anderen Leuten keinen Einfluss zu nehmen. Erstens weil ich es selbst nicht besonders gern hatte, wenn man auf meine Drehbücher Einfluss nahm. Und zweitens weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man noch so viel Einfluss nehmen kann, am Schluss machen die Regisseure, was sie wollen.

Wie entstehen Ihre Geschichten?

Ich nehme mir vor, eine Geschichte zu erfinden, setze mich vor den Bildschirm und studiere. Dann notiere ich mir verschie­dene Ideen. Irgendwann entscheide ich mich dann für eine. Da­hinter steht ein strukturiertes Vor­gehen. Die Geschichten fliegen mir nicht zu.

Die Inspiration ist nicht einfach da?

Wenn ich warten würde, bis die Inspiration kommt, hätte ich keinen einzigen Roman zu Ende geschrieben. Für mich ist Schreiben Handwerk. Klar hilft Talent, und es gibt bessere und schlechtere Schriftsteller, so wie es bessere und schlechtere Schreiner gibt. In erster Linie aber ist es Übung.

Sie sagten, bei Thomas Mann hätten Sie das Gefühl, dass er auch geschrieben habe, wenn ihm nichts mehr eingefallen sei …

Ja, das stimmt. Und natürlich ist es ein Sakrileg, wenn man das über einen Literaturnobelpreisträger sagt. Thomas Mann ging beim Schreiben sehr diszipliniert vor und schrieb jeden Tag eine feste Zeit lang. Manchmal glaube ich, dass er an seinem Buch auch dann weitergeschrieben hat, wenn er gar nicht wusste, wie die Geschichte weitergehen soll. Er hätte vielleicht eine strengere Lektorin gebraucht.

Thomas Mann hatte wohl keine Angst, er könnte seine Leser langweilen. Sie schon.

Angst nicht, aber ich will den Leser unterhalten. Dabei gehe ich von mir selbst aus. Ich werde schnell ungeduldig, wenn ich nicht in den Text finde. Als ich meinen ersten Roman «Small World» geschrieben habe, gab ich ihn meiner Frau zu lesen. Sie meinte: «Du würdest dieses Buch nicht lesen.» Sie hatte recht. Also habe ich den Roman umgeschrieben.

Wurde zum ersten Teil einer Trilogie: Martin Suters «Small World».

Wurde zum ersten Teil einer Trilogie: Martin Suters «Small World».

Würden Sie auch Bücher schreiben, wenn sie niemand lesen würde?

Nein, ich will gelesen werden. Wenn Berufskollegen sagen, das sei ihnen egal, es ginge ihnen nur um den Text, glaube ich das nicht. Schreiben ist ein Dialog mit dem Leser. Wenn ich merke, dass der Spannungsbogen durchhängt, etwas zu kompliziert ist, zu viele Namen vorkommen, ändere ich das selbstverständlich.

Es gibt Schriftsteller, denen ist das egal, sie finden: Ich habe etwas Wichtiges zu sagen. Der Leser solle sich gefälligst anstrengen. Ist das arrogant?

Das haben Sie gesagt. Ich würde aber dasselbe Wort benutzen. Ein Problem in der Literatur und überhaupt in der Kunst ist, dass sich Hersteller zu ernst nehmen. Zum Glück können sich die Leser wehren, indem sie Seiten überspringen. Es gibt wunderbare Bestseller von Umberto Eco, die man eigentlich nur so lesen kann. Sein Glück ist, dass der Rest so gut ist, dass die Leser das Buch nicht ganz weglegen.

Sie führen in Ihren Geschichten mehrere Erzählstränge zusammen und unterteilen sie in kurze Abschnitte. Dabei endet fast jeder Abschnitt mit einem Cliffhanger. Wie bewusst setzten Sie diese Mittel ein?

Ich mache das nicht nach «Creative Writing»-Kriterien. Ich finde aber, man ist es der Leserschaft schuldig, dass man sich an gewisse dramaturgische Prinzipien hält, dass man Spannung erzeugt, dass man Wendepunkte erreicht und im Idealfall zu einem überraschenden Schluss findet. Auch Popsongs funktionieren nach einem Muster: Strophe, Refrain, Bridge. Von Free Jazz habe ich nie viel gehalten.

Legen Sie sich die Dramaturgie im Kopf zurecht, oder zeichnen Sie einen Plan?

Bei «Die dunkle Seite des Mondes» beispielsweise habe ich die Szenen und Erzählstränge mit Karteikarten organisiert. Heute nutze ich dafür eine Software. Manchmal baue ich gewisse Szenen erst später ein als ursprünglich geplant.

Ich finde, Ihre Romane sind aufgebaut wie Netflix-Serien.

Das habe ich noch nie gedacht. Als ich mit dem Romanschreiben begann, hat es Netflix noch nicht gegeben. Aber Sie haben recht, Serien setzen auf dieselben dramaturgischen Methoden wie ich bei meinen Romanen – der Leser soll in die Geschichte gezogen und bei der Stange gehalten werden.

Es gibt einen Unterschied: Netflix-­Serien werden vom Feuilleton gelobt, Ihre Romane nicht.

Ich finde, das Feuilleton ist nun schon seit vielen Jahren gnädig mit mir. Am Anfang hiess es: «Ach, der Werbetexter versucht sich nun auch noch als Schriftsteller …»

Aber es gibt immer noch die klare Unterscheidung zwischen E- und U-Literatur. Und Sie zählen zur zweiten Kategorie, die wird nicht ernstgenommen.

Auch im deutschsprachigen Raum ist diese Unterscheidung nicht mehr so markant wie früher.

Dennoch: Von der Literatur wird mehr erwartet als von den Serien.

Das mag für gewisse Leser und Kritiker stimmen. Für sie ist es dubios, wenn man sagt, der Roman hat mich gut unterhalten.

