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Sehnsucht nach der Ostschweiz

Antonio Ligabue (1919–1965), einer der bekanntesten Art-brut-Künstler Italiens, ist in der Ostschweiz aufgewachsen. Doch 50 Jahre nach seinem Tod ist er hier immer noch ein Unbekannter, und auch eine Ausstellung gab es nie.
Christina Genova
Antonio Ligabue schuf zahlreiche schonungslose Selbstporträts. Im Hintergrund ein Ostschweizer Dorf. (Bild: pd)

Antonio Ligabue schuf zahlreiche schonungslose Selbstporträts. Im Hintergrund ein Ostschweizer Dorf. (Bild: pd)

ST. GALLEN. Der schmächtige Bursche mit den grossen, abstehenden Ohren, der am 9. August 1919 in Begleitung zweier Carabinieri in Gualtieri in der Emilia Romagna ankommt, ist kein Verbrecher. Sondern vielmehr ein Verlorener in einem fremden Land. Antonio Ligabue, 19 Jahre alt, geboren am 18. Dezember 1899 um 21.40 Uhr in der Frauenklinik Zürich, Sohn der ledigen Maria Elisabetta Costa, musste auf Geheiss der Behörden der Stadt Romanshorn die Schweiz für immer verlassen.

In der Ostschweiz unbekannt

Antonio Ligabue gilt heute als einer der bedeutendsten Art- brut-Künstler Italiens. Seine Werke erzielen Preise im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Bis heute kennt man Ligabues tragische Lebensgeschichte und sein ausdrucksstarkes künstlerisches Schaffen vor allem in Italien. In der Ostschweiz, seiner schmerzlich vermissten alten Heimat, ist er auch jetzt, 50 Jahre nach seinem Tod, nahezu unbekannt. Das will Renato Martinoni, Professor für italienische Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen, ändern. Nicht nur schreibt er an einem Roman über Ligabue, sondern in seiner Funktion als Präsident der St. Galler Sektion der Società Dante Alighieri hat er ausserdem eine Veranstaltungsreihe organisiert. «Ligabue wird in Italien als italienischer Maler angesehen», sagt Martinoni, «Die Schweiz spielte aber eine entscheidende Rolle für seine Malerei.»

Leben wie ein Clochard

Antonio Ligabue ist zwar offiziell Bürger Gualtieris, eines Bauerndorfes an den Ufern des Po, doch er hat noch nie in seinem Leben einen Fuss in die 6500-Seelen-Gemeinde gesetzt. Er spricht kein Wort Italienisch, nur Schweizerdeutsch. In Gualtieri kennt er niemanden. So bekommt Ligabue von der Gemeinde ein Bett im Armenhaus zugewiesen. In Gualtieri wird der Künstler zeitlebens ein Aussenseiter bleiben: «Er lebte wie ein Clochard, am Rande der Gesellschaft», sagt Renato Martinoni. Daran ändert auch sein späterer Erfolg als Künstler wenig. Mehrfach wird er in die Psychiatrie eingewiesen. Antonio Ligabue muss nach Gualtieri, weil seine leibliche Mutter ein gutes Jahr nach seiner Geburt Bonfiglio Laccabue heiratet, einen Bürger Gualtieris. Laccabue legitimiert Antonio, der seither seinen leicht abgeänderten Nachnamen trägt. Doch dieser lebt zu diesem Zeitpunkt bereits in einer Schweizer Pflegefamilie – bei Elise Hanselmann und Johannes Valentin Göbel. Die finanziellen Verhältnisse in Ligabues neuer Familie sind bescheidenen, seine Kindheit ist von zahlreichen Umzügen geprägt. Bis zu seiner Zwangsausweisung wohnt Ligabue in St. Gallen, Tablat, Egnach, Staad und Romanshorn.

«Toni» ist ein schwieriges Kind. Zu seiner Pflegemutter fühlt er eine Hassliebe. Phasen inniger Zuneigung wechseln sich ab mit aggressivem Verhalten. Mit Tieren versteht sich Antonio besser als mit Menschen. Später wird er vor allem Tiere und Selbstporträts malen. Mit seinem Pflegevater besucht er das Naturmuseum St. Gallen. Dort beeindrucken ihn besonders die ausgestopften Tiere.

In der Schule hat Antonio grosse Mühe. Er muss in eine Sonderklasse. Wegen seines untragbaren Verhaltens kommt er 1913 nach Marbach in ein evangelisches Institut für Lernschwache. Nach zwei Jahren wird er «wegen bösartigen und unverschämten Verhaltens» der Schule verwiesen. Ligabue beginnt, als Knecht zu arbeiten. Anfang 1917 wird er nach einem tätlichen Angriff auf seinen Pflegevater in die psychiatrische Klinik von Pfäfers eingewiesen. In der Krankenakte ist sein «ausserordentliches zeichnerisches Talent» vermerkt. Nach seiner Entlassung führt er das Leben eines Vagabunden; möglicherweise kommt er in jener Zeit mit Bauernmalerei in Berührung.

Sehnsucht nach der Ostschweiz

Anfang Mai 1919 kommt es zum Eclat. Ligabues Pflegemutter beschwert sich bei der Romanshorner Gemeindeverwaltung über Ligabues Verhalten, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Später wird sie mehrmals vergeblich versuchen, ihren Pflegesohn zurück in die Schweiz zu holen. Auch Ligabue scheitert mehrmals beim Versuch, Italien zu verlassen.

Antonio Ligabue wird die Orte seiner Kindheit und Jugend bis zu seinem Tode am 27. Mai 1965 nie mehr sehen. Doch er wird die Ostschweizer Landschaft auf zahlreichen Gemälden festhalten: Riegelhäuser, Berge, spitze Kirchtürme. So, dass Sergio Negri, einer der besten Kenner von Ligabues Schaffen, über einen Besuch in der Ostschweiz schreibt: «Obwohl ich zum ersten Mal in der Region war, hatte ich den lebendigen Eindruck, mich in einer gewohnten, ja vertrauten Umgebung zu bewegen.»

Leider ist es bis jetzt nicht gelungen, eine Ausstellung mit Ligabues Werken in der Ostschweiz zu organisieren. Am guten Willen mangelt es nicht: Sandro Parmiggiani, der Kurator der noch laufenden Ligabue-Ausstellung in Gualtieri (bis 8.11.), wäre jedenfalls «sehr froh», wenn er eine solche Ausstellung machen könnte; und auch Monika Jagfeld, Leiterin des St. Galler Museums im Lagerhaus, zeigt sich daran «sehr interessiert». Wer weiss, vielleicht klappt es damit ja sogar noch vor Ligabues 100. Geburtstag im Jahr 2019.

Morgen 18.15 Uhr, HSG Hauptgebäude Raum 01-110, Dokumentarfilm auf Italienisch zu Ligabue. 26.–30.10. Schauspiel «Ein Kuss», in St. Gallen, Marbach, Appenzell, Mels. www.wahnsinn.li 4.11., 18.15 Uhr, HSG-Bibliothek, italienischer Vortrag von R. Martinoni.

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