Schweizer Literatur
Neuer Roman von Hansjörg Schertenleib: Eine Affäre zwischen einem Lehrer und einer Schülerin wird zur sozialen Hetzjagd

Mit «Offene Fenster, offene Türen» stemmt sich der Schweizer Schriftsteller mit der Kraft der Literatur gegen modische Schubladen und entwirft eine melancholische Fluchtgeschichte vor der Hetze in Sozialen Medien.

Hansruedi Kugler
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Schriftsteller Hansjörg Schertenleib.

Schriftsteller Hansjörg Schertenleib.

Alex Spichale / KUL

Affären gehen in der Literatur ja fast nie gut aus – für alle Seiten. Genauso wenig wie im realen Leben von Politikern, wie man derzeit wieder einmal lesen muss. Dem Schweizer Schriftsteller Hansjörg Schertenleib gelingt nun aber mit seinem neuen Roman «Offene Fenster, offene Türen» im scheinbar abgegriffenen Genre ein bestechender Blick in die Grauzonen des Begehrens, wo niemandem so richtig klar ist, was eigentlich warum geschah.

Er ist 55, sie 19 – ob der Sex einvernehmlich war, interessiert niemanden

Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen. Roman. Kampa, 251 S.

Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen. Roman. Kampa, 251 S.

Zvg / zvg

Darum geht es: Casper ist ein notorischer Fremdgeher, Juliette eine abenteuerlustige Verführerin. Problem Nr.1: Er ist 55 und Lehrer an einer Jazzschule, sie ist 19 und eine seiner Schülerinnen. Problem Nr.2: Ihr Quickie im Lagerraum der Schule wird heimlich gefilmt, das Video auf den sozialen Medien verbreitet. Einvernehmlich oder nicht? Das interessiert dort kaum jemanden. Der Sex wird zum Skandal, das Urteil kommt rasch und unerbittlich: Er missbraucht seine Macht, sie ist eine Schlampe. Für Casper resultiert die Scheidung (seine Frau: «Dieser Fick ist einer zu viel»), Juliette muss Verachtung ertragen.

So trist die Szenerie, so vorschnell und hämisch sich die Scharfrichter in den sozialen Medien auch gebärden – Schertenleib stemmt sich mit der Kraft der Literatur gegen modische Schubladen. Er tut dies analytisch, empfindsam, offen für das Unklare und Ambivalente seiner Hauptfiguren. Denn klar ist: Casper ist zwar disziplin- und gedankenlos, aber kein Metoo-Täter; Juliette ist nicht berechnend, aber berauscht von ihrem frischen, vorwitzigen Eroberinnentum. Beide haben mit dem Feuer gespielt – man muss es so klischeehaft nennen.

Ein Roman gegen moralischen Rigorismus

Was Schertenleib daraus macht, scheint er als Antwort auf verhärtete Gegenwartsdebatten und moralischen Rigorismus beabsichtigt zu haben: «Egoismus und Empfindlichkeit junger Menschen, denen zugleich jede Empathie fehlt, geht ihm gegen den Strich», steht da über Cas­per. «Offene Fenster, offene Türen» ist eine bittere Erzählung über die unentrinnbare Hetze in sozialen Medien (die etwas übertrieben wirkt) und ein melancholischer Roman, in dem die Scham nur noch den Rückzug in ein privates Refugium als Ausweg und Flucht lässt. In diesen Szenen zeigt sich Schertenleibs Meisterschaft im Atmosphärischen und in der Verknüpfung mit Jugenderinnerungen.

Wie wenn Alfred Hitchcock heimlich Co-Regie geführt hätte

Man mag den Roman etwas überorchestriert finden: Wie starke Signale wirken die vielen toten Vögel, die Obdachlosen, Alkoholiker, die Krebstoten in der Verwandtschaft. So als hätte Alfred Hitchcock, der Meister der unheimlichen Vorahnung, heimlich Regie geführt. Die Signale dienen jedoch geradezu lehrbuchmässig der Leserführung. Vor allem aber haben wir hier einen perfekt komponierten Roman, der die Doppelperspektive symmetrisch einlöst. Im steten Wechsel der Perspektive zwischen Casper und Juliette steigert Schertenleib in vier Märztagen deren allmähliche Resignation. Genau in der Mitte seines Romans lässt er beide den fraglichen Abend protokollartig erzählen: «Die eine Seite» und «Die andere Seite».

Zur Polizei gehen die beiden nicht, zu beschäftigt sind sie mit ihren Selbstzweifeln, ihrer Scham und der Abwehr der lawinenartigen Verachtung. Der einzige Schurke, der Voyeur und heimliche Filmer, der die Aufnahme ins Netz stellte, gibt sich erst ganz am Ende und zu spät zu erkennen. Einmal noch reden Juliette und Casper miteina­nder, was nur eine Erkenntnis bringt: Wir waren geil – blöd. Indem Schertenleib die beiden in diesen vier Tagen haltlos herumtorkeln lässt, löst er literarisch genau das ein, was er wohl in der sozialen und medialen Gegenwart vermisst: Empathie.

Hansjörg Schertenleib: Offene Fenster, offene Türen. Roman. Kampa, 251 S.

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