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Sehnen an der Seine

Von einer Illusion lebt der fünfte Roman des Frauenfelders Gianni Kuhn. Ein Student träumt einer unbekannten Schönen nach. Weil sie unauffindbar ist, erfindet er einen Roman über sie. Doch dann trifft er sie wieder.
Dieter Langhart
«Das hier ist doch immer noch die Welt und kein Theaterstück»: Gianni Kuhn. (Bild: Reto Martin)

«Das hier ist doch immer noch die Welt und kein Theaterstück»: Gianni Kuhn. (Bild: Reto Martin)

Dies ist ein Artikel der "Ostschweiz am Sonntag". Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

«Es war wohl drei Wochen her, seit ich sie in jenem Frühling zum ersten Mal im Café Les Éditeurs sah, das ich täglich aufsuchte – so wie andere ihren Arbeitsplatz.» Sein erster Satz, Seite 5. «‹Das darf nicht wahr sein. Das hier ist doch immer noch die Welt und kein Theaterstück.› – ‹Aber sicher doch, Liebster.›» Sein und ihr letzter Satz, Seite 119. Dazwischen liegt die Seine, liegt eine Hommage an das Paris der Literaturbegeisterten, der flaneurs, der Sehnsüchtigen. Und dazwischen liegen zwölf Jahre.

Daniel Deschamps studiert Kunstgeschichte, doch statt Arbeiten zu schreiben, verträumt er seine Zeit in seinem Café, liest die Zeitung, beobachtet die Gäste, belauscht ihre Gespräche, lebt in den Tag hinein. Eine junge Frau kommt auch hierher, um Bücher zu lesen. Dann taucht sie nicht mehr auf. Der Kellner weiss nur ihren Namen: Jasmine.

Ein Mann schreibt, um sich auf die Spur zu kommen

Gianni Kuhns Roman «Mein Café auf der anderen Seite der Seine» lässt sich Zeit, passt sich dem unschlüssigen Ich-Erzähler an. Der bricht sein Studium ab, lebt vom Geld einer Tante, macht dem älteren Monsieur Rossion den Haushalt, macht für einen Architektensohn obskure Botengänge. Dann sieht er Jasmine im Café wieder. Er klaubt den Blindband aus seiner Ledertasche, eines der fertig gebundenen Bücher mit leeren Seiten aus der Druckerei, die sein Urgrossvater gegründet hatte: «Mein Roman sollte von einem jungen Burschen handeln, der sich in einem Café in eine junge Frau verliebt, die ohne Unterlass Bücher liest.»

Der junge Mann erzählt von den Frauen vor Jasmine, von Michelle vor allem, und die Erinnerung lässt ihn erkennen, dass seine Aufgabe es war, seine Stadt, Paris, und sich zusammenzubringen, «um mir selber auf die Spur zu kommen». Er bekennt: «Ich war jetzt Schriftsteller.»

Daniel trifft Jasmine wieder, doch sie ist verlobt

Mit einer hauchzarten Ironie folgt der Autor seiner Figur durch die Stadt und durch seine Berufung. Daniel veröffentlicht eine erste Kurzgeschichtensammlung, immerhin 300 Exemplare, dann beginnt er sein Romanprojekt, in dem sich ein junger Mann und eine taubstumme Frau kennen lernen. «Eine Liebesgeschichte zwischen Isabelle und Frédéric.»

Gianni Kuhn kennt sein Paris. Er verfolgt jeden Schritt des Ich-Erzählers, das wirkt leicht pedantisch, als breite der Autor einen Stadtplan vor uns aus. Doch der verhaltene, melancholische Ton passt zur Erzählung. Daniel trifft Jasmine wieder. Sie ist verlobt, bald ist Hochzeit. «Eigentlich wusste ich ganz genau, dass ich Jasmine liebte.» Er fürchtet, sich zum Clown zu machen, und doch schickt er ihr die ersten dreissig Seiten seines Manuskripts. Sie stellt ihn im Café zur Rede, ist erbost, dass er ihr Leben an die Öffentlichkeit zerrt, könnte ihm ein Buch über den Kopf ziehen – und der Roman wäre hier zu Ende. Doch Gianni Kuhn hat noch etwas vor mit den beiden. Daniel gesteht Jasmine seine Liebe, die Leute im Café klatschen, sie sagt: «Dann küss mich doch endlich!»

Jasmines Zukünftiger ist auf Geschäftsreise, sie wollte für eine Woche nach Mallorca fahren, um vor der Hochzeit noch einmal ­allein zu sein, sagt aber: «Ich glaube, wir sollten zusammen nach Mallorca fahren, um diese Sache zu klären. Wir haben keine Zeit zu verlieren.» Daniel findet eine innere Klarheit, schreibt weiter als «Spezialist für das Unbestimmte», wie sie ihn nennt. Und schliesslich fragt er sie: «Bleiben wir nun zusammen?»

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