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Interview

St.Galler Bach-Spezialist Rudolf Lutz: «Die Rampensau kommt mir zugute»

Bach ist nur ein Teil von Rudolf Lutz. Als Organist, Vermittler, Dirigent und Komponist erhält der St.Galler den Schweizer Musikpreis 2019.
Bettina Kugler
Beim Komponieren hat Rudolf Lutz oft Aha-Erlebnisse. Vor Publikum geht der Löwe in ihm los. (Bild: Michel Canonica)

Beim Komponieren hat Rudolf Lutz oft Aha-Erlebnisse. Vor Publikum geht der Löwe in ihm los. (Bild: Michel Canonica)

Ein Platz bleibt frei am Tisch mit Rudolf Lutz. Dort hätte der in Basel lebende Jazz-Saxofonist Andy Scherrer sitzen sollen, gebürtig aus Brunnadern: Wie Rudolf Lutz wird ihm morgen von Bundesrat Alain Berset der Schweizer Musikpreis 2019 verliehen. Doch Scherrer, Jahrgang 1946, muss sich nach schwerer Erkrankung derzeit schonen. Schade, findet Rudolf Lutz. Er, der seit mehr als fünf Jahrzehnten leidenschaftlich und meisterhaft an der Orgel improvisiert, der Dozent für Improvisation war und gern mit seinem Bruder als The Lutz Brothers dem Jazz frönt, hätte gern mit dem Kollegen vom Fach im Gespräch gejammt. «Das hätte ich spannend gefunden», sagt er, «da wäre sicher etwas ganz anderes entstanden.»

Der Schweizer Musikpreis würdigt besonders Ihre Vielseitigkeit – und die Lebendigkeit, mit der Sie musizieren. Woher kommt sie?

Rudolf Lutz: Es freut mich besonders, dass das kein Preis speziell für meine Beschäftigung mit Bach ist, sondern einer für den ganzen Rudolf Lutz. Auch den Tastenmenschen, der gern Konzerte spielt, an der Orgel oder bei Lesungen improvisiert, der Musik vor Publikum anschaulich macht oder das Singen für Ältere vom Flügel aus animiert. Der Bretterboden ist mir wichtig. Ich kann auf die Bühne steigen, und dann geht mein Löwe los.

Sie sehen sich als «Rampensau»?

Rampensau, Bühnensau... Das Wort gefällt mir nicht, aber dieses Naturell kommt mir bei meinem Tun zugute. Es gibt Dirigenten, die tolle Hauptproben haben, aber nur mässige Aufführungen. Auch ich kenne durchaus Ängste und Versagensalbträume. Doch die sind weg, wenn ich andere Menschen glücklich machen, ihnen die Tiefe der Musik erschliessen, etwas in ihnen auslösen kann. Eine narzisstische Komponente ist bei den meisten Aufführenden vorhanden. Ich geniesse es, wenn ich im Feuer der Aufführung bin, und freue mich am Gelingen. Ich befasse mich aber ebenso gern gründlich mit der Partitur und Quellentexten und habe grosse Freude an sorgfältiger Ausarbeitung.

Seit 2006 arbeiten Sie an einem Langzeitprojekt der J.-S.-Bach-Stiftung St.Gallen. Opfern Sie Bach zuliebe vieles?

Als Konrad Hummler mich fragte, ob ich über so lange Zeit hinweg das gesamte Vokalwerk Bachs aufführen möchte, hatte ich erst einmal Bedenken. Ich war Organist, hatte meine Professuren, leitete den Bachchor und das St.Galler Kammerensemble, die Wegelin-Konzerte... Damit war ich ein glücklicher Musiker. Ich wollte mich nicht unter der Bach-Lawine begraben lassen. Irgendwann aber dachte ich: Why not? Ich kann mich gut auf etwas konzentrieren. Weil ich so viel so gern mache, habe ich immer schon zeitweilig Dinge vernachlässigen müssen. Das Schöne ist, dass mir die Bach-Stiftung die Freiheit lässt, Sachen auszuprobieren, meiner Neugier zu folgen und die Parameter immer wieder einmal zu verändern. Manche werfen mir vor, ich hätte kein Grundkonzept, keine Linie. Aber das liegt an meiner Neugier. Übrigens kann ich auch gut abschalten und sagen: Jetzt ist Apéro-Time. Und ich kann arbeiten, wenn es mir schlecht geht. Das ist für mich die beste Methode, seelische Nöte zu überwinden.

«Beim Komponieren erschliessen sich mir Sachen, die ich bis dato nicht verstanden habe.»

Ihre Agenda ist voll mit Bach – und anderen Auftritten. Wann finden Sie noch Zeit zum Komponieren?

Ich mache einfach gern Musik, ob es nun Bach-Kantaten sind, die ich leite, oder ob ich selbst am Klavier, am Cembalo oder der Orgel sitze. Doch mit dem Komponieren bin ich konsequent. Zwei Stunden jeden Tag plane ich derzeit dafür ein, mit unterschiedlich guter Ausbeute. Es ist wie beim Goldwaschen. Man ist auf der Suche, ab und zu ist mal ein Nugget dabei. Ich strebe aber keine Komponistenlaufbahn an. Eher hat sich da nach Jahrzehnten der Lehrtätigkeit meine pädagogische Lust zu mir selbst gewendet. Beim Komponieren erschliessen sich mir Sachen, die ich bis dato nicht verstanden habe. Die Neugier treibt mich auch an, wenn ich mich in Bachs Musik und die Theologie seiner Zeit vertiefe. Ich habe ein enormes Interesse an unheimlich vielem. Das ist sicher ein Ergebnis der Erziehung in meiner Familie.

