Schweizer Filmpreis
Internationalität steht der Schweiz gut

Regina Grüter
Regina Grüter
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Szene aus dem Film «Schwesterlein» mit Nina Hoss und Lars Eidinger.

Szene aus dem Film «Schwesterlein» mit Nina Hoss und Lars Eidinger.

HO

Der Preis der Schweizer Filmkritik für das Filmjahr 2020 ging im Februar an «Platzspitzbaby». Nach der ersten Abstimmung lag «Platzspitzbaby» schon auf Platz eins, gefolgt von «Mare» und «Schwesterlein». Ich war ein bisschen enttäuscht vom eigenen Verband. Die Schweizer Filmakademie hat das nun zurechtgebogen und «Schwesterlein» der Westschweizerinnen Stéphanie Chuat und Véronique Reymond als besten Spielfilm ausgezeichnet.

Das tönt jetzt vielleicht ein bisschen härter, als es gemeint ist. Der Schweizer Filmpreis 2021 war ein starker Jahrgang, und man hätte – anders als in früheren Jahren – mit jedem Sieger leben können.

2020 war ein schlechtes Jahr fürs Kino, aber ein gutes für den Schweizer Film. «Platzspitzbaby», der am 16. Januar in der Deutschschweiz anlief, machte schweizweit 330726 Kinoeintritte, davon 306795 in der Deutschschweiz (Romandie: 23321, Tessin: 610). Nicht nur die Filmkritik, sondern auch das Kinopublikum hat das Mutter-Tochter-Drogendrama auf Platz 1 gehievt. Oder müsste man nicht eher sagen das Deutschschweizer Publikum?

«Schwesterlein» – auf VoD, etwa myfilm.ch, und als DVD – hatte nach einem pandemiebedingten massiv verzögerten Kinostart «nur» 12831 Zuschauer. Der «Röstigraben» aber ist viel kleiner. Premiere im Berlinale-Wettbewerb, offizieller Schweizer Oscar-Beitrag: Das im Berliner Theatermilieu spielende Drama mit Nina Hoss und Lars Eidinger in den Hauptrollen hatte schon lange vor der virtuellen Verleihung am Freitagabend für internationale Aufmerksamkeit gesorgt. Das Gleiche gilt für Milo Raus «Das neue Evangelium», der in Venedig Weltpremiere feierte und den Quartz in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» abholte.

Der Schweizer Filmpreis soll die Vielfalt und den Reichtum des hiesigen Filmschaffens abbilden. Ein kleines, mehrsprachiges Land wie die Schweiz tut gut daran, über die eigenen Grenzen hinauszuschauen und mit Filmschaffenden aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten. Nach «Ceux qui travaillent» 2019 und «Le milieu de l’horizon» 2020 ging der Quartz in der Königskategorie «Bester Spielfilm» einmal mehr an Filmschaffende aus der Romandie. Aber diesmal ist es nicht die Nähe zu den filmstarken Nachbarländern Frankreich und Belgien, die den Ausschlag gab.

Schweizer Geschichten sind gut, universelle Geschichten von Schweizerinnen und Schweizern mit internationaler Beteiligung sind besser, weil sie den Raum öffnen. Von «Platzspitzbaby» war man damals im Kinosaal durchaus angetan, «Schwesterlein» hat einen emotional durchgeschüttelt. Mit Nina Hoss’ Lisa kann jede Frau mittleren Alters mitfühlen. Die Regisseurinnen sind aus Lausanne, die Hauptdarsteller Deutsche, die Produzentin, Ruth Waldburger, Deutschschweizerin. Na und? Film ist Teamarbeit.

Nochmals: Der Schweizer Filmpreis 2021 war ein starker Jahrgang. In besonderem Masse gilt das für die Frauen. In acht von zwölf Preiskategorien ging der Quartz an weibliche Filmschaffende – Ehren- und Spezialpreis nicht eingerechnet. Überdurchschnittlich viele Filme mit Frauen in Haupt- und Nebenrollen, oft auch unter weiblicher Regie, wurden eingereicht, was sich in den Nominationen niederschlug. Und nun bei den Preisvergaben.

Der Schweizer Film ist im besten Fall Filmkunst, die höher zielt, die nicht Halt macht vor Landes- und Sprachgrenzen. Dazu braucht es Filmemacherinnen wie Véronique Reymond und Stéphanie Chuat, die ihre Geschichte mit den bestmöglichen Mitteln erzählen wollen und eine Nina Hoss einfach ansprechen. Bei der Filmförderung hiess es, das Theatermilieu ziehe nicht. Auch davon liessen sie sich nicht beirren. Herzliche Gratulation, die Freude ist gross!