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Sehen, was hinter der Manege passiert: Warum bis heute so viele Filme im Zirkus spielen

Sie sind die ältesten Filme der Geschichte - und werden bis heute gedreht: Zirkusfilme. Aber wie kam der Zirkus ins Kino? Filmwissenschaftler Matthias Christen ist einer der wenigen Experten, die sich damit befassen. Für ihn ist klar: Zirkus ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch philosophisch.
Interview: Julia Nehmiz
Burt Lancaster, Gina Lollobrigida und Tony Curtis in «Trapeze» von 1956. (Bild: Alamy)

Burt Lancaster, Gina Lollobrigida und Tony Curtis in «Trapeze» von 1956. (Bild: Alamy)

Hand aufs Herz: Gehen Sie lieber ins Kino oder in den Zirkus?

Matthias Christen: Ich gehe gerne in den Zirkus, aber viel häufiger ins Kino. Das Angebot an gutem Zirkus ist deutlich kleiner als das Angebot an gutem Kino. Und: Gutes Kino ist immer verfügbar, beim Zirkus muss man warten, bis er vorbeikommt.

Woher kommt Ihre Faszination für den Zirkus?

Da gibt es eine enge biografische Bindung. Wir wohnten eine Zeit lang in Kreuzlingen in einem Haus, das einem Clown gehörte. Frithjof Gasser vom Circus Royal. Und ich fand das unglaublich faszinierend, wenn Familie Gasser zwischen den Zirkustourneen dort auftauchte.

Ihr Spezialgebiet ist Zirkusfilm. Wie kam denn der Zirkus ins Kino?

Was heute vergessen ist: Der Zirkus war im 19. Jahrhundert die modernste und avancierteste Form von Massenunterhaltung.

Der Zirkus machte sich alles, was es an neuen Techniken gab, zu eigen. Auch das Kino! Denken Sie an Laterna Magica. Doch die ganz frühen Projektionsapparate waren für die riesigen Zirkuszelte viel zu schwach. Also haben die grossen Zirkusse die Kinotechnik nicht weiterverfolgt. Aber umgekehrt passte die Bewegungskunst wie Akrobatik fürs Kino sehr gut.

Wie das? Das Zirkuserlebnis lebt ja von der Unmittelbarkeit, von Geräuschen, Gerüchen, der Atmosphäre.

Das können Sie auch alles im Film zeigen. Und dort die Ebene sogar noch erweitern. Deswegen ist das Genre Zirkusfilm so erfolgreich und langlebig. Man kann zeigen, was ausserhalb der Manege passiert. Und im Film ist der Zuschauer ganz nah dran. In «Trapeze» sind wir mit der Kamera oben in der Kuppel, wir sehen, wie den Artisten die Kraft verlässt, ahnen, er wird abstürzen, und sind nah dabei. Oder Les Kiriki Acrobates, die 1907 unglaubliche Nummern zeigen – die sind nur möglich, weil die Kamera von oben filmt und die Akrobaten auf dem Boden liegen. Im Film kann man Attraktionen erzeugen, die sonst nicht möglich sind.

Warum waren Zirkusfilme so erfolgreich?

Das Kino hat in seinen Anfängen versucht, ein grösseres, bürgerliches Publikum anzusprechen. Es wurden Zirkusgebäude angemietet für Kinovorstellungen nach dem Motto «Wir gehen da rein, wo der Zirkus schon ein Publikum hat». Das waren richtige Zirkuspaläste. Kinopaläste kamen später, in Europa entstanden erst ab 1905 ortsfeste Kinos. Und: Es gab eine grosse Vertrautheit mit dem Zirkus.

Für die Kinobetreiber war klar, wenn sie Zirkus zeigen, weiss das Publikum, was es erwartet.

Es wurde teils geworben: «Hier können Sie ein komplettes Zirkusprogramm sehen!»

Sie haben gezählt, es gibt über 600 abendfüllende Zirkusspielfilme. Warum sind das so viele?

Zirkus ist nicht nur Unterhaltung, sondern auch philosophisch. Er lässt uns über die Welt nachdenken. Was hält die Gesellschaft zusammen? Und gleichzeitig zwingt der Zirkus einen nicht, sich diese Fragen zu stellen. Man kann auch einfach staunend ­geniessen.

Wo sehen Sie im Zirkus das philosophische Moment?

Permanent werden Regeln gebrochen, Grenzen überschritten. Schwerkraft wird überwunden, der Mensch beherrscht wilde Tiere, Clowns brechen Tabus. Das kann man bestaunen und belachen, oder darüber nachdenken.

Der Zirkus hat sich verändert. Der Zirkusfilm sicher auch.

Ja, es gibt einen Bruch in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Der klassische Zirkusfilm bietet das Erlebnis. Das spielt im nachklassischen Film eine untergeordnete Rolle. Ab den 1950ern wird Zirkus zur Chiffre, das reflexive ­Moment wird stärker. Fellini setzt in «La Strada» den Zirkus als Weltmodell in Szene.

Warum haben Zirkus und Zirkusfilme heute nicht mehr die herausgehobene Stellung?

Ich glaube, der Zirkus als Modell lebt stark von einer bestimmten Körperlichkeit. Der menschliche Körper steht im Zentrum. Doch heute beschäftigen uns andere Fragen wie Genetik oder schwer greifbare digitale Medien. Der Zirkus hat dazu nicht viele Deutungsangebote. Er wird eher nostalgisch wahrgenommen.

In alten Zirkusfilmen sind Artisten und Clowns die Freaks, die Brutalen, die Out­sider. Haben sich Zirkusleute nicht über die verzerrte Darstellung beschwert?

Man hört öfter mal «So ist das gar nicht». Trotzdem: Der Zirkus lebt von den Fantasien, die er auslöst. Im Zirkus geht es selten darum, wie es wirklich ist, sondern er löst Träume aus. Das machen die Filme auch. Nur die Wirklichkeit wäre langweilig.

Matthias Christen, Professor Medienwissenschaft Universität Bayreuth

Matthias Christen, Professor Medienwissenschaft Universität Bayreuth

Filmwissenschaftler Matthias Christen stammt aus Engelberg. Er schrieb seine Habilitation über das Thema Zirkusfilm. Sein Buch «Der Zirkusfilm» ist im Schürer Verlag erschienen. Das St. Galler Kinok zeigt im März 2019 neun Klassiker der Zirkusfilme.

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