Sebastian Stadler zeigt sich im Kunstmuseum St.Gallen als Voyeur des Alltäglichen

Der Thurgauer Manorpreisträger findet melancholische Bilder für unsere Zeit. Für zwei neue Arbeiten liess er Algorithmen programmieren. 

Christina Genova
Drucken
Teilen
Sebastian Stadler hat ein Auge für das Absurde und Skurrile im Alltag. (Bild: Ralph Ribi)

Sebastian Stadler hat ein Auge für das Absurde und Skurrile im Alltag. (Bild: Ralph Ribi)

Selbstvergessen watet ein Mann in einem Swimmingpool. Sucht er einen Gegenstand oder übt er eine besondere Art von Gymnastik aus? Auf dem benachbarten Sportplatz trainieren Jugendliche. Zwei unterschiedliche Realitäten prallen aufeinander. Die Situation, die Sebastian Stadler diesen Sommer in Japan beobachtete, hat etwas Surreales. Es ist eine von mehreren filmischen Arbeiten, die der diesjährige Manorpreisträger in seiner ersten musealen Einzelausstellung zeigt. Das vielversprechende Schaffen des erst 31-jährigen Thurgauers, der in Wilen bei Wil aufgewachsen ist, hat sich in den letzten Jahren ständig weiterentwickelt. Von der Fotografie hin zum bewegten Bild und zunehmend konzeptuellen Ansätzen.

Triste Szenerie in Endlosschlaufe

Oft sind die Menschen in Stadlers Videos in eine Tätigkeit versunken, etwas Tagträumerisches haftet den Szenen an. In «Vos Travaux» von 2016 schauen sich Kunden eines Pariser Fotofachgeschäftes konzentriert ihre eben erst entwickelten analogen Fotografien an. Sie blättern sie rasch durch oder betrachten konzentriert jedes einzelne Bild. Sie sortieren oder zerreissen, was ihnen nicht gefällt. Wir beobachten sie ohne ihr Wissen, ein Teleobjektiv macht es möglich.

«Welcome to Disneyland»: Aus den Lautsprechern erklingt Filmmusik, vorbei zieht eine öde Parkplatzlandschaft. (Bild: Ralph Ribi)

«Welcome to Disneyland»: Aus den Lautsprechern erklingt Filmmusik, vorbei zieht eine öde Parkplatzlandschaft. (Bild: Ralph Ribi)

Die Zeit vergeht wohltuend langsam bei Sebastian Stadler. Es passiert nicht viel, trotzdem schaut man gebannt zu. Das Absurde im Alltäglichen interessiert den Künstler. In «Welcome to Disneyland» nimmt er den Betrachter mit auf den riesigen Parkplatz des Pariser Unterhaltungsparks. Er gehört zu den grössten Europas und ist selbst vom Weltall aus zu sehen. Die Banalität und Hässlichkeit dieses Unortes kontrastiert mit der verheissungsvollen Filmmusik, die über Lautsprecher verbreitet wird. Für seine Kamerafahrt nutzt Stadler die Rollbahn, welche die Besucher zum Eingang befördert. Die damit erzeugte Spannung wird nie aufgelöst, wir kommen nie ans Ziel und die triste Szenerie zieht in einer Endlosschlaufe vorbei – eine Metapher für unsere Zeit.

Bei der Fotoserie «L'apparition» arbeitet Sebastian Stadler mit Doppelbelichtungen. (Bild: Daniel Ammann)

Bei der Fotoserie «L'apparition» arbeitet Sebastian Stadler mit Doppelbelichtungen. (Bild: Daniel Ammann)

Sebastian Stadlers grundlegendes Interesse am Bild zeigt sich in seiner fortlaufenden Serie «L’apparition», bei welcher er mit Doppelbelichtungen arbeitet. Es sind die einzigen fotografischen Arbeiten in der Schau. Zufällig ausgewählte analoge Bilder aus dem Archiv des Künstlers werden mit Aufnahmen von Monitoren überlagert, deren Pixelstruktur erst auf den zweiten Blick erkennbar ist. Noch stärker konzeptuell ausgerichtet sind zwei ganz neue Arbeiten. Ein Computerprogramm erstellt in «Titel» für Fotos aus dem Archiv des Kunstmuseums eine Bildbeschreibung. Nicht wenige davon sind von Stadler selbst aufgenommen worden, der als freischaffender Fotograf auch für das Kunstmuseum tätig ist. In einem zweiten Schritt sucht der Algorithmus in der frei zugänglichen digitalen Bibliothek gutenberg.org ein passendes Zitat dazu.

Schiesst Sebastian Stadler mit seinem Smartphone ein Foto, zeigtein Computerprogramm eine Beschreibung davon auf den beiden Monitoren an. (Bild: Sebastian Stadler)

Schiesst Sebastian Stadler mit seinem Smartphone ein Foto, zeigtein Computerprogramm eine Beschreibung davon auf den beiden Monitoren an. (Bild: Sebastian Stadler)

Die manchmal absurden, manchmal erstaunlich zutreffenden Bildkommentare sind einerseits eine amüsante Spielerei. Andererseits werfen sie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Bild und Text auf. Ganz ohne Bilder kommt schliesslich die titelgebende Arbeit «Pictures, I think» aus. Jedes Mal, wenn der Künstler mit seinem Smartphone fotografiert, erstellt ein Computerprogramm eine Bildbeschreibung in englischer Sprache davon. Diese wird auf zwei Monitore in der Ausstellung übertragen. Eine subversive Arbeit, welche gegen die tägliche Bilderflut die eigenen Bilder im Kopf entstehen lässt.

Bis 16.2., Kunstmuseum St. Gallen; eine Publikation zur Ausstellung erscheint Ende Januar im Verlag Kodoji Press, Baden.

Mehr zum Thema: