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SEE-BURGTHEATER: Dunkle Sehnsucht am Oktoberfest

Mit Ödön von Horváths «Kasimir und Karoline» setzt Astrid Keller auf ein Stück, das auf unsere Gegenwart verweist. In stimmungsvoller Naturkulisse entfaltet sich am Kreuzlinger Seeufer ein ebenso grelles wie bedrückendes Drama.
Rolf App
Er ist schüchtern – und sie nicht abgeneigt. Maria Lisa Huber als Karoline und Florian Steiner als Schürzinger. (Bild: Mario Gaccioli)

Er ist schüchtern – und sie nicht abgeneigt. Maria Lisa Huber als Karoline und Florian Steiner als Schürzinger. (Bild: Mario Gaccioli)

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rolf.app

@tagblatt.ch

Der Premierenabend ist lau, der See ganz still. Im Licht der Scheinwerfer sammeln sich die Insektenschwärme. Blitzschnell sausen Fledermäuse in sie hinein: Gross frisst Klein, so geht es zu in der Tierwelt. Und nicht nur dort. Kommerzienrat Rauch hat schon viele gefressen und ist darob dick und reich geworden. Kasimir, der Chauffeur, ist gerade gefressen, das heisst entlassen worden. ­Karoline, seine Freundin, will nach oben, mindestens in die pensionsberechtigten Ränge. Wir schreiben das Jahr 1932, Europa steckt in einer tiefen Krise, an deren Höhepunkt Hitler steht.

Ödön von Horváth aber, der die Geschichte von Kasimir und Karoline auf dem Münchner ­Oktoberfest erzählt, ist auf der Flucht vor den Nazis in Richtung USA, als ihn am 1. Juni 1938 auf den Pariser Champs-Elysées der Ast eines vom Blitz getroffenen Baumes trifft. Mit dem Tod des erst 37-jährigen Dramatikers setzt der Ruhm seiner «Volksstücke» ein – und dauert fort bis in unsere Tage.

Ort: Ein mit Lichtgirlanden geschmücktes Gerüst

Das ist kein Wunder: «Kasimir und Karoline», das diesjährige Stück des Kreuzlinger See-Burgtheaters, beweist es in der Regie von Astrid Keller erneut. Beate Fassnacht hat ein mit Lichtgirlanden geschmücktes Gerüst ans Seeufer gestellt, mit einer Box im Parterre, in der Akkordeonist ­Goran Kovacevic und sein Baro Drom Orkestar das musikalisch untermalen, was sich vor und über ihnen abspielt. Virtuos turnen die Schauspieler und ein buntes Trüppchen, im Programmheft «Chor» genannt, über die vier Etagen. Und während Kasimir (Kaspar Locher) sich krisen­be­dingt von Karoline (Maria Lisa Huber) entfremdet, findet diese im schüchternen Zuschneider Schürzinger (Florian Steiner) ­einen neuen Verehrer – bevor sie den Avancen des reichen, im ­roten Cabriolet heranpreschenden Rauch (Werner Biermeier) nachgibt. Im kriminellen Merkl Franz (Lennart Lemster) und seiner Geliebten Erna (Tatjana ­Sebben) findet Kasimir neue Kumpane, mit allerdings dunklen Motiven.

Eingebettet wird all dies in die bunte Glitzerwelt des Oktoberfests. Zu ihr gehört der Aus­rufer (Andrej Reimann) ebenso wie sein artistisch hochbegabter Assistent (Elvio Avila), und es ­gehören dazu die beiden Prostituierten Elli (Miriam Dey) und Maria (Mahalia Slisch), die sich über der Frage zerstreiten, ob sie dem dürren Richter Speer (Bastian Stoltzenburg) und seinen perversen Fantasien zu Diensten sein wollen. In den musikalischen Nummern spiegeln sich mal wehmütige, mal erotisch aufgeputschte und gegenwartsblinde Stimmungen.

Manchmal wird’s auch nachdenklich. Etwa wenn das Gorillamädchen Juanita oben auf dem Gerüst mit Jacques Offenbachs «Barcarole» eine Liebesnacht beschwört, oder wenn am Ende Erna und Kasimir die Zuschauer mit «Und blühen einmal die Rosen» in die Nacht entlassen.

«Kasimir und Karoline» ist ein Stück, das in seinen lakonisch kurzen Szenen den Schauspielern grosse Möglichkeiten bietet, aber auch viel von ihnen verlangt. Vor allem trifft dies auf die Hauptpersonen zu. Maria Lisa Huber verleiht mit ihrem Spiel und ihrer Ausstrahlung der Karoline jene Lebendigkeit, die sie braucht. «Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich», sagt sie, als sie «mit gebrochenen Flügeln» zurückkehrt. Kaspar Lochers Kasimir freilich präsentiert sich als ihr Gegenüber weniger facettenreich, als er sein könnte.

Einige Nebenrollen entfalten sich ganz hervorragend

Dieses Ungleichgewicht schafft im Zentrum des Stücks ein Vakuum, in dem sich dafür einige ganz hervorragend besetzte Nebenrollen entfalten. Vor allem gilt dies für Lennart Lemster als den stets gewaltbereiten Merkl Franz und Tatjana Sebben als seine geschundene Geliebte Erna. Und noch einer muss hervorgehoben werden: Florian Steiners Schürzinger in seinen anrührenden Annäherungsversuchen. Er beschert dem Abend den einen und andern stillen Höhepunkt.

Doch muss sich das Stille auch immer wieder gegen das Laute, Grelle behaupten. So ist es in Horváths Schauplatz angelegt. Allerdings dominiert das Rummelplatz-Remmidemmi manchmal dann doch zu sehr und verstellt den Blick auf die feineren Facetten.

Weitere Vorstellungen bis 10. August.

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