Literatur: Schwebesekunden, Schreibbilder, schrille Träume

Zwei Gedichtbände und eine Novelle aus Ostschweizer Kleinverlagen verbieten sich der raschen Lektüre.

Dieter Langhart
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Iren Baumann: Ein paar Schwebe­sekunden, Waldgut 2019, 58 S., Fr. 22.– Ruth Loosli: Hungrige Tastatur, ­Waldgut 2019, 105 S., Fr. 24.– Volker Mohr: Das Riesenrad, Loco 2019, 120 S., Fr. 24.–
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Iren Baumann: Ein paar Schwebe­sekunden, Waldgut 2019, 58 S., Fr. 22.– Ruth Loosli: Hungrige Tastatur, ­Waldgut 2019, 105 S., Fr. 24.– Volker Mohr: Das Riesenrad, Loco 2019, 120 S., Fr. 24.–
Iren Baumann: Ein paar Schwebe­sekunden, Waldgut 2019, 58 S., Fr. 22.– Ruth Loosli: Hungrige Tastatur, ­Waldgut 2019, 105 S., Fr. 24.– Volker Mohr: Das Riesenrad, Loco 2019, 120 S., Fr. 24.–

Iren Baumann: Ein paar Schwebe­sekunden, Waldgut 2019, 58 S., Fr. 22.– Ruth Loosli: Hungrige Tastatur, ­Waldgut 2019, 105 S., Fr. 24.– Volker Mohr: Das Riesenrad, Loco 2019, 120 S., Fr. 24.–

«Deine Handschrift hat dich überlebt/ ich stosse manchmal auf sie/ in einem Buch das ich vergessen hatte/ und gerade neu kaufen wollte.» Oder: «Liebe/ mach dich fein/ und vergiss dann/ dass du dich feingemacht hast.» Solche Verse der Lyrikerin Iren Baumann (geb. 1939, lebt in Zürich) zeugen von ihrer Gabe, dem unscheinbaren Alltag wie dem Schwierigen des Lebens einen leichten Strich zu geben. Der Umschlag – von Verleger Beat Brechbühl wie gewohnt auf der Handpresse gedruckt – schlägt einen leichten Ton an: drei fallende Blätter vor hellblauem Hintergrund.

Iren Baumann beobachtet die weissgekleidete Braut, die aus der Kirche tritt; sie beobachtet einen saumseligen Falter, «wenn der Herbst totes Geäst abwirft»; sie hört winters «an den beschlagenen Scheiben/ die Pferde wiehern»; sie fragt sich, ob es die festangestellten Claqueure noch gibt im Theater; sie verbringt die Nacht mit Melville. Ihr neuer Gedichtband heisst «Ein paar Schwebesekunden» – und genau das schenkt Iren Baumann der Leserin.

Welch ein Titel: «Hungrige Tastatur». Ruth Loosli (geb. 1959, lebt in Winterthur) hat ihn für ihren dritten Gedichtband bei Waldgut gewählt, denn Verleger Beat Brechbühl hat stets Hunger nach guter Lyrik. Ruth Loosli streut zwischen ihre Gedichte eine Handvoll «Schreibbilder»: «hühnerhaut haut» oder «words www.»: rhythmische, abstrakte, aber rein dekorative Geflechte aus ihrer Feder.

Looslis Lyrik hebt kämpferisch an: «Schreibe für mich, weil ich mich retten will./ Schreibe für die Welt, weil ich sie retten will./ Schreibe für Gott, weil ich ihn retten will./ Schreibe also für das Wort, damit es sich ersinnen kann/ [...]» Wortspielerisch nimmt sie sich des Alltags an, der Natur und des Jahreslaufs, gibt sich ebenso verspielt wie zeitkritisch, variiert stark die äussere Form. In seinem Nachwort sagt Claudio Notz, der Autorin gehe es «um nicht weniger als Auslotung der menschlichen Existenz», sie streue «Sand ins Getriebe» mit ihrer «Alltagsaufmerksamkeit» und entlasse einen «verändert in die Welt hinaus». So endet der Band: «Das Gedicht verbeugt sich und geht./ Der Vorhang fällt über dem Auge.»

Wenn das scheinbar ­Normale kippt

Gegen die sich verändernde, verdüsternde Welt schreibt der Schaffhauser Volker Mohr seit Jahren an. Seine jüngste Novelle spielt auf einer Chilbi. Protagonist Michael Sternheim entlässt seinen Bub in den «Flying Circus» und gönnt sich nach Jahren eine Fahrt auf dem Riesenrad. Doch kaum sitzen er und drei weitere Personen in ihren Gondeln und nehmen Fahrt auf, verschiebt sich alles. Ins Gekreische mischt sich ein merkwürdiges Geräusch, das Riesenrad will nicht anhalten, dreht sich immer rascher – doch draussen reagiert keiner. Sternheim beginnt an seiner Urteilskraft zu zweifeln, die andern verfallen in Lethargie. Dann findet er sich in einer andern Welt wieder, in der Männer auf Hüten stehen. «Wir sind auf der Hut – zu jeder Zeit», sagen sie. Was sich als Komödie anlässt, wird zur Groteske.

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