#Steiner&Madlaina
Schweizer Musikerinnenduo wird der grosse Durchbruch prophezeit – Klappt es mit dem neuen Album?

Steiner & Madlaina machen cleveren Pop mit Herz und Haltung. Die beiden Schweizerinnen veröffentlichen ihr zweites Album.

Michael Graber
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Nora Steiner (dunkle Haare) und Madlaina Pollina verlieren die Hoffnung nie.

Nora Steiner (dunkle Haare) und Madlaina Pollina verlieren die Hoffnung nie.

Tim Wettstein

Nein, sagt Madlaina Pollina, ein verlorenes Jahr sei es nicht gewesen. 600 Kilometer weiter westlich nickt Nora Steiner in die Webcam. Die Pause, so Steiner, habe auch ihr Gutes. Innehalten, nachdenken – und «schlafen». Pollina nestelt in Wien an der Kaffeemaschine, Steiner sitzt in Zürich. In beiden Räumen schwingt die Ruhe vor der Unruhe mit.

Bald geht’s los. Mindestens den Durchbruch prophezeien allerlei Weissager dem Duo Steiner & Madlaina. Doch kann man im Stillstand durchbrechen? Kann man durchstarten, wenn an manchen Orten Bewegungsradien eingeschränkt sind? Pollina zündet sich vor einem Büchergestell eine Zigarette an und denkt nach. Steiner: «Es ist eine komische Situation.» Viel «würde», «hätte», «könnte». Der Konjunktiv ist ein Spielverderber.

Beeindruckend ist, wie weder Nora Steiner noch Madlaina Pollina im Coronatrubel die Hoffnung verloren haben. Steiner hat Artikel gelesen, in denen steht, dass im Sommer vielleicht doch Festivals möglich sind, und Pollina sagt:

Was würde es bringen, wenn wir resignieren würden? Wir sind einfach hoffnungsvolle Menschen. Wir waren immer so.
Madlaina Pollina Schweizer Sängerin

Madlaina Pollina Schweizer Sängerin

Key

Wer hofft, läuft Gefahr, enttäuscht zu werden. Steiner am Küchentisch zuckt mit den Schultern: «Kann sein. Aber nicht mehr zu hoffen, nur um die Enttäuschung zu vermeiden, würde sich falscher anfühlen.» «Voll», sagt Pollina in Wien.

«Wünsch mir Glück» heisst ihr zweites Album. Aufgenommen noch vor dem Lockdown. «Wenn wir alle Lust drauf hätten, könnten wir die Welt noch retten», singen sie im ersten Stück. Dazu spielt die Musik fröhlich-luftig. Steiner & Madlaina, normalerweise beide in Zürich daheim, sezieren dabei die Bequemlichkeit vieler Menschen, denen es viel zu gut geht, um sich ernsthaft um das Morgen zu sorgen.

Natürlich geht es auch viel um die Liebe, um die Nähe oder Nicht-Nähe. Um das Wegsein. «Wünsch mir Glück» ist ein wunderschöner Liebessong, der über die Unmöglichkeit der Liebe berichtet: «Ich verfluche die Gelegenheit, versuche nichts zu geben, weil ich weiss, am Ende wird’s nicht funktionieren.» Auch hier: Selbst in der Hoffnungslosigkeit erlischt die Hoffnung nie.

Griffiger, textverliebter Pop mit Charme

«Dunkler» sei die Platte, sagt Steiner. Und «rockiger». Aufgenommen in einem Vorort in Berlin. Mit Band. Dunkler sei die Platte, weil «die Zeiten halt auch etwas dunkler waren», sagt Pollina. Beide betonen, dass die Texte «ehrlich» und «voll von innen» sind. Es sind ein paar Liebesnarben, die die beiden Frauen um die 25 hier verarbeiten. Und auch andere Ungerechtigkeiten. Immer wieder Thema ist – durchaus plakativ – die Rolle der Frau. Steiner macht das in «Wenn ich ein Junge wäre» mit einer guten Portion Gift, und Pollina verarbeitet es in «Ciao Bella» mit gallig-bösem Humor.

«Wir werden ja ständig mit solchen Rollenbildern konfrontiert», sagt Steiner. «Uns traut man weniger zu, nur weil wir Frauen sind», sagt Pollina. Das könne auch einmal ein Vorteil sein, versucht sie, den Nachteil umzukehren. Wer unterschätzt werde, der falle vielleicht auch positiver auf.

Hier ist es umgekehrt zur Hoffnung: Wenn man nicht zu viel erwartet, übertrifft man die Erwartungen schnell. Das haben Steiner & Madlaina gar nicht nötig. Aus der Freundinnen-Band ist längst ein Geheimtipp geworden. Mit über 100 Shows pro Jahr. «Vollgasleben», nennt es Steiner. Gross geworden unter anderem als Vorband von Faber, Pollinas Bruder, sind sie längst flügge geworden und haben dabei ihren griffigen, textverliebten Pop weiterentwickelt. Mit Charme, guten Melodien und grossartigen Refrains wie «Komm, wir trinken auf das schöne Leben, das wir niemals haben werden» erspielten sie sich im deutschsprachigen Raum eine solide Fanbasis.

Die Ungewissheit, wann es weitergeht, ist belastend

Fehlt die Bühne? «Ja, es kribbelt. Ich möchte unbedingt wieder», sagt Pollina. «Mega», sagt Steiner. Lieber vor nur 50 Leuten als gar nicht. Es sei ein bisschen wie eine Sucht. Steiner hat mittlerweile in der Küche den Mantel angezogen, «wir machen am Ende ja Musik, damit wir live spielen können.»

Die Ungewissheit, wann es wieder weitergehe, sei schon belastend, sagt Pollina, «aber was wollen wir motzen? Wir können nix ändern.» Wenn es noch ein Jahr gehen würde, «wäre es richtig scheisse», sagen beide. «Aber das geht es nicht. Im Juli sind wir alle geimpft», sagt Steiner. Pollina nickt 600 Kilometer weiter östlich. Ganz glauben, tun sie es nicht. Hoffen schon.

Steiner & Madlaina: «Wünsch mir Glück» (Glitterhouse/Irascible).