Sein Schicksal umarmen

In ihrer abgründigen Kinokomödie A Serious Man wenden sich Joel und Ethan Coen ihrer jüdischen Herkunft und den 1960er-Jahren im Mittleren Westen der USA zu. Und erzählen die Geschichte eines einfachen Mannes, jämmerlich hin und her gerissen zwischen Wissen und Glauben.

Marcel Elsener
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Larry ergibt sich: Professor Gropnik (Michael Stuhlbarg, links) lässt sich in die Arme seines Nebenbuhlers Sy Ableman (Fred Melamed) fallen. (Bild: Ascot-Elite)

Larry ergibt sich: Professor Gropnik (Michael Stuhlbarg, links) lässt sich in die Arme seines Nebenbuhlers Sy Ableman (Fred Melamed) fallen. (Bild: Ascot-Elite)

Gottes Wege sind unergründlich, oder im Englischen, aktiver: God acts in mysterious ways. Wenn Er will, das möchten uns jedenfalls die oberschlauen Regiebrüder Joel und Ethan Coen weismachen, kann Er auch mal durch die Songs der Sixties-Rockband Jefferson Airplane sprechen. Oder einem ahnungslosen Bürger die Botschaft «Rette mich» auf der Innenseite seiner Vorderzähne eingravieren – bis es ein fassungsloser Zahnarzt merkt.

Als Erdenbürger tun wir gut daran, das Rätsel gar nicht erst zu ergründen und uns fatalistisch in unser Schicksal zu fügen; «Accept the mystery», lautet eine zentrale Aussage in «A Serious Man». Ein Lehrbuchsatz für einen ernsthaften Menschen, der seine Lächerlichkeit akzeptieren lernen muss.

Physikprofessor im Chaos

Man soll nicht alles verstehen, auch wenn man sich berufshalber der Logik und dem scheinbar gesicherten Wissen verschrieben hat.

Ein Rabbi rät dies dem verzweifelten Larry Gropnik, einem Biedermann, dessen nett eingerichtetes Leben an allen Ecken und Enden aus den Fugen geraten ist. Der Physikprofessor an einem College, gutwilliger Familienvater und Mitglied der jüdischen Gemeinschaft, hat Probleme in der Schule, wo ein koreanischer Student die ungenügenden Noten mit Bestechungsgeld aufbessern will und Schmähbriefe seine Beförderung in Frage stellen.

Und er hat Probleme zu Hause: Sein Sohn interessiert sich nur fürs Kiffen, Rock und die TV-Serie «F-Troop», die Tochter bestiehlt ihn im Hinblick auf eine Nasen-OP und verschwindet ständig in die ominöse Disco «The Hole». Und die miesepetrige Gattin peilt die Scheidung an, weil sie sich in einen schmierigen Besserwisser namens Sy Ableman verliebt hat.

«Gott ist auf jenem Parkplatz»

Larrys arbeits- und obdachloser Bruder Arthur, der den ganzen Tag lang seine monströse Talgzyste im Nacken entwässert und an einer Wahrscheinlichkeitsskizze des Universums («Mentaculus») zeichnet, tut dem entnervten Familienleben keinen Gefallen. Auch wenn der stiernackige Patriot von nebenan zur Stelle ist, als der Koreaner wütet, und die sexy Nachbarin ihn mit einem Joint umgarnt – wahre Hilfe in seinem Unglück verspricht sich Larry nur noch von den jüdischen Gelehrten.

Doch die Rabbis lassen ihn mit pseudoklugen Phrasen und Ablenkungsmanövern («Gott ist auch in den Autos auf jenem Parkplatz») in die Leere laufen.

Als sich der leidgeprüfte «Held» nach weiteren Zuspitzungen und wüsten Träumen in sein Schicksal ergibt, wartet erst die Katastrophe – die sei hier nicht verraten.

An den Orten der Kindheit

Mit «A Serious Man» sind die Coens wie schon bei «Fargo» in die Landschaft ihrer Kindheit in den Twin Cities (St. Paul/Minneapolis) im Mittleren Westen der USA zurückgekehrt. Und sie machen in Interviews keinen Hehl daraus, viele Figuren ihren Verwandten und Bekannten nachempfunden zu haben; tatsächlich kann man sich Gropnik als Daddy der Akademikersöhne vorstellen und seinen 13jährigen Sohn als einen Coen im frühen Teenageralter – Ethan Coen, Jahrgang 1954, war 1967 jedenfalls genau gleich alt.

Doch bei aller liebevollen Zeichnung der jüdischen Vorortsgemeinde – darunter als ein Höhepunkt eine psychedelisch bekiffte Bar-Mitzwa-Sequenz (Konfirmation) – und der lustvoll präzisen Schilderung des Zeitgeistes der späten 60er-Jahre lassen die Brüder auch in diesem Film nicht ab von ihrem beissenden Spott.

Allzu trainiert ist ihr Gespür für die Absurditäten des Lebens, und gottähnlich ihre Perspektive als Regisseure, die das alles anrichten.

Mit einem in Jiddisch gehaltenen Prolog geben sie noch einen drauf: Nach dem angeblich einem wichtigen Rabbi zugeschriebenen Motto «Empfange alles, was dir geschieht, mit Schlichtheit» erzählen sie von der Begegnung eines Ehepaars mit einem «dibbuk» (Geist) in einem polnischen Schtetl des 19. Jahrhunderts.

Die jüdische Welt in der Provinz, mit ihren Ritualen und ihrem Vokabular, dürfte uns «Gois» (Nichtjuden) am meisten haften bleiben.

Und doch geht es hier wie in fast allen Filmen der Brüder wieder um jenen Ur-Typ des Jedermanns, der auf der Verliererseite mit seinem Schicksal hadert. Siehe – wer denkt in diesen Wintertagen nicht daran – den Autohändler in «Fargo», der mit seinem Eisschaber gleichsam um seine Existenz kratzt. Oder siehe den unheimlichen Killer in «No Country For Old Men», der das Leben eines Tankwarts von einem Münzenwurf abhängig macht.

Low-Budget und No-Names

Auch in «A Serious Man» gibt es solche Momente, die Kinogeschichte schreiben werden – etwa die Besuche bei den drei Rabbis oder das Antennenrichten mit Aussicht auf die Suburbia-Nachbarschaft, in der die «Swinging Sixties» noch nicht swingen. Und der einzige Ausbruch dem überbordenden Rasenmähen gilt.

Nach ihrem schrillen Starvehikel «Burn After Reading» führen die Coens mit kleinem Budget und lauter unbekannten (aber allesamt grandiosen) Schauspielern aus der Theater- und Laienwelt wieder eine subtilere Klinge.

Und sie gefallen sich in feinen Anspielungen auf eigene Filme oder auf jene von Kollegen wie David Lynch, Ang Lee, sogar Clint Eastwood, sowie natürlich auf Klassiker wie «The Graduate» (1967).

Damit ist ihr bislang «persönlichster» Streich gewiss ein köstliches Vergnügen. Aber kaum «der beste Coen-Film aller Zeiten», wie ein Magazin vorschnell jubelte.

Atemberaubend bleibt das Niveau der Brüder, und ihr Arbeitstempo: Fünf Projekte, darunter die Romanverfilmungen «True Grit» und «The Yiddish Policemen's Union», sind bereits in der Pipeline.

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