Schwermütige Vampire

Vampirfilme sind en vogue, doch wenn sich die US-Indie-Legende Jim Jarmusch auf das Genre einlässt, darf man Ungewöhnliches erwarten: «Only Lovers Left Alive» bietet berückend schönes, melancholisches und witziges Kino.

Walter Gasperi
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Kultivierte Vampirin: Tilda Swinton als Eve in Jim Jarmuschs meisterlichem «Only Lovers Left Alive». (Bild: pd/Filmcoopi)

Kultivierte Vampirin: Tilda Swinton als Eve in Jim Jarmuschs meisterlichem «Only Lovers Left Alive». (Bild: pd/Filmcoopi)

Seit die Verfilmungen von Stephanie Meyers «Twilight»-Romanen einen Hype auslösten, erleben Vampirfilme in Kino und Fernsehen wieder eine Blüte. Die Serien «Vampire Diaries» und «True Blood», an deren siebter und angeblich letzter Staffel gerade gearbeitet wird, eroberten auch im deutschsprachigen Raum die Bildschirme. Neil Jordans «Byzantium» ist zwar hierzulande nur auf DVD erschienen, dafür kommt im März die Verfilmung von «Vampire Academy – Blutsschwestern» in die Kinos. Auch für Nachschub ist gesorgt, denn im Herbst 2014 soll «Dracula Untold» folgen, in dem Gary Shore die Ursprünge des Fürsts der Vampire erkundet, und im Entwicklungsstadium befinden sich Eli Roths «Harker», in dem Russell Crowe den Dracula-Jäger spielen soll, und «Van Helsing» mit Tom Cruise in der Hauptrolle.

Ungeniessbares Frischblut

Während in diesen Filmen wohl lustvoll zugebissen werden wird, agieren Jim Jarmuschs Vampire weit zurückhaltender. Denn einerseits lebt man im 21. Jahrhundert und ist folglich kultiviert, andererseits ist das menschliche Blut inzwischen nahezu ungeniessbar, weil es durch Umweltverschmutzung und falsche Ernährung kontaminiert ist. Jarmuschs Vampire bevorzugen deshalb sichere Quellen: Eve bezieht den lebenserhaltenden Saft wie eine Droge in der Altstadt des marokkanischen Tanger von einem alten Vampir (John Hurt), hinter dem sich der Schriftsteller Christopher Marlowe verbirgt, der nach seiner Verwandlung anonym die Hauptwerke von William Shakespeare schrieb.

Vampir-Fernbeziehung

Adam lebt dagegen in Detroit, wo er regelmässig nachts als Dr. Faust oder Dr. Caligari verkleidet beim korrupten Dr. Watson Blutkonserven kauft. Seit Jahrhunderten sind diese Vampire – bei deren Namen und Geschichte sich Jarmusch nicht von der Bibel, sondern von Mark Twains letztem Roman «Die Tagebücher von Adam und Eva» inspirieren liess – verheiratet, doch führen sie nun eine Fernbeziehung. Die erste Einstellung schmelzt sie zwar mit langen Überblendungen zusammen, dennoch verlaufen ihre Geschichten zunächst parallel.

Erst als Eve via Skype vom stets schwarzgekleideten und schwarzhaarigen Undergroundmusiker Adam erfährt, dass er an Selbstmord denkt, reist sie mittels Nachtflug nach Detroit. Dort wird das zurückgezogene Leben in der mit Vinyl-Schallplatten, alten Gitarren und antiquierten Tonbandgeräten vollgestopften Wohnung aber bald durch Eves jüngere Schwester Ava (Mia Wasikowska) gestört. Schon vor 87 Jahren hat sie für Ärger gesorgt, benimmt sich aber immer noch wie ein unreifer Teenager.

Der Niedergang von Detroit

Während Eve noch Vitalität ausstrahlt, hat Adam der Verfall der menschlichen Kultur längst in tiefste Schwermut fallen lassen. Bezeichnend ist, dass er ausgerechnet in Detroit wohnt, das einst die Autohauptstadt der USA war, im letzten Jahrzehnt aber 25 Prozent der Einwohner verlor und im Juli 2013 seinen Bankrott anmeldete.

Grossartig beschwört Jarmusch mit den farbintensiven dunklen Bildern von Kameramann Yorick La Saux, der zwischen 60er-Jahre-Soul und Garage-Punk pendelnden Musik und dem zurückhaltenden Spiel von Tilda Swinton und Tom Hiddleston eine betörende Stimmung der Melancholie.

Unaufgeregt aufregend

Wie in «Dead Man» den Western und in «Ghost Dog» den Gangsterfilm bürstet der 60jährige Jarmusch hier den Vampirfilm gegen den Strich. Er nimmt Tempo und Action heraus und lässt seine Vampire herumsitzen, schweigen oder über den Niedergang der Menschheit sinnieren. Zahlreiche Grössen der Kulturgeschichte von Lord Byron – laut Adam allerdings ein «selbstgerechtes Ekel» – bis zum 1960 verstorbenen Gitarristen Eddie Cochran haben sie gekannt und sind in höchstem Masse gebildet, während die Menschen von heute nur noch wie hirnlose Zombies agieren.

Voller Anspielungen auf die Kulturgeschichte und dennoch federleicht ist «Only Lovers Left Alive», wunderbar unaufgeregt aufregend, völlig entspannt und mit der Souveränität eines Meisters inszeniert. Ein visuelles, akustisches und intellektuelles Vergnügen, das somit selbst schon ein Gegenpol zu dem 123 Minuten lang beschworenen Niedergang der menschlichen Kultur ist.

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