Seelenvögel in Aufruhr

St. Galler Festspiele Der Percussionist Heinz Lieb und die Tanzkompagnie verzaubern die Kirche St. Laurenzen in einen mystischen Garten. Impronte verbindet Bewegung, Rhythmus und Klang zu einem vollkommenen Kunstwerk. Bettina Kugler

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Zu Zwitterwesen zwischen Vogel und Mensch werden die Figuren im Tanzstück «Impronte». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Zu Zwitterwesen zwischen Vogel und Mensch werden die Figuren im Tanzstück «Impronte». (Bild: Toni Suter/T+T Fotografie)

Zurück zur Natur, scheinen die Spatzen und Tauben, die schillernden Paradiesvögel mit Gurren und leisem Geflatter von den Dächern zu pfeifen. Genauer: von den Emporen rings um das Kirchenschiff von St. Laurenzen herab. Da sitzen sie im fahlen Licht, schattenhaft, noch reglos starr, und nehmen sich ausgiebig Zeit für ein improvisiertes Vogelkonzert: eine Symphonie von Geräuschen und Tönen aus unberührter Wildnis. Nicht lange ist es her, da schlich an diesem Ort der Teufel herum; da ging es hier um Gier nach Glück und Macht. Auf das «Faust»-Requiem des Schauspielensembles zu Musik des Österreichers Wolfgang Mitterer folgt nun prompt das nächste Kirchen-Spektakel: die Tanzproduktion im Rahmen der St. Galler Festspiele. Ein krasser Szenenwechsel.

Vom Raum inspiriert

Die Tänzerinnen und Tänzer der St. Galler Kompagnie sind ausgeflogen; statt wie sonst in der Kathedrale zu tanzen, haben sie sich diesen Festspielsommer in der neogotischen Nachbarkirche eingenistet, während nebenan im Dom die Baumaschinen zugange sind. «Impronte» wirkt jedoch keineswegs wie eine Notlösung, die Kirche St. Laurenzen nicht wie ein Ausweichquartier für die barocke Kathedrale.

Auch hier gelingt es Tanzchef und Choreograph Marco Santi, den mit spiritueller Ausstrahlung aufgeladenen Raum zum Ideengeber eines Stückes zu machen, das mehr ist als Tanz: ein stimmungsvoll ausgeleuchtetes, aus dem Raum geborenes Gesamtkunstwerk, bei dem Tänzer und Musiker eine Einheit bilden.

Der Sakralraum, seine Farben, die spitzen Formen und Ornamente geben dem Tanz (und den dezenten Kostümen von Marion Steiner) ebenso eine Grundstimmung vor wie die architektonischen Begrenzungen, die Möglichkeit, zwei Ebenen zu bespielen. Oben wie unten sind Tänzer sichtbar und hörbar präsent. Allerdings gibt es wesentlich weniger Platz als in der Kathedrale – auch für das Publikum. Impronte muss mehr auf den nach hinten abgeschlossenen Chorraum fokussieren, kann weniger an verschiedene Schauplätze gleichzeitig ausschwärmen. Im Gegenzug gewinnt das rund einstündige Stück dadurch an Kraft, an Energie und Konzentration. Licht und Farbwechsel (Andreas Enzler) tragen wesentlich dazu bei.

Kopf eines Trommlerorchesters

Mit den Vogellauten zu Beginn öffnet sich ein weites Assoziationsfeld, ein Kosmos aus Klängen und Rhythmen. Ein verwunschener Seelengarten, den «Cosmic-Drummer» Heinz Lieb mit überbordender Entdeckungslust durchstreifen wird. Allerdings schaltet und waltet der Thurgauer Weltmusiker darin nicht als Solist, sondern als inspirierender Kopf eines ganzen Trommlerorchesters. Die Kompagnie wird zum Klangkörper, nutzt die Schlagkraft von Händen und Füssen, das Geräuschpotenzial von Bewegung, die Resonanzräume des eigenen Körpers – und eine ganze Batterie von Trommeln und Stöcken, Glöckchen und Rasseln. Mal handlich klein, mal so gross, dass das Spielen selbst Tanz ist: schöne, geformte Bewegung, schwungvoller Kraftakt. Den Anfang macht Sebastian Gibas mit einem überdimensionalen Schlägel, der je nach Licht und Bewegung wie ein Ruder wirkt, wie ein riesiger Zeiger– oder dann eine aufgehängte Trommel zum Schwingen bringt.

Schöne Zwitterwesen

In sieben fliessend ineinander übergehenden Episoden macht «Impronte» Seelenzustände hör- und sichtbar, folgt dem Rhythmus des Lebens und hält sich offen für Eingebungen des Augenblicks. Marco Santi lässt die Tänzer nicht eine stringente «Geschichte» erzählen. Vielmehr werden sie zu Figuren mit einer Geschichte, Zwitterwesen zwischen Vogel und Mensch.

Rhythmus ist dabei nicht alles; Licht und Stimmen loten den Raum aus, umspielen Momente grösster Innigkeit. So gibt es zwei wunderschöne Pas de deux (Sandra Klimek und Kristian Breitenbach sowie Hella Immler und Exequiel Barreras), berückend schönen Gesang von Zaida Ballesteros und Emma Skyllbäck, der an die mittelalterliche Klangwelt einer Hildegard von Bingen erinnert. Doch nie wirkt das episodisch beliebig, immer eingebettet in ein phantasievolles Ganzes. Das dann auch schnell wieder alle Energien bündeln, in schlagartiger Verwandlung die gesamte Kompagnie in Aufruhr versetzen kann.

Eine Spur hinterlassen

Man mag bedauern, dass die Orgel schweigt und die Kathedrale gerade nicht bespielbar ist. Doch wird auch Impronte (zu Deutsch «Spuren», «Fussabdrücke») sich einprägen in die noch junge Chronik der St. Galler Festspiele: als Grenzen sprengender, bewegt bewegender Schöpfungsakt, der das Weltkulturerbe vergegenwärtigt.

Letzte Aufführung: Montag, 1. Juli. 21 Uhr, Kirche St. Laurenzen