Schweizer Musikgeschichte
Neues Buch setzt den Schweizer Rock-Pionieren ein Denkmal

In seinem Buch über die ersten Rockmusiker der Schweiz zeigt Musikjournalist Stefan Künzli mit Akribie die Vielfalt der Szene in den 60er- und 70er-Jahren auf. Es ist die Geschichte einer Musikergeneration, die trotz hoher Ambitionen zwischen Stuhl und Bank fiel.

Sam Mumenthaler
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Die Mundart-Rockband Rumpelstilz mit (v.l.) Polo Hofer, Schifer Schafer, Hanery Amman, Kurt Güdel und Milan Popovich (liegend).

Die Mundart-Rockband Rumpelstilz mit (v.l.) Polo Hofer, Schifer Schafer, Hanery Amman, Kurt Güdel und Milan Popovich (liegend).

sams-collection.ch

Rock ist ein englisches Wort, das Felsen bedeutet. Mit Felsen kennen sich die Schweizerinnen und Schweizer aus. Kein Wunder, nennt sich eine der erfolgreichsten Schweizer Rockbands nach einem Bergmassiv. Gotthard kommen in Stefan Künzlis aktuellem Buch «Schweizer Rock Pioniere» nicht vor. Sie wären in diesem gut 350-seitigen, reich bebilderten Werk, das durch einen detektivischen Ansatz und unvoreingenommene Neugier auffällt, auch fehl am Platz. Rockmusik – egal welcher Provenienz – ist heute eine Alltagsbegleiterin und gerade auch bei jenen beliebt, die sonst auf ihre nationale Identität pochen.

Das war nicht immer so. Der Autor hat sich aufgemacht, die Schweizer Rockpioniere aufzuspüren und sie davor zu bewahren, im Loch des Vergessens zu verschwinden. Denn so felsig das Fundament ist, auf das wir die Schweiz gebaut haben: Das Rockzeitalter hat hier keine tiefen Spuren hinterlassen. Künzlis Verdienst ist es, dass er all diejenigen, die vor 50 Jahren ihre Jugend investierten, um ihr Schweizer Lebensgefühl in die Phrasen der angloamerikanischen Rockmusik zu übersetzen, zu Wort kommen lässt.

Die Autoren

Stefan Künzli, 59, ist Kulturchef von CH Media mit den Spezialgebieten Rock, Pop, Jazz sowie Saxofonist in verschiedenen Bands.

Sam Mumenthaler, 60, ist Musikjournalist, Schlagzeuger und Autor von Büchern wie «BeatPopProtest», «50 Jahre Berner Rock» und «Polo». Dazu ist er Herausgeber von sams-collection.ch, der virtuellen Heimat seiner Sammlung mit Hintergrundinfos zur Schweizer Pop- und Rockgeschichte.

Musik in der Filterblase

Aber was ist Rock eigentlich, was unterscheidet ihn von Pop, Jazz, von der Volksmusik? Künzli hat die Fachliteratur gesichtet und ist zum Schluss gelangt, dass Rockmusik kein in Stein gemeisselter Begriff ist: «Ihre Entstehung ist eine Folge von Eingebungen, Ideen, Wechselwirkungen, technischen Neuerungen, gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen und vielen Zufällen.» Musikalisch lässt sich Rock ebenso schwer eingrenzen. Auch in der Schweiz gab es Bluesrock, Jazzrock, Folkrock, Klassikrock und viele weitere Spielarten, wie der Autor nachweist.

Was Rock ausmacht, ist also gerade diese Offenheit – und die Emanzipation vom Diktat des Publikumsgeschmacks. «Unsere Rock-Pioniere wollten die Welt verändern, die Welt erobern», meint der Autor. «Sie haben die Selbstverwirklichung gesucht, wollten ihren Traum leben, das Abenteuer Musik wagen und gewinnen. Sie waren nicht bereit, sich auf Anforderungen des Musikgeschäfts einzulassen. Nur die Musik zählte.»

Diese Anspruchshaltung hatte gravierende Nachteile, die im Buch zwar angesprochen, aber nicht ausgeleuchtet werden. Der Schweizer Rock der Siebziger genügte und gefiel vor allem sich selber. Statt den Publikumsschlangen wurden die Soli der Musiker immer länger und die Lautsprecherboxen immer grösser. Viele Bands wohnten als verschworene Gemeinschaften auf dem Land, tüftelten an ihrer Musik und liessen sich höchstens von einigen Stimulanzen ablenken. Heute würde man von einer Filterblase sprechen. Frauen? Sie kommen hier kaum vor – weil sie in der Rockszene der Siebziger keine Rolle spielten. Doch im Beitrag über die Schweizer «Supergruppe» TEA fällt ein Satz auf: «Es waren die Freundinnen, die den Musikern einen minimalen Lebensstandard ermöglichten.»

Die Supergroup TEA in der Kommune Heimisbach im Emmental mit (v.l.) Roli Eggli, Marc Storace, Armand Volker, Philippe Kienholz (unten) und Turo Pashayan.

Die Supergroup TEA in der Kommune Heimisbach im Emmental mit (v.l.) Roli Eggli, Marc Storace, Armand Volker, Philippe Kienholz (unten) und Turo Pashayan.