Für Ihre Leser nicht. Sie sind mit Abstand der meistgelesene zeitgenössische Schweizer Schriftsteller. Was bedeutet Ihnen Erfolg?

Erfolg heisst, dass sehr viele Menschen lesen wollen, was ich erzähle. Wenn man den Beruf des Geschichtenerzählers gewählt hat, ist das natürlich eine Genugtuung. Es bedeutet aber auch, dass man davon leben kann.

In Ihrem Fall sogar sehr gut, Sie haben einen Wohnsitz in ­Zürich, einen in Guatemala und einen in Marrakesch.

Ja, uns geht es gut. Ich habe immer Menschen bewundert, die sagten: Ich bin jetzt Schriftsteller und nehme dafür ein Leben in Armut in Kauf. Diesen Mut hatte ich nie. Wenn ich mit meinen Büchern keinen Erfolg gehabt hätte, hätte ich damit aufgehört. Meine Priorität ist, vom Schreiben leben zu können, und zwar möglichst gut. Ich habe auch nicht den Anspruch, für alle Nachwelt bekannt zu werden, ich will jetzt gelesen werden.

Sie greifen dafür aktuelle Themen auf. Auf Ihrer Website schreiben Sie Ihre bekannte ­«Business Class»-Kolumne weiter. Zuerst ging es um Homeoffice, dann um die Rückkehr ins Büro und nun um die Maskenpflicht.

Ja, wenn ich die Kolumne schon fortführe, dann natürlich aktuell. Wobei ich hoffe, dass die Zeit bald wieder eine normale «Business Class» erlaubt. Bei der letzten Kolumne habe ich mich gefragt, was die Manager hinter der Maske machen, ob sie die Zunge herausstrecken oder lautlos das Wort «Arschloch» artikulieren.

Es erschienen bereits elf Buchausgaben von gesammelten «Business Class»-Kolumnen von Martin Suter.

Es erschienen bereits elf Buchausgaben von gesammelten «Business Class»-Kolumnen von Martin Suter.

Bild: Pascal Mora/Filmgerberei (5. Juni 2020)

Zum Glück führen wir dieses Interview ohne Maske und mit zwei Meter Sicherheitsabstand.

(lacht) Ja, vielleicht ist das besser.

Sind Ihre Texte auf Ihrer Website eine neue Form fürs Digitalzeitalter? Sie schreiben fast schon live und brauchen dafür weder einen Verleger noch eine Zeitung.

Ja, es ist eine andere Form, aber keine Konkurrenz zu den Büchern, sondern eine Ergänzung. Teils verzahnen sich die verschiedenen Medien. Ich schreibe nun beispielsweise, was der Serienheld Johann Friedrich von Allmen zwischen seinen Romanen macht. Ich tue dann so, als ob es Allmen wirklich gäbe, und beschreibe, wie er sich das Rauchen abgewöhnt. Ich kann Figuren aus meinen Romanen so noch viel mehr zum Leben erwecken.

Oder Romane weiterschreiben …

Das mache ich derzeit mit «Lila, Lila». Als ich den Roman vor 16 Jahren heraus­brachte, kamen auffällig viele junge Frauen in meine Lesungen. Ich kam mir fast vor wie ein Sänger einer Boygroup. Die jungen Damen fragten, ob der Roman wirklich so tragisch ­enden müsse. Ich sagte dann, vielleicht geht die Geschichte ja weiter und Marie und David kommen wieder zusammen. Das kam mir kürzlich ­wieder in den Sinn, und so erzähle ich nun, wie es mit den Protagonisten weitergeht.

Wurde bereits verfilmt und zum Kinohit: Der Roman «Lila, Lila» von Martin Suter.

Wurde bereits verfilmt und zum Kinohit: Der Roman «Lila, Lila» von Martin Suter.

Bild: zvg

Heutzutage wird viel gelesen, aber weniger in gedruckten Zeitungen und Büchern. Ist auch für Schriftsteller das Internet die Zukunft?

Die Konkurrenz ist gross, Netflix, die Games und die anderen Medien lassen die Lesezeit für Bücher schrumpfen. Das Internet kann auch für Autoren eine Chance sein. Dankbar sind kürzere Texte, die man zwischen drei Tramhaltestellen lesen kann. Ich wünsche mir, dass auch in Buchhandlungen auf die Website von den Autoren hingewiesen wird. «Lesen Sie mehr über seine Figuren im Internet!» Man muss Ideen haben, wenn man in diesem Beruf tätig ist. Ich bin auch auf Instagram und werde auch aus diesem Dreh etwas Spezielles machen. Dass gerade ich dafür der Pionier bin, ist natürlich nicht altersadäquat. Eigentlich sollte ich hier sitzen und über die Jungen, die solcherlei versuchen, die Nase rümpfen.

Stattdessen zeigen Sie den Jungen, wie Webliteratur geht. Oder wie nennen Sie das?

Ich habe keinen Namen dafür. Aber Webliteratur klingt gut. Darf ich das nutzen?

Gern.

Danke.

Funktioniert das auch kommerziell?

Noch nicht.

Für die «Business Class»-Kolumne konnten Sie in den 90er-Jahren jede Woche 2000 Franken Honorar verlangen. Eine besser bezahlte Kolumne im Schweizer Journalismus hat es seither nicht mehr gegeben. Verdienen Sie online auch so viel?

Im Gegenteil. Ich lege drauf. Eine professionelle Website ist nicht billig. Wenn mein Businessplan aufgeht, verdiene ich im November 18 Franken. Ende Jahr muss ich mich entscheiden, wie es mit dem Projekt weitergeht.

Und natürlich machen Sie nur weiter, wenn Sie Erfolg haben.

Das ist klar.

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