Schweigen bedeutet Tod

Amerikanische Kunstschaffende setzten sich in den 1980er und 1990er Jahren für ihre aidskranken Freunde und gegen die Tabuisierung der Krankheit ein.

Christina Genova
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Skulptur an der Art Basel (Bild: ky)

Skulptur an der Art Basel (Bild: ky)

«Küssen tötet nicht. Gier und Gleichgültigkeit schon.» Dieser Slogan steht auf einem Plakat des amerikanischen Künstlerkollektivs «Gran Fury». Darauf küssen sich ein schwarzer Mann und eine weisse Frau, ein schwules und ein lesbisches Paar. Entstanden ist das Plakat 1989, in einer Zeit, in der Aids noch ein Tabuthema war und die Unwissenheit über die Krankheit gross. Ziel von «Gran Fury» war es, mit Strategien, wie sie von der Werbung benutzt werden, ein grosses Publikum zu erreichen.

Reagan als Feindbild

Aids ist jene Seuche, mit der sich bildende Künstler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert am intensivsten auseinandersetzten. Dabei waren Kunst und politisches Engagement häufig untrennbar miteinander verbunden. Besonders in den USA haben sich Künstler lautstark zu Wort gemeldet, um Aufklärung zu betreiben, sich mit den Betroffenen zu solidarisieren und die zögerliche Aidspolitik der Administration Reagan zu kritisieren. Roland Reagan sprach 1987 das Wort Aids erstmals öffentlich aus, obwohl man das Virus schon 1983 nachgewiesen hatte. Auf Reagans notorisches Schweigen bezieht sich die Neonarbeit «Silence = Death» – Schweigen bedeutet Tod. Gekrönt wird sie von einem rosa Winkel, dem Symbol, das die Nazis in den Konzentrationslagern zur Kennzeichnung von Schwulen verwendeten. Andere Strategien wählten Künstler wie David Wojnarowicz oder Mark Morrisroe, welche ihre eigene Aidserkrankung thematisierten und sich damit ein Stück weit von der Opferrolle befreiten.

Fotos von Sterbenden

Sophie Junge, Assistentin am kunsthistorischen Institut der Universität Zürich, forscht zum Thema Aids und Kunst. Ende Februar veröffentlicht sie ein Buch, das sich unter anderem mit Nan Goldin auseinandersetzt, die einige ihrer aidskranken Freunde fotografisch bis zum Tod begleitete. Junge stellt fest, dass die Arbeiten von «Gran Fury» oder dem kanadischen Künstlerkollektiv «General Idea» momentan ein grosses Comeback erlebten: «Werke über Aids von aktivistischen Künstlern kommen in den Museen und auf dem Kunstmarkt an.»

Sophie Junge: Kunst gegen das Verschwinden. De Gruyter 2015, ca. 95 Fr.

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