Schweizer Literatur
Hanna Johansen schreibt ein Selbstporträt beim Betrachten von Kunstwerken

Entlang bedeutender Bilder schafft die Schweizer Schriftstellerin einen packenden Zugang zur europäischen Geschichte. Es ist ein Gang durch die Jahrhunderte.

Bernadette Conrad
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Die Schriftstellerin Hanna Johansen schreibt ein Buch über Bilder – ohne Bilder.

Die Schriftstellerin Hanna Johansen schreibt ein Buch über Bilder – ohne Bilder.

Flurin Bertschinger

Ein Buch über Bilder? Wo sind sie einzuordnen, diese «Geschichten vom Sehen», die Hanna Johansen in ihrem neuen Buch vorlegt? In einem Gang durch die Jahrhunderte, vom 12. bis ins 19. Jahrhundert, schreibt sich die Autorin an einem mittelalterlichen Mosaik sowie an Bildern von Rembrandt, Tizian, Goya, Manet entlang, bevor sie an neun weiteren, so unterschiedlichen Künstlerinnen und Künstlern wie Edward Hopper, Giovanni Giacometti, Thomas Struth, Thea Altherr tiefe Eindrücke aus Begegnungen mit der Kunst des 20. Jahrhunderts erzählt.

Es seien, so schreibt Hanna Johansen in einem kleinen Vorwort, «ganz persönliche Geschichten, wie wir sie mit Bildern erleben können, wenn wir nicht vom Fach sind». Das ist gar zu bescheiden. Und überhaupt. Ein vor allem aus Understatement bestehendes Vorwort hätte dies souverän recherchierte und klug und prägnant erzählte Buch nicht nötig gehabt.

Hanna Johansen: Bilder. Geschichten vom Sehen. Dörlemann Verlag, 223 Seiten.

Hanna Johansen: Bilder. Geschichten vom Sehen. Dörlemann Verlag, 223 Seiten.

PD / Dörlemann Verlag

Was die Bilder an Geschichten erzählen

Gleich der auf dem Cover abgebildete Ausschnitt aus Manets «Chez le Père Lathuille, en plein air, 1879» holt die neugierige Leserin direkt hinein in den intensiven Blick kompletter Hingabe eines jungen, lässig gekleideten Mannes in die Augen einer nur im Halbprofil zu sehenden Frau. Herausgefordert von «seinem naiven, fast kindlich zuversichtlichen Blick», begibt sich die Erzählerin tief hinein in die mögliche Geschichte hinter Manets Bild.

Ist er vielleicht doch «ein erfahrener Galan, dem nichts Unschuldiges mehr anhaftet»? Und überhaupt, warum steht nicht eine schöne Frau frontal und verlockend schön im Licht, «wie es sich seit Jahrhunderten gehört? Wo Männer zu handeln pflegen und Frauen auftreten.» Aber hatte Manet nicht schon 14 Jahre vor diesem Bild mit seiner «Olympia» einen Skandal ausgelöst, als er, auch hiermit der Tradition brechend, die Frau «aus dem Schutz der Mythologie in die Gegenwart» geholt, sie «selbstbewusst» und mit «unverfrorenem Blick» gezeigt hatte?

Johansens Bildbetrachtung ist eine recherchierende und kenntnisreiche, sie führt vom eigenen persönlichen Erlebnis direkt hinein in Kunst- und vor allem Gesellschaftsgeschichte und leuchtet eine Epoche aus. Dass Manet in einer Umbruchzeit lebte, in Konfrontation mit der Fotografie, ja mit Kriegsfotografien vom Deutsch-Französischen Krieg 1870/71, veränderte grundlegend den Begriff von «Realität» und auch die Rolle der Frauen. Vielleicht also drückt sich genau in diesem rätselhaften Verhältnis der beiden das Bild vom «modernen Leben von 1897» aus, das Manet zeigen wollte?

Geschichte in persönlichen Fragmenten

Dass mit Ausnahme dieses auf dem Buchcover abgebildeten Manet die Bilder im Buch nicht abgebildet sind, ist extrem schade: umso mehr, als Johansen die Bilder ja auch ins Verhältnis zueinander setzt und es sich anbieten würde, ihr dies bei der Lektüre nachzutun.

So hält sie zunächst Rembrandts «Goldenes Zeitalter» der Glaubensfreiheit und des Wohlstandes in den Niederlanden der «überaus düsteren Epoche» von Goyas Spanien entgegen, um, je weiter sie ergründet, das «Goldene» dann auch wieder sehr zu relativieren, alles immer festgemacht am Bild. Die Gründlichkeit, mit der einerseits betrachtet, andererseits dem historischen und persönlichen Kontext der Bilder erzählerisch nachdenklich nachgegangen wird, schafft ein packendes Stück andersartiger, nicht zuletzt persönlicher Geschichtsschreibung.

So begleiten wir Johansen auf ihre Lieblingsinsel Torcello und lesen in ihren eindringlichen Überlegungen zu Robert Capas berühmtem Foto «Boy on a Tank» (1944) zwischen den Zeilen mit, wie sie selbst als Kind den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat. Man könnte, so das Fazit, Johansens «Bilder» schliesslich auch als eine Art Selbstporträt in Fragmenten lesen.

Hanna Johansen: Bilder. Geschichten vom Sehen. Dörlemann Verlag, 223 Seiten.