Peter Wälti

Die Schweizer Rockpioniere spielten gut, sie mussten ihr Handwerk nicht verstecken. Einige von ihnen schafften es gar in die internationale Szene – wie der Keyboarder Patrick Moraz, der bei der englischen Progrock Band Yes und später bei Moody Blues einstieg. Den umgekehrten Weg ging der Malteser Sänger Marc Storace, der sich in London durchschlug, bei einer Audition für Ritchie Blackmore’s Rainbow auf dem undankbaren zweiten Platz landete und es schliesslich mit der Solothurner Band Krokus doch noch zu internationalem Erfolg brachte.

Der Westschweizer Keyboarder Patrick Moraz schaffte es mit Yes und Moody Blues an die internationale Spitze.

Der Westschweizer Keyboarder Patrick Moraz schaffte es mit Yes und Moody Blues an die internationale Spitze.

Archiv Moraz

Rock in der Schweiz war aber auch schwerfällig, die angestrebte Progressivität und Eigenständigkeit hinkten oft internationalen Trends hinterher. Weder die Plattenfirmen noch das Radio (der Singular ist bewusst, im Rockzeitalter gab es hier noch keine Popradios!) interessierten sich wirklich für die Höhenflüge der Rockmusiker. Sie setzten auf gefälligen Eurovisions-Pop von Pepe Lienhard und Peter, Sue & Marc, auf Disco und Schlager.

Schräges und Beseeltes

Ernesto «Fögi» Vögeli, Sänger bei der Band Tusk war der erste Schweizer Rockstar (rechts).

Ernesto «Fögi» Vögeli, Sänger bei der Band Tusk war der erste Schweizer Rockstar (rechts).

sams-collection.ch

Wie reichhaltig die hiesige Rockszene dennoch war, zeigt Künzli mit Akribie auf. Er spannt den Bogen von St. Gallen bis ins Unterwallis und lässt es nicht bei bekannten Exponenten wie Toni Vescoli, Polo Hofer und Chris von Rohr bewenden. Er berücksichtigt auch «Kultfiguren» wie den Sänger Ernesto «Fögi» Vögeli (über den später ein Buch und ein Film entstanden), den beseelten Bluesmusiker Chris Lange oder den Gitarristen und Erfolgsproduzenten Armand Volker – um nur einige zu nennen. Solch persönliche Geschichten machen Künzlis Buch zum Lesevergnügen.

Neue alte Leichtigkeit

Erfreulicherweise schweift der Blick des Autors auch über die Sprachgrenzen hinaus, in die Romandie und ins Tessin. Auch dort lief einiges, die Probleme glichen aber denjenigen der Deutschschweiz.

Es liesse sich einwenden, dass ein so umfangreiches Buch der Schweizer Rockszene der 1970er-Jahre ein Gewicht gibt, das ihr nüchtern betrachtet nicht zukommt. Doch das wäre zu kurz gedacht. Interessanterweise spielte der Rock das Intermezzo zwischen zwei gesellschaftlichen Eruptionen: Die Generation der 68er liess sich noch vom Beat anheizen, die 80er-Bewegung tanzte Pogo zu Punk. Das Rockzeitalter lag dazwischen: ein Wechselbad von zerbrochenen Träumen und neuem Freiheitsdrang. So war die Musik unserer Rockpioniere auch der Soundtrack einer Identitätssuche. Was Rock von seinen Ursprüngen trennte, kehrte erst zurück, als die Punks ihn abgewatscht hatten. Eine neue Leichtigkeit stellte sich ein, es begann wieder zu rollen. Krokus waren (neben Polo Hofer und Rumpelstilz) die erste Schweizer Rockband, die ihr Publikum in die Musik mit einbezogen und nach einer Entschlackungskur konsequent auf einen Stil setzten.

Seit den Achtzigerjahren sind die Schweizer Rockmusiker offensiver unterwegs – und dank den Radios und den (neuen) Medien auch präsenter. Mit Kleenex, The Young Gods und Celtic Frost setzten Schweizer Rockbands erstmals international eigenständige Akzente, in der Heimat profilierten sich immer mehr Bands, die im eigenen Dialekt sangen. Die Pionierarbeit der Rockgeneration, der Stefan Künzli ein Denkmal setzt, hat Früchte getragen.

Das Buch «Schweizer Rock Pioniere»

Das Buch «Schweizer Rock Pioniere»

silvan wegmann

Stefan Künzli: Schweizer Rock Pioniere. Eine Spurensuche in den rebellischen Gründerjahren. (Zytglogge Verlag, Basel).

Events
Do, 9.12. Huus74 Menziken. Musikalische Inszenierung «Schweizer Rock Pioniere» mit einem Film zusammengestellt aus Videos und Bildern von Michel Erismann, mit Gesprächen und Live-Musik. Die Band Rumpelstoff mit Levi Bo (Lead-Gesang, Keyboards, Gitarre), Marc Gerber (Gitarre, Gesang) und Stefan Künzli (Saxofon, Gesang) spielt Songs von Rumpelstilz.
Do, 27.1. Atlantis Basel. Vernissage «Schweizer Rock Pioniere» mit Film und Live-Musik. Im Rahmen der Reihe «Rock'n'Read». Weitere Events zu den «Schweizer Rock Pionieren» folgen.

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