Wie sah diese Erziehung aus?

Wichtig war vor allem meine englische Grossmutter, die viel gesungen und musiziert hat. Von ihr und meinen Eltern habe ich eine sorgsam gehegte und gepflegte Fantasie mitbekommen. Uns Kindern wurden englische Bücher vorgelesen, wir haben mit den Eltern viel gespielt. Ich durfte mich entfalten.

Ihre musikalische Begabung wurde nicht gezielt gefördert?

Nein, keineswegs. Heute würde man in bestimmten Kreisen sicher sagen: Der Bub ist begabt – und das war ich zweifellos –, der muss jetzt nach Zürich oder anderswohin zu dem und dem. Ich dagegen ging jedes Wochenende zu den Grosseltern; da war ich dann im Garten, habe Rasen gemäht und Holz gespalten. Meine Hände sind nicht versichert. Ich habe die Hand durch Unvorsichtigkeit dreimal gebrochen gehabt. Ich hatte immer Glück. Und gute Ärzte.

Was haben Sie jetzt vor mit den 25000 Franken Preisgeld? Aus vorhandenem Material die Oper konstruieren, die Bach nie schrieb?

Dafür würde die Summe wahrscheinlich nicht reichen. Die Idee reizt mich durchaus. Es gibt kaum ein Gefühl, das man bei Bach nicht findet. Alles ist vorhanden in seinen Arien und Rezitativen: Verrat und Liebschaften, Tod und Teufel – was eben so zu einer Oper gehört. Mit neuen Texten ergäbe sich wohl mühelos ein grosses Werk. Als Idee ist das latent in meinem Kopf, so wie die Ergänzung der Markus-Passion. Mal sehen, was daraus wird.

Gerade arbeiten Sie viel zu Hause in St.Gallen. Was entsteht da im stillen Kämmerlein?

Ich habe vom Sonos Quartett den Auftrag für ein Streichquartett bekommen. Die Verbindung lief über die Bratschistin Martina Bischof, die bei mir im Orchester der Bach-Stiftung spielt. Sie wollen das Werk zusammen mit Schuberts Quartett «Der Tod und das Mädchen» aufführen. Zuerst habe ich abgewinkt. So ein Meisterwerk zu sekundieren, erschien mir als Anmassung. Ich hatte dann die rettende Idee, den Schriftsteller Klaus Merz um Gedichte zu bitten. Er hat mir eine Art Bilderbuch zusammengestellt, zu dem ich nun Zwischenmusik komponiere. Klanglich wird es im Stil des frühen 20. Jahrhunderts sein, etwa wie «An English Christmas». Also nicht wie die Landgemeinde-Kantate oder meine Luther-Kantate zum Reformationsjubiläum.

Musikpreis 2019: Die Preisträger aus der Ostschweiz

(bk.) Ein «mit Bach marinierter» Allrounder an den Tasten wie am Dirigentenpult ist Rudolf Lutz, geboren 1951. Er komponiert, bearbeitet, improvisiert, war Hochschullehrer und Dozent für Improvisation. Von dieser Vielfalt an Talenten und Neigungen profitiert seit 2006 das Langzeitprojekt der J.-S.-Bach-Stiftung St. Gallen: die Gesamtaufführung sämtlicher Vokalwerke von Bach, hochkarätig besetzt, in historisch informierter Interpretation. Nebenbei spielt Lutz auch Jazz oder lädt zum offenen «Singen für Ältere», mit Stammgästen im Alter zwischen 60 und über 100. «Alles, was er anpackt, gerät zum Ausdruck natürlicher, stimmiger musikalischer Lebendigkeit», begründet die siebenköpfige Jury die Auszeichnung.

Mit dem 1946 in Brunnadern geborenen, in Basel lebenden Andy Scherrer würdigt sie einen eingefleischten Jazzmusiker, einen «bescheidenen Giganten» (NZZ) und «Saxofonlehrer der Nation». Von 1975 bis 2011 unterrichtete er an der Swiss Jazz School in Bern, seit 1972 arbeitet er zudem freischaffend mit eigenen Bands, als Gast in anderen Formationen und als Solist im Vienna Art Orchestra. Gefeiert wird er vor allem für sein einfallsreiches, dabei konzises Spiel und seine Klangkultur. Andy Scherrer zählt zu den herausragenden Exponenten des Jazz in Europa und hat eine Reihe profilierter Saxofonisten geprägt, etwa Donat Fisch, Domenic Landolf und Roman Schwaller.

Der Schweizer Musikpreis wird seit 2014 jährlich an 15 Musikerinnen und Musiker aus allen Landesteilen und diversen Stilrichtungen vergeben. Er soll die Qualität und Vielfalt der Schweizer Klangkunst spiegeln. Dotiert ist er mit 25000 Franken.

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