Schwangerschaft in Trauer

François Ozon erzählt in seinem subtilen Drama «Le refuge» von einer schwangeren jungen Frau, die sich nach dem Drogentod ihres Freundes ans Meer zurückzieht. Die Ode an die Mütterlichkeit ist derzeit im Kinok zu sehen.

Walter Gasperi
Drucken
Szene aus «Le refuge» mit Isabelle Carré in der Rolle von Mousse. (Bild: pd/Frenetic)

Szene aus «Le refuge» mit Isabelle Carré in der Rolle von Mousse. (Bild: pd/Frenetic)

Das Meer – und immer wieder das Meer. Im filmischen Werk François Ozons spielt es eine zentrale Rolle. Schon 1997 drehte der damals 30jährige Franzose einen mittellangen Spielfilm mit dem Titel «Besuch am Meer», und in «Sous le sable» (2000) verliert Charlotte Rampling ihren Ehemann am Meer. Die rückwärts erzählte Paargeschichte «5×2» (2004) endet mit einem romantischen Sonnenuntergang am Meer, dem freilich die vier vorangegangenen Episoden jede Hoffnung auf ein glückliches Ende ausgetrieben haben.

Und ans Meer fährt am Ende auch der todkranke Protagonist von «Le temps qui reste» (2005).

Rückzug ins Refugium

Mit «Le refuge» schliesst Ozon seine «Trilogie über die Trauer» ab, die er mit «Sous le sable» begann und mit «Le temps qui reste» fortsetzte. Tod und Geburt, die Eckpunkte des Lebens, sind auch die Eckpfeiler dieses kleinen, digital, aber in Cinemascope gedrehten Dramas.

Sie stehen am Anfang und am Ende der Geschichte, dazwischen das langsame Werden eines neuen Lebens – und das durchaus in doppeltem Sinne.

Inspiriert zum Film hat den Franzosen die Schwangerschaft einer befreundeten Schauspielerin. Die wollte die Rolle zwar nicht annehmen, doch in der ebenfalls schwangeren Isabelle Carré fand er einen Ersatz und entwickelte, ausgehend von der realen Schwangerschaft seiner Hauptdarstellerin, eine Geschichte.

Anders als in seinem letzten Film «Ricky», in dem mit märchenhaft-surrealen Einschüben von den Auswirkungen der Geburt eines Babies auf eine Paarbeziehung erzählt wurde, bleibt François Ozon hier ganz auf dem Boden der Realität.

Trist und hart ist der Beginn in Paris: Hautnah ist die Kamera am jungen, drogensüchtigen Paar Louis und Mousse. Louis stirbt an einer Überdosis, Mousse überlebt und erwacht Tage später im Krankenhaus.

Der Arzt erklärt ihr, dass sie schwanger sei, Louis' Mutter drängt sie abzutreiben, doch die junge Frau will das Kind behalten.

Erinnert diese Eröffnung in ihrer Direktheit und der kalten Atmosphäre an das körperbetonte Kino eines Patrice Chéreau, so bringt Mousses Rückzug an das titelgebende Refugium an der Côte d'Azur einen Neubeginn – formal ebenso wie für die Protagonistin.

Wiederentdeckung der Welt

Ist Mousse zunächst noch in Trauer versunken und reagiert harsch auf den Besuch von Louis' schwulem Bruder Paul, taut sie langsam auf, wird gelöster und beginnt die Welt und das Leben neu zu entdecken. Spürbar wird das, wenn an die Stelle weniger harter Gitarrenriffs am Beginn sanfte Klaviermusik tritt und Licht und sommerliche Küstenlandschaft eine Stimmung evozieren, die an die leichten Beziehungsfilme Eric Rohmers erinnert.

Langsam kommt Mousse so Paul näher, doch dem Zuschauer bleiben diese Figuren ziemlich fremd. Zu wenig Informationen werden geliefert, als dass Interesse für sie geweckt werden könnte. Das soziale Umfeld spart Ozon ebenso aus wie jede Vorgeschichte. Dafür rückt er ausgiebig Isabelle Carrés gewölbten Bauch ins Bild und lässt die sich nähernde Geburt des Kindes mit Mousses innerer Wiedergeburt korrespondieren.

Weit mehr als sie selbst scheint aber Paul von der Schwangerschaft und der Übernahme von Verantwortung für einen Neugeborenen fasziniert. Da schlägt «Le refuge» im Finale eine überraschende, durchaus konsequente Volte und bringt eine Mutterrolle in Spiel, bei der Geschlechtervorstellungen auf den Kopf gestellt werden.

Kinok in der Lokremise, heute Mi, 17.30 Uhr; 24.9., 21.30 Uhr, und letztmals 28.9., 20.30 Uhr