Schweizer Literatur
Adelheid Duvanel war das grösste Schweizer Literaturtalent mit dem schwersten Leben

Sie war eine Meisterin der Kurzprosa. Ihre Texte sind auch 25 Jahre nach ihrem Tod eine Wucht: Ein neuer Band versammelt sämtliche Erzählungen der 1996 verstorbenen Adelheid Duvanel.

Hansruedi Kugler
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Adelheid Duvanel, um 1960.

Adelheid Duvanel, um 1960.

Zvg / Aargauer Zeitung

Man kann diesen Band aufschlagen, wo man will, sofort packen Adelheid Duvanels Sätze, die einem atemlos weiter lesen lassen. Da verbindet sich expressionistische Bilderwucht mit lakonischem, intimem Sozialrealismus. Einsame, vom Leben Geplagte und Aussenseiter träumen sich in surreale, teils märchenhafte Szenerien. «Der Himmel fällt in Fetzen herunter. Der Wind teilt Hiebe aus.» Wie präzise Peitschenschläge knallen solche Sätze gleich zu Beginn in Duvanels extrem dichte Kurzprosa.

Diese formvollendete Literatur ist ein Wunder an Einfühlung und Präzision

Immer ist die Umgebung ein Seelenspiegel ihrer Figuren. Und diese Figuren stellt Duvanel dann in nur einem Satz in ihrem Kern vor. So etwa: «Die Frau sah wirklich bescheiden, wie weggeworfen aus, als ob sie von einem Strassenkehrer zur Seite gefegt werden könnte.» Was für eine Wucht. Man ist versucht zu sagen, diese Literatur sei ein Wunder. Einerseits ein Wunder an atemberaubender Einfühlung in menschliche Abgründe, an sprachlicher Präzision und bildhafter Mehrschichtigkeit. Anderseits scheint es ein Wunder, dass diese mit einem schweren Leben geplagte Autorin die Kraft hatte zu so einzigartiger, formvollendeter Literatur.

Ein Leben zwischen Schicksalsschlägen und Psychiatrie

1936 in Pratteln geboren, wird Duvanel, erst 17jährig, vom Mädcheninternat traumatisiert, in die Psychiatrie eingewiesen, inklusive Elektroschocks. In den späten 1950er Jahren besucht sie die Kunstgewerbeschule, ist parallel als Malerin und Schriftstellerin tätig. Die Malerei gibt sie nach der Heirat mit dem Kunstmaler Joseph Duvanel auf. Er duldet die kreative Konkurrenz nicht, lebt mit ihr und seiner Freundin, die ein Kind von ihm bekommt, im gleichen Haushalt. Spät erst wird sie ihre Malerei wieder aufnehmen. Der grösste Teil ihres malerischen Nachlasses befindet sich nun im Museum im Lagerhaus in St. Gallen.In einer Sonderausstellung zeigte das Museum 2009 viele dieser eindringlichen Werke.

Adelheid Duvanel - Selbstporträt

Adelheid Duvanel - Selbstporträt

Adagp / Aargauer Zeitung

Ab 1980 wird die Autorin wieder mehrfach in der Psychiatrie behandelt. Die einzige Tochter wird drogenabhängig, wohnt mit ihrem Kleinkind bei Adelheid Duvanel, die das Drogenelend hautnah miterlebt. 1996 stirbt die Schriftstellerin unter Medikamenteneinfluss in einer aussergewöhnlich kalten Julinacht durch Unterkühlung in einem Wald. Ob Suizid oder Unfall, bleibt ungeklärt.

Literaturprofessor Peter von Matt war einer ihrer grössten Fans

1976 war Adelheid Duvanels erster Erzählband erschienen, dem mehrere folgten. Der neue Sammelband enthält alle Erzählungen, ergänzt durch frühe Zeitungstexte. Die Literaturkritik schrieb in den 1980er und 1990er Jahren begeistert, Adelheid Duvanel erhielt renommierte Preise – und einer ihrer grössten Fans war schon damals Literaturprofessor Peter von Matt. Zu zwei Erzählbänden schrieb er ausführliche Nachworte.
Ihr literarisches Terrain sei der «Bezirk des lautlosen Schreckens und der fürchterlichen Gewöhnlichkeit ... voll von Frauen, Männern, Kindern, und alle sind so allein, als trieben sie auf einer Eisscholle in der Winterfinsternis des arktischen Meers.» Zu Bestsellerauflagen reichte es Duvanels düsteren Miniaturen trotzdem oder gerade wegen ihren Themen nicht.

Wenn ein tollwütiger Fisch vors Fenster einer Autorin getrieben wird

Aber eben: Diese Autorin hatte ein unerhörtes Gespür für die Seelennot und bildhaft kontrastreiches, erfindungsreich variiertes Schreiben. Dass das Unglück ihrer Figuren von der alltäglichen, erschütternden Lieblosigkeit handelt, mit Scheidung, Kindstod, Suizid, Einsamkeit, macht den Schrecken aus, den man als Leser empfindet. Denn dieses Verrücktwerden liegt nur einen kleinen Schritt neben dem eigenen, gewöhnlichen Leben. Schon im frühen Text «Der Dichter», der den Sammelband eröffnet, findet man eine verführerisch plausible Erklärung für Duvanels eigene Schreibhaltung: «Ich schreibe nun Tag und Nacht Wörter, male mit ihrem Klang die Fluten des Himmels, die einen tollwütigen Fisch vor mein Fenster treiben.» Wahrlich ein kühnes Bild, lesbar als Albtraum.

Die Überflutung des Textes mit Metaphern macht als stetige Bedrängnis eines empfindsamen Menschen Sinn. Denn das macht letztlich Duvanels Talent aus: Dank dem Surrealen wirken ihre düsteren Porträts atemberaubend tief, aber ohne Anklage, ja sogar mit einer Spur Humor. Tief etwa, wenn eine verbitterte Frau schrumpft, ein enttäuschter Mann nur im Beobachten von Schafen Ruhe findet – oder in verwegenen Sätzen: «In der Nacht spiegelt sich das Zimmer im schwarzen Fenster. Der Mond mäht die Wiesen.»

Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen. Mit einem Nachwort von Literaturprofessorin Elsbeth Dangel-Pelloquin und einem Essay von der Schriftstellerin Friederike Kretzen. Limmat Verlag, 792 Seiten.

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