Sechs Stradivaris in St.Gallen: Niemals allein im Hotelzimmer

Am Freitag sind in der Tonhalle St.Gallen sechs Berliner Philharmoniker zu Gast. Sie spielen alle auf Stradivari-Instrumenten der Ostschweizer Habisreutinger-Stiftung.

Martin Preisser
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Sie haben sechs wertvolle Stradivaris in ihrer Obhut: Geigenbaumeister Martin Haupt und Präsident Curdin Coray von der Stradivari-Stiftung Habisreutinger. Im Bild: Die Stradivari-Bratsche "Gibson" von 1734.

Sie haben sechs wertvolle Stradivaris in ihrer Obhut: Geigenbaumeister Martin Haupt und Präsident Curdin Coray von der Stradivari-Stiftung Habisreutinger. Im Bild: Die Stradivari-Bratsche "Gibson" von 1734.

Bilder: Ralph Ribi

Im Auto dürfen die beiden Stradivari-Bratschen auf gar keinen Fall zusammen reisen. Denn es existieren nur noch zehn auf der ganzen Welt. Zwei davon, die «Gustav Mahler» und die «Gibson», bilden das Herzstück der Stradivari-Stiftung Habisreutinger. Die beiden Instrumente bilden auch Eckpfeiler im Lebenswerk des legendären Geigenbauers Antonio Stradivari aus Cremona. Er lebte von 1644 bis 1737. Die «Gustav Mahler» ist eine Arbeit, die Stradivari 1672 noch in der Lehre bei Amati gebaut hat, die «Gibson» ist ein Spätwerk des Neunzigjährigen von 1734.

In Japan herrscht ein Hype um die Stradivaris

Stradivari ist heute ein erfolgreicher Brand, wie man es im Marketing nennt. Eine Nobelmarke der allerobersten Klasse. Besonders in Japan gibt es heute einen regelrechten Hype um diese Instrumente. Das treibt die Preise für Stradivaris immer mehr in die Höhe. Bei der Stradivari-Stiftung Habisreutinger sieht man diese Entwicklung ungern. Die 1964 vom Ostschweizer Textilunternehmer Rolf Habisreutinger (1908-1991) gegründete Stiftung befasst sich nicht mit dem Kauf oder Verkauf von Instrumenten, sondern möchte, dass die Stradivaris gespielt werden.

Der Bratschist Walter Küssner, der mit seinen fünf Kollegen der Berliner Philharmoniker morgen in der Tonhalle St.Gallen zu hören sein wird, rechnet vor: Geht man vom Wert eines der seltenen Instrumente von 20 Millionen Franken aus (die Stradivari-Bratschen werden heute bereits auf Doppelte dieses Werts geschätzt) , berechnet die Versicherung drei Promille als jährliche Prämie. Heisst: Ein Musiker, der für ein Jahr eine Stradivari ausleiht, zahlt 60 000 Franken für die Versicherung. Curdin Coray, vor Jahren selbst Cellist im Radiorchester Basel und heute Präsident der Habisreutinger-Stiftung, sieht sich angesichts solcher Summen immer mehr in Schwierigkeiten, dem eigentlichen ideellen Stiftungszweck nachzukommen: nämlich auch jungen aufstrebenden, aber noch nicht finanzstarken Musikern die Erfahrung einer Stradivari zu ermöglichen.

Die Aura beeinflusst die Spielhaltung

Stradivaris klingen hervorragend. Eine Stradivari könne ein ganzes Orchester mit ihrem silbrigen Klang übertönen, spricht der Berliner Philharmoniker Walter Küssner aus Erfahrung. Aber mehr als vom tatsächlichen Klang, den auch sehr gute neue Instrumente erreichen können, leben diese Instrumente aus Cremona vor allem von ihrem Mythos. Curdin Coray sagt:

«Die Musik klingt meist schon besser, bevor man überhaupt auf einer Stradivari anfängt zu spielen.»

Heisst: Die Aura, die diese Instrumente umgibt, trägt schon viel zur Spielhaltung bei. Die innere Vorstellung von der Qualität dieses Klanges veredelt dann den eigentlichen Klang.

Liebevolle Pflege: Die "Gibson" in der Werkstatt.

Liebevolle Pflege: Die "Gibson" in der Werkstatt.

Drei Geigen, zwei Celli und zwei Bratschen sind im Besitz der Habisreutinger-Stiftung. Nie dürfen die Instrumente allein im Hotelzimmer bleiben. Die Musiker haben sie immer ganz nah bei sich. Martin Haupt, auch Mitglied der Stiftung, ist Geigenbaumeister in einem grossen Zürcher Musikgeschäft und mit der Pflege dieser Stradivaris seit zwanzig Jahren betraut. «Es ist bei diesen Instrumenten wie mit einem Bild: Der Eindruck ist eine subjektive Sache. Den wahren Wert einer Stradivari erkennt man durch jahrelange Beschäftigung mit ihr. Ein solches Instrument ist eine Antiquität mit dem speziellen Wert ihrer Herkunft und ihrer Geschichte.»

Instrumente eines Visionärs

Den typischen Stradivari-Klang gebe es nicht, sagen sowohl Martin Haupt wie Curdin Coray. Jedes Instrument sei anders und der Klang entstehe durch die ganz individuelle Beschäftigung des jeweiligen Musikers mit dem Instrument. Deshalb sei es schwer, von einem typischen Stradivariklang zu sprechen.

«Der Wiedererkennungswert ist der Musiker selbst.»

Antonio Stradivari hat damals Instrumente gebaut, die ihrer Zeit sicher hundert Jahre voraus waren. Es waren Streichinstrumente eines Visionärs, eines Pioniers. «Erstaunlich war seine Entwicklung in dieser Zeit. Stradivari hat sich im Laufe seines langen Lebens verändert, ohne dabei irgendwelche Vorbilder oder Kritiker zu haben», sagt Martin Haupt.

Edle Hölzer, edles Handwerk: Fast dreihundert Jahre ist diese Bratsche aus Cremona alt.

Edle Hölzer, edles Handwerk: Fast dreihundert Jahre ist diese Bratsche aus Cremona alt.

Eines der beiden Celli, die morgen beim Konzert des Sextetts der Philharmoniker dabei sind, heisst «Bonamy Dobree-Suggia», gebaut 1717. Guilhermina Suggia war die Partnerin des berühmten Cellisten Pablo Casals, der das Instrument ganz sicher auch probiert haben dürfte. Heute hat es die Stiftung der berühmten argentinischen und in Basel lebenden Cellistin Sol Gabetta ausgeliehen, die sich von der Suggia auf ihrer Suche nach perfektem Klang inspirieren lässt.

Der Gründer der Stiftung liebte auch teure Autos

Auch Präsident Curdin Coray kennt dieses Cello. Einen Monat hat er es gespielt. Rolf Habisreutinger hatte es ihm damals einfach so überlassen, ohne Vertrag, ohne Versicherung. Der Unternehmer hat nicht nur Stradivaris gesammelt, sondern als passionierter Rennfahrer auch Autos. «Sein Fuhrpark hat mich damals fast mehr beeindruckt als die Instrumente», erinnert sich Curdin Coray.

Im Tonhallekonzert spielen die sechs Berliner Philharmoniker auf zwei Geigen, zwei Bratschen und zwei Celli Werke von Richard Strauss, Dvořák und Tschaikowskys «Souvenir de Florence»: Sechsmal Stradivari, ein Klangerlebnis allererster Güte. Alle zwei Jahre gönnen sich die sechs Berliner Streicher das Spiel für eine Tournee mit diesen besonderen Klangkörpern. Für einige Tage muss Sol Gabetta jetzt daher auf ihr geliebtes Suggia-Cello verzichten.

Meisterzykluskonzert: Fr, 17. 1., 19.30 Uhr, Tonhalle, St.Gallen