Sein Herz fotografiert mit

Sebastião Salgado gehört zu den grossen Fotografen der Gegenwart. Wim Wenders hat in Zusammenarbeit mit Salgados Sohn Juliano Ribeiro ein bildstarkes Filmporträt über den Brasilianer gedreht. «Das Salz der Erde» ist eine Hommage an einen aussergewöhnlichen Menschen.

Andreas Stock
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Die Goldminen von Serra Pelada – die Fotoreportage von 1986 machte Sebastião Salgado weltberühmt. (Bild: Sebastião Salgado)

Die Goldminen von Serra Pelada – die Fotoreportage von 1986 machte Sebastião Salgado weltberühmt. (Bild: Sebastião Salgado)

Mit den berühmt gewordenen Schwarzweissfotos aus den Goldminen von Serra Pelada in Brasilien wurde auch Wim Wenders vor 25 Jahren erstmals auf den Fotografen Sebastião Salgado aufmerksam. Mit seinen aufrüttelnden Fotoreportagen aus Elendsgebieten in Südamerika, Afrika oder in Asien wurde Salgado weltbekannt. Der Film, der in Co-Regie mit Juliano Ribeiro Salgado entstand, gibt einen Einblick über vierzig Jahre Leben und Arbeiten des 1944 geborenen Fotokünstlers.

Aufrichtiges Interesse

Ob bei den kubanischen Musikern des Buena Vista Social Club, der legendären Tänzerin Pina Bausch oder nun beim Fotografen Sebastião Salgado – die dokumentarischen Filme von Wim Wenders sind stets sehr persönliche Entdeckungsreisen. Angetrieben von der eigenen Begeisterung und dem Respekt für das kreative Schaffen der Künstler. Und dem aufrichtigen Wunsch, mehr über diese Menschen und ihre Geschichte zu erfahren, ihrer Kreativität und Motivation auf die Spur zu kommen.

Es zeichnet die Porträtfilme von Wim Wenders aus, dass dieses Interesse zu spüren ist, er uns bei seiner Annäherung sehr direkt teilhaben lässt. Am Anfang von «Das Salz der Erde» erklärt der Regisseur, wie es zur Zusammenarbeit mit Juliano Ribeiro kam; man sieht die beiden Filmemacher auch mit im Bild, wie sie den Fotografen begleiten. Doch danach rücken die zwei Regisseure diskret in den Hintergrund.

Bis die Seele krank wurde

Wie hält dieser Mann das nur aus, all dieses Elend vor seiner Kamera? Immer mehr nagt die Frage im Verlauf des Films an einem, während Salgado seine Karriere Revue passieren lässt und wir seine kunstvollen Schwarzweissfotos auf der Kinoleinwand sehen. So grossformatig kommen sie noch eindringlicher zur Geltung als in einem seiner Fotobücher oder in einer der zahlreichen Ausstellungen weltweit.

Es sind eindringliche, oft erschreckende Bilder von Menschen in Not: Verhungernde, Sterbende, Schutzsuchende, Tote. «Jeder sollte diese Bilder sehen, um das Böse unserer Art zu sehen», sagt Salgado, der rund um die Welt gereist ist, um das Leiden und Elend zu dokumentieren. Doch nachdem er hautnah den Völkermord in Ruanda miterlebt hatte, konnte der brasilianische Fotograf nicht mehr weitermachen: «Meine Seele war krank.» Salgado stellt seine Arbeit in Frage – er hört auf. Wie danach die Natur seine kranke Seele heilte, respektive wie Salgado selbst die Natur auf dem kranken, öden Boden auf der Farm seiner Eltern heilte – das ist die hoffnungsvoll stimmende und mutmachende Botschaft, die am Ende dieses berührenden Films steht.

Über Monate vor Ort

Filmporträts über herausragende Fotografen profitieren freilich von entsprechenden Bildern, die sie zeigen können. Das ist in «Das Salz der Erde» nicht anders. Aber Wim Wenders geht einen Schritt weiter. Er lichtet die Fotos nicht einfach ab, sondern er filmt den 80jährigen Salgado dabei, wie er sich die Bilder ansieht und kommentiert. Der Fotograf erweist sich dabei als wunderbarer Erzähler, der zu seinen Aufnahmen bewegende Geschichten weiss. Die Empathie und die Nähe, die man in diesen Fotografien zu erkennen glaubt, sie trügen nicht; sie entsprechen der Persönlichkeit und geduldigen Arbeitsweise des Brasilianers. Er ist alles andere als ein rasender Reporter, sondern verbringt Wochen, ja Monate mit den Menschen und an den Orten, die er für seine Bilder aufsucht. Selbst wenn Wim Wenders das Private nicht allzu ausführlich abhandelt – man hätte beispielsweise gerne mehr über die Liebes- und Arbeitsbeziehung zu seiner Frau Leila erfahren –, wird einem der Mensch Salgado vertraut. In der Begegnung mit ihm habe er mehr entdeckt als einen Fotografen, sagt Wenders. Diese Erfahrung macht man auch als Zuschauer.

Übrigens: Die November-Ausgabe des Kulturmagazins «Du» ist auch Salgado gewidmet.

Ab Do im Kinok St. Gallen, Passerelle Wattwil; weitere Kinos folgen

Sebastião Salgado (rechts) und Regisseur Wim Wenders. (Bild: Donatella Wenders/Filmcoopi)

Sebastião Salgado (rechts) und Regisseur Wim Wenders. (Bild: Donatella Wenders/Filmcoopi)