Schwarz wie Teer

Der amerikanische Künstler Theaster Gates öffnet im Kunsthaus Bregenz sein «Black Archive» und entlarvt die afroamerikanischen Stereotypen mit riesigen, tanzenden Puppen und seinen Teerbildern. Dabei geht es ihm immer um die Frage, was «Schwarzsein» bedeutet.

Florian Weiland
Drucken
Teilen
Schwarze als ergebene Diener oder tanzende Sklaven: Gates vergrössert die Figuren und sorgt dafür, dass die Besucher vor den Puppen tanzen. (Bild: Miro Kuzmanovic)

Schwarze als ergebene Diener oder tanzende Sklaven: Gates vergrössert die Figuren und sorgt dafür, dass die Besucher vor den Puppen tanzen. (Bild: Miro Kuzmanovic)

BREGENZ. Ein harmloser Spass? Ein schwarzer Diener beugt sich vor und zurück, lässt Hände und Beine baumeln. Solche Figuren waren im 19. Jahrhundert beliebt. Der Künstler Theaster Gates hat die Jahrmarktfigur ins Gigantische vergrössert, so dass die herabwürdigende Nippesfigur mit einem mal unheimlich erscheint. Um sie in Bewegung zu versetzen, muss der Ausstellungsbesucher aktiv werden, das Brett, auf dessen anderem Ende die monströse, über vier Meter grosse Figur steht, betreten – und selber vor den Augen des «Dancing Minstrel» tanzen. Und es stellt sich die Frage, wer sich hier der Peinlichkeit preisgibt.

Kinderkopf als Nadelkissen

Der amerikanische Künstler (*1973) beschäftigt sich in seinem Werk mit den sogenannten «Negrobilia», historischen Figuren, die Afroamerikaner in stereotyper Weise darstellen. Die Schwarzen werden als ergebene Diener, freundliche Mommies oder tanzende Sklaven dargestellt. Sie haben krauses Haar, dicke Lippen und üppige Pos. Auch eine kleine Babypuppe gehört zu dieser Sammlung. Das Original ist nur wenige Zentimeter gross. Gates hat auch diese Figur – sie diente als Nadelkissen – vergrössert. Der mit gelben Haarschleifen und einer Perle geschmückte, körperlose Kopf hat nichts Niedliches mehr. Traurig stiert die schwarze Riesin in den Raum.

Shirley Temple tanzt

Gates' Arbeiten sind entlarvend und bitter. Der Auftakt zur Ausstellung fällt ungleich harmloser aus. Zumindest auf den ersten Blick. Im Foyer sind Ausschnitte aus einem Hollywoodfilm mit Shirley Temple aus dem Jahr 1935 zu sehen. In einer Szene tanzt Uncle Bill, der schwarze Schauspieler Bill «Bojangles» Robinson, auf einer Treppe. Das blondgelockte Mädchen beginnt, ihn nachzuahmen. Zusammen tanzen und steppen sie. Die Filmausschnitte werden immer wieder von Blackouts unterbrochen. Gates formuliert bereits hier die Frage, die ihn umtreibt: Was bedeutet «Schwarzsein»?

In der Ausstellung riecht es nach Teer. Kein Wunder – im ersten Obergeschoss hängt eine ganze Reihe von Teerbildern, im Eingangsbereich bilden Paletten von eingeschweissten Rollen mit Teerpappe eine dunkle, schwarz glänzende Mauer. Und auch die beiden Skulpturen sind mit Teer bemalt. Dickflüssige Tropfen perlen von den Gesichtern. «Teer ist eine Haut, die man nicht los wird», sagt der in Chicago lebende Künstler. Schwarze Haut ist wie Teer. Die Metapher ist unmissverständlich, wenngleich vielleicht eine Spur zu dick aufgetragen. Und natürlich denkt man auch an Menschen, die geteert wurden. Eine Foltermethode, mit der der rassistische Ku-Klux Klan Schwarze gequält hat.

Die Teerbilder von Theaster Gates haben eine starke politische Komponente. Aber zugleich verweisen sie auch auf die Kunst der Moderne, etwa auf die «Black Paintings» von Richard Serra, die vor einigen Jahren in Bregenz zu sehen waren. Gates hat seine Teerbilder in einem Dachdeckerbetrieb in Hohenems angefertigt. Dachpappe wurde mit einem gasbetriebenen Brenner erhitzt und in Schichten über- und aneinander gelegt. Schmauchspuren bilden sich, rauchige Wolken. Die Strukturen, die sich durch den Teer ergeben, sind nicht berechenbar. Aus den Nähten quillt die zähe Masse. Teer ist ein widerstandsfähiges und widerspenstiges Material. Das Ergebnis sind bruchfeste, beständige und wetterfeste Collagen, aber in erster Linie faszinierende, abstrakte Gemälde.

Mit billigen Magazinen

Ebenfalls an abstrakte Bilder – ganz konkret an Kompositionen des Bauhausschülers Josef Albers – erinnern die Installationen in der zweiten Etage. Doch sie sind nicht gemalt. Verschieden farbige Buchrücken bilden die streng geometrischen Motive. Es handelt sich um gebundene Ausgaben des «Jet-Magazins». Die seit den 1950er-Jahren wöchentlich erscheinende Zeitschrift dokumentiert das schwarze Leben in den Staaten. Ein billiges Blatt, in dem es um Sport, Politik und Klatsch geht. Gates kauft ganze Jahrgänge auf und lässt sie binden. Sie sehen nun aus wie edle Literaturklassiker. In anderen Werken werden Ausgaben des Magazins «Ebony» verarbeitet. Wie bei den Büchern ist auch hier kein Reinblättern möglich.

Vor dem Vergessen bewahren

Das Archivieren scheinbar wertloser Dokumente ist Gates ein wichtiges Anliegen. Denn auch diese hätten, betont Gates, ebenso wie die unsäglichen stereotypen Nippesfiguren, die er sammelt, eine Bedeutung, die drohe, vergessen zu werden. Wie ein Fremdkörper in der Ausstellung wirkt dagegen eine Heiligenskulptur im ersten Obergeschoss. Sie stellt den Heiligen Laurentius dar. Gates schätzt den frühchristlichen Märtyrer, weil dieser Bibliotheken gestiftet habe, um Armen Zugang zum Wissen zu ermöglichen. Er bezeichnet ihn als eine Art Engelserscheinung.

Aktuelle Nachrichten