Schweineherz und Eierschneider

Am vergangenen Freitag fand in der Veranstaltungsreihe von Contrapunkt im Intermezzo der Tonhalle die Uraufführung des Melodrams «Das Wirtshaus zur Hand des Gehenkten» statt. Vollkommen unblutig.

Brigitte Schmid-Gugler
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Ein vielgestaltiger Klangteppich an der Uraufführung des Melodrams von Bernhard Kathan. (Bild: Ralph Ribi)

Ein vielgestaltiger Klangteppich an der Uraufführung des Melodrams von Bernhard Kathan. (Bild: Ralph Ribi)

Der Ort wäre stimmig gewesen. Tische und Stühle, eine Servicefachangestellte (das heisst heut' so) brachte Getränke, und gleich zu Beginn des Stücks war schwer auszumachen, ob das Klirren der Gläser, die sie auf einem Tablett hereintrug, auf den Notenblättern markiert war oder zufällig atmosphärischen Klang erzeugten. Gepasst hätte die Reibung von Glas sehr wohl. Genauso wie die von den Musikern erzeugten Geräusche von scheppernden Pfannen, vom Hantieren mit Tellern, vom Fegen der Tische, vom Schleifen der Messer.

Nur fiel das Ambiente dann etwas gar nüchtern aus. Von «Blutgetränken» war im Vorfeld die Rede gewesen und vom «Nachstellen» besagter Kneipe, die man sich schon in der Originalgeschichte der Brüder Grimm ziemlich gruselig vorstellt. Das «Blutigste» unter den servierten Getränken war indes Rotwein, und wer sich ins schummrige «Wirtshaus zur Hand des Gehenkten» zu versetzen versuchte, musste ziemlich tief in die Phantasiekiste greifen, handelte es sich doch um nichts weniger, aber auch um nichts mehr als um eine konzertante Aufführung mit Sprecherin. Worin ein weiteres Problem des Abends lag: Zwar las die Schauspielerin Hannah Knabl den Text einwandfrei und unprätentiös, und ihr rotes Kleid bildete einen knalligen Tupfer im sonstigen Grau bis Schwarz. Doch Text- und Klang wollten sich – bildlich ausgedrückt – rhythmisch nicht so recht die Hand reichen.

Imaginäres Gruselkabinett

Während man nämlich dem hochkomplexen Stoff des Schriftstellers und Ausstellungsmachers Bernhard Kathans zu folgen versuchte, verpasste man die Musik; konzentrierte man sich andererseits auf den vielschichtigen Klangteppich, verirrte man sich in der skurrilen Geschichte um «Die drei Feldscherer», die dem Melodram zugrunde liegt und Bernhard Kathan den Stoff boten, um sich Fragen zur modernen und insbesondere der Transplantationsmedizin zu nähern. Von den drei Feldscherern, die behaupten, eine Salbe zu besitzen, die alle Wunden zu heilen vermöge, und dies gleich unter Beweis stellen, indem sich einer seiner Hand, der andere der Augen und der dritte des Herzens entledigt, leitet der Autor, wie die Symbolik im Märchen, über zu den Bedingungen, Grenzen, aber auch zur Masslosigkeit medizinischer Eingriffe am kranken, verletzten – und auch am gesunden Menschen. Wie im surrealen Gruselkabinett schleichen seine Satzwürmer durch labyrinthische Gänge voller Organe, Tinkturen, hochtechnischer Geräte, Prothesen, Blut, lebloser Körper, Körperteile. Dann versetzt er diese abstrakte Ebene zurück ins Wirtshaus, wo «ein Trinker sein Glas hebt und Bier in seine Kehle rinnen lässt», Würste und Braten zubereitet, eine Schweineseite zerlegt wird, ein Soldat sich mit einem Mädchen vergnügt.

Geräusche wie Chiffren

In dieses surreale Geschehen flicht die junge Komponistin Manuela Kerer – in diesen Tagen wird ihr der Kunstpreis der Stadt Innsbruck verliehen – ihren akustisch-motivischen Klangteppich. Sie paraphrasiert die Tonalität des Textes mit einer Vielzahl atonalen Setzungen, die sie einerseits in den Grenztonbereichen der jeweiligen Instrumente ansiedelt, andererseits mit allen möglichen Gerätschaften, vom Eierschneider bis zum nassen Waschlappen, Metallplatte und Plastikrohr, kombiniert. Die steirische Ziehharmonika (Andreas Schreier) salzt das Schweineherz ein; der Harfe (Elisabeth Zeller) kullern die Katzenaugen davon, der Perkussionist (Andreas Schiffer) stapelt Hände… so ungefähr. Den schwersten Part dürfte, von der Dirigentin Ingrid Czaika differenziert geführt, die Sopranistin Barbara Camenzind zu bewältigen gehabt haben. Ihre Einsätze bestanden mehrheitlich aus einzelnen Lauten, unter bemerkenswertem Einsatz ihrer Mimik.